Interview

Ex-US-General über Putins Armee: „Nicht mit der Roten Armee zu vergleichen“

Die russischen Truppen haben bei ihrem Einmarsch in der Ukraine schwere Verluste erlitten.

Die russischen Truppen haben bei ihrem Einmarsch in der Ukraine schwere Verluste erlitten.

Bild: Alex Chan, dpa

Die russischen Truppen haben bei ihrem Einmarsch in der Ukraine schwere Verluste erlitten.

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Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine droht in einem Abnutzungskonflikt zu enden, sagt Mark Kimmitt, Brigadegeneral a.D. der US-Armee im Interview.
11.05.2022 | Stand: 13:35 Uhr

Herr Brigadegeneral, hat Russlands Präsident Putin mit seiner Weltkriegsrede am 9. Mai den russischen Truppen im Feld einen Schub gegeben?

Mark Kimmitt: Es ist schwer, in dieser Rede irgendetwas herauszulesen, was die in der Ukraine kämpfenden Truppen anspornen könnte.

Wie bewerten Sie die bisherige militärische Leistung der russischen Armee?

Kimmitt: Ich würde die Performance der Russen derzeit als sehr unterdurchschnittlich bezeichnen. Verglichen mit früheren russischen oder sowjetischen militärischen Operationen haben sie klar versagt. Was wir in der Ukraine sehen, ist nicht mit der Roten Armee zu vergleichen, die im Zweiten Weltkrieg die deutsche Wehrmacht niedergerungen hat. Zudem verüben die Russen offensichtlich Kriegsverbrechen. Das ist nicht nur entsetzlich, sondern auch höchst unprofessionell. Zwar haben die Russen einige ihrer Unterziele erreicht. Sie haben sich im Donbass festgesetzt. Sie kontrollieren die Landbrücke zur Halbinsel Krim. Sie haben aber nicht ihr großes Ziel erreicht, nämlich die Hauptstadt Kiew im Handstreich zu nehmen und die politische Führung durch ein Marionettenregime zu ersetzen. Jetzt deutet alles auf einen langen, blutigen Abnutzungskrieg hin. Die Russen handeln nicht gemäß ihrer eigenen klassischen Doktrin …

Wie sieht diese Doktrin aus?

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Kimmitt: Ein Teil der Doktrin schreibt vor, zu Beginn eines Angriffes die feindlichen Stellungen massiv mit Artillerie und Raketen zu attackieren. Der Gegner wird sturmreif geschossen, ein „shock and awe“. Dann erfolgt ein frontaler Hauptangriff mit Bodentruppen auf einer Linie. Als die Rote Armee 1945 zum Sturm auf Berlin ansetzte, zogen die Kommandeure 9000 Geschütze auf einer Läge von 35 Kilometer zusammen. Etwas Vergleichbares sehe ich heute in der Ukraine nicht. Wenn die Russen in der Ukraine angreifen, fehlt oft der nötige vorherige massive Artilleriebeschuss. Ich glaube, die russische Armee hat Probleme mit der Artillerielogistik. Und die Russen rücken nicht einheitlich vor, sondern in nicht zusammenhängenden Linien. Sie unternehmen kleine verstreute Angriffe, aber keine Großangriffe.

Ist auch der Kampf mit taktischen nuklearen Waffen ein Teil der Doktrin?

Kimmitt: Ja. Das russische Militär betrachtet den Einsatz taktischer nuklearer Waffen als Teil einer konventionellen Kriegsführung. Diese Waffen stehen bei den Russen gewissermaßen am Ende eines Kontinuums von Kriegsgeräten, die auf dem Schlachtfeld zum Einsatz kommen können.

Glauben Sie also, dass Putin taktische nukleare Waffen einsetzen wird?

Kimmitt: Ich könnte mir vorstellen, dass die Russen auf einem Truppenübungsgelände in einem entlegenen Teil ihres riesigen Landes taktische Nuklearwaffen verschießen. Das wäre eine klare Botschaft zur Einschüchterung an ihre Gegenspieler: „Seht her, wir haben die Waffen und wir machen auch Gebrauch davon“. Andererseits glaube ich nicht, dass Putin tatsächlich taktische Nuklearwaffen in der Ukraine oder bei einem möglichen Angriff auf Moldau gebrauchen wird. Er würde sich diese Waffen für einen Kampf gegen Nato-Länder aufheben.

