Impfpflicht

Heikles Thema Corona-Impfpflicht: Scholz und Lauterbach halten sich zurück

Bundeskanzler Olaf Scholz sagt: "Wenn wir eine Impfpflicht festsetzen, betrifft das jede Bürgerin und jeden Bürger."

Bundeskanzler Olaf Scholz sagt: "Wenn wir eine Impfpflicht festsetzen, betrifft das jede Bürgerin und jeden Bürger."

Bild: Michael Matthey, dpa

Bundeskanzler Olaf Scholz sagt: "Wenn wir eine Impfpflicht festsetzen, betrifft das jede Bürgerin und jeden Bürger."

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Weder der Bundeskanzler noch der Gesundheitsminister wollen das sensible Thema an sich ziehen. Karl Lauterbach arbeitet dennoch im Hintergrund mit.
14.01.2022 | Stand: 06:45 Uhr

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ist bei der Impfpflicht offiziell auf Tauchstation. Aus Neutralitätsgründen, wie er in einem Interview mit dem Portal Media Pioneer erklärte, will er keinen eigenen Gesetzentwurf vorlegen. Wenn man jedoch dieser Tage ein bisschen bei der SPD umhertelefoniert, dann zeigt sich: Das Gegenteil ist der Fall. In seiner Funktion als Abgeordneter mischt Lauterbach sehr wohl bei der Arbeit für eine Impfpflicht mit. Es soll nur nicht so aussehen, als bestimme hier ein Regierungsmitglied den Kurs. Das Taktieren um das sensible Thema beherrscht die Überlegungen der Ampel-Parteien.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) lässt die Entwicklung zu. Genau wie Lauterbach befürwortet er die Impfpflicht gegen den Corona-Erreger, will aber seitens der Regierung keinen Gesetzentwurf vorlegen. Scholz hat das Thema zur Gewissensentscheidung freigegeben und damit der Fraktions- und Koalitionsdisziplin entzogen, um seinem Bündnis aus SPD, Grünen und FDP eine erste Zerreißprobe zu ersparen. Denn für die Freien Demokraten ist der Zwang zur Spritze mehr als ein saurer Apfel.

Die FDP übernimmt die Führung beim Thema Impfpflicht

Ironischerweise übernehmen die Liberalen mittlerweile die Führung bei dem umstrittenen Projekt. Der FDP-Abgeordnete und Arzt Andrew Ullmann, der wie Lauterbach Professor ist, treibt das Thema voran. Er schlägt eine Impfpflicht für Ältere vor, weil Corona für sie gefährlicher ist als für Jüngere. Als Richtwert hält er 50 Jahre für überlegenswert. Damit das Parlament nicht allein ist bei der Gesetzgebungsarbeit, sorgen Scholz und Lauterbach dafür, dass der Sachverstand der Ministerien einfließen kann. „Sofern wir Parlamentarier für unsere Vorschläge gesetzgeberische Formulierungshilfen benötigen, werden die Ministerien uns entsprechend zuarbeiten“, sagte Ullmann unserer Redaktion.

Ende Januar soll der Bundestag in einer Orientierungsdebatte über die Impfpflicht diskutieren. „Von dieser Debatte erhoffe ich mir viel. Sie wird zeigen, welche weiteren Positionen und Kooperationsmöglichkeiten im Plenum existieren“, erklärte Ullmann. Danach könnten die nächsten Schritte zügig beschlossen werden. Dass die Impfpflicht noch etwas gegen die Omikron-Woge ausrichten kann, ist damit unwahrscheinlich. Dafür war sie wohl auch nie geplant. Allerdings ist es für die Legitimität des Vorhabens nützlich, wenn die Ansteckungszahlen hoch sind.

Corona-Impfpflicht: Dobrindt kritisiert Gesundheitsminister Lauterbach

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CDU und CSU nutzen die Gelegenheit des zaudernden Kanzlers und seines derzeit wichtigsten Ministers für Angriffe auf die neue Regierung. „Als Lauterbach für die Impfpflicht zu sein und andererseits nichts dafür zu tun, ist blanke Arbeitsverweigerung", sagte CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt unserer Redaktion. Der Gesundheitsminister stehle sich aus der Verantwortung.

Der Vorwurf kam postwendend aus der Ampel-Koalition zurück. „Leider verweigern sich die Kollegen von der Union aus parteitaktischen Gründen jeder Mitarbeit“, sagte FDP-Mann Ullmann. Wegen des gegenseitigen Belauerns und Abwartens bei dem Aufregerthema findet sich der Liberale mittlerweile in der Lage, die Impfpflicht zu vertreten.

Viele Abgeordnete orientieren sich bei ihrer Entscheidungsfindung am deutschen Ethikrat. Dessen Mitglieder befürworten mehrheitlich eine Impfpflicht. Diese könne zwar die aktuelle Infektionswelle nicht brechen, aber zum Schutz vor kommenden Wellen beitragen. Der Rat weist gleichzeitig auf die aus einer Impfpflicht resultierenden Einschränkungen individueller Freiheiten hin. Diese seien nur gerechtfertigt, wenn gravierende negative Folgen, wie eine hohe Sterblichkeit, in künftigen Wellen oder einen Kollaps des Gesundheitssystems verhindert oder zumindest abgeschwächt werde.

Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Die Politik droht sich mit der Impfpflicht zu blamieren