Das nukleare Muskelspiel der Russen geht aber weiter. In einem Manöver in Kaliningrad übten sie „elektronische Starts“ von mobilen ballistischen Iskander-Raketensystemen, die mit nuklearen Sprengköpfen bestückt sein können …

Kimmitt: Ja, dieses Manöver passt gut in Putins nukleare Drohkulisse hinein. Die Tatsache, dass der Ort der Übungen an zwei Nato-Mitgliedsländer grenzt, verschärft die Spannungen mit dem Westen erheblich. Putin hat die politische Konfrontation bewusst weiter eskalieren lassen.

Könnten es die Streitkräfte des Kremls in einem konventionellen Krieg mit den Nato-Truppen aufnehmen?

Kimmitt: Zurzeit nicht. Ganz klar nein. Die russischen Kampfeinheiten wären für eine Konfrontation mit der Nato-Streitmacht nicht stark genug. Zu viele Truppen sind bereits in der Ukraine gefangen, verwundet oder gefallen. Auch dürfte die Moral vom einfachen Soldaten bis hin zu den Generälen erheblich angeknackst sein. Zudem haben die Russen viel Material verloren oder es wurde beschädigt. Bis Ende April mussten sie nach Angaben eines Analysten des „Centers for Strategic and International Studies“ 939 Panzer, 421 Artilleriegeschütze, 185 Flugzeuge und 155 Hubschrauber abschreiben. Wahrscheinlich lassen sich die Ausfälle durch Reaktivierung von Systemen aus der Sowjetzeit zahlenmäßig kompensieren. Nur sind diese Systeme veraltet und es ist nicht klar, ob die nötigen Besatzungen verfügbar sind.

Wie bewerten Sie die militärische Leistung der Ukrainer?

Kimmitt: Sie haben bisher noch nichts wirklich Spektakuläres geleistet. Ihre Moral und ihr Kampfeswille verdienen jedoch die höchste Bewertung, sie sind hervorragend. Die Armee profitiert von der eindrücklichen Führung durch Präsident Wolodymyr Selenskyj und dem überlebenswichtigen westlichen Nachschub mit Waffen und Munition. Ich verweise ebenso auf die nachrichtendienstliche Unterstützung der Nato-Länder, um Ziele wie den Lenkwaffenkreuzer Moskwa zu lokalisieren.

Die „New York Times“ berichtet, dass von den USA bereitgestellte Informationen der Ukraine helfen, russische Generäle zu attackieren und zu töten …

Kimmitt: Bei unseren Tracking-Fähigkeiten, insbesondere beim Tracking von Mobiltelefonen, ist das nicht verwunderlich. Es macht Sinn, dass wir die Infos an das ukrainische Militär weitergeben. Das ukrainische Konzept, auf Generale zu zielen, ist gut durchdacht. Damit können die Ukrainer die russischen Kommandostrukturen erheblich schwächen. Ein Verband ohne Führung bewirkt weniger als ein Verband mit Führung. Außerdem haben die Verluste auf oberster russischer Ebene eine große symbolische Wirkung. Sie demonstrieren, wie verwundbar Putins Armee ist.

Die Russen greifen vermehrt das Eisenbahnnetz und Bahnhöfe an. Können sie so den Nachschub aus Nato-Ländern entscheidend schwächen?

Kimmitt: Beide Seiten haben erkannt, wie wichtig der Nachschub nicht nur mit Waffen und Munition, aber auch mit Proviant, Treibstoff und Ersatzteilen ist. Die Ukrainer zielen auch auf den russischen Nachschub. Bislang kann ich nicht erkennen, dass eine Partei bei der Zerstörung der Nachschublinien einen großen Vorsprung hat.

Sorgen die westlichen Lieferungen für eine waffentechnische Überlegenheit der Ukrainer?

Kimmitt: Meiner Einschätzung nach sind die meisten Waffensysteme der beiden Kriegsparteien in etwa gleichwertig. Es gibt aber auch große Vorteile für die Ukrainer. Sie setzen Drohnen sehr effektiv bei der Feindaufklärung und bei Angriffen ein. Besonders sticht die Drohne Bayraktar TB2 aus türkischer Produktion hervor. Die Russen hingegen scheinen nicht über ein vergleichbares System zu verfügen. Überhaupt sieht es so aus, als ginge der russische Vorrat an Präzisionswaffen zur Neige.

Zur Person: Mark Kimmitt, 67, Brigadegeneral a.D., war unter Präsident George W. Bush einer der ranghöchsten Militärs. Er diente etwa in Bosnien, im Kosovo und im Irak. Er war auch in Deutschland stationiert.

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