Kommentar

Panik ist in der Gaskrise nicht angebracht

Noch weiß niemand, ob das Gas tatsächlich so knapp wird, dass es zugeteilt werden muss. Käme es dazu, wären Bund und Länder aber wohl vorbereitet.

Noch weiß niemand, ob das Gas tatsächlich so knapp wird, dass es zugeteilt werden muss. Käme es dazu, wären Bund und Länder aber wohl vorbereitet.

Bild: Hauke-Christian Dittrich, dpa (Symbolbild)

Noch weiß niemand, ob das Gas tatsächlich so knapp wird, dass es zugeteilt werden muss. Käme es dazu, wären Bund und Länder aber wohl vorbereitet.

Bild: Hauke-Christian Dittrich, dpa (Symbolbild)

Der Gasmangel könnte dafür sorgen, dass Wohnungen kalt bleiben und Firmen stillstehen. Wen es trifft, entscheidet ein Krisenteam. Doch es gibt einen Lichtblick.
11.08.2022 | Stand: 13:04 Uhr

Klaus Müller ist ein fröhlicher Mensch. Nicht im Sinne einer rheinischen Frohnatur, dafür lebte der gebürtige Wuppertaler wohl zu lange im Norden Deutschlands. Aber eben fröhlich, optimistisch. Dass dieser Mann als Chef der Bundesnetzagentur bald zum Fiesling der Nation wird, weil er ganzen Industriezweigen im Falle einer Gasmangellage den Hahn abdreht, scheint unvorstellbar.

Viele wollen Müller gerade in diese Rolle drängen. In Wahrheit ist die Lage komplizierter und das ist in diesem Falle gut so. Denn die Entscheidung über die Gasversorgung in Krisenzeiten wird nicht einem Einzelnen überlassen. Schließlich könnte Müller bei einer Fehleinschätzung das bayerische Chemiedreieck lahmlegen oder ganz Baden-Württemberg, den größten Industriestandort Deutschlands. Nicht nur für eine Woche oder einen Monat, sondern über Jahre hinaus.

Noch weiß niemand, ob das Gas tatsächlich so knapp wird, dass es zugeteilt werden muss. Käme es dazu, wären Bund und Länder vorbereitet. Die Bundesnetzagentur sammelt seit Monaten Daten zum Gasverbrauch. Entscheidungen über Abschaltungen würden in einem Krisenteam gefällt, das seit geraumer Zeit mindestens jeden zweiten Tag zusammenkommt. Vier Bundesländer sind dabei, die zusammen alle 16 vertreten: Nordrhein-Westfalen für Westdeutschland, Bayern für den Süden, Mecklenburg-Vorpommern für den Osten und Niedersachsen für den Norden Deutschlands. Außerdem gehören zwei Netzbetreiber, der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), das Innen- und das Wirtschaftsministerium sowie die Bundesnetzagentur dem Team an.

Wenn das Gas nicht reicht, muss irgendwo eingespart werden

Es wird in Sachen Gasnotlage viel Unruhe geschürt. Einzelne Länder, Hamburg etwa, wollen mit am Tisch sitzen. Branchenverbände fordern für ihre Mitglieder das gleiche Recht ein, jedes Unternehmen wiederum kann gute Gründe vorbringen, warum es unbedingt weiter mit Gas beliefert werden muss. Die Beratungen zur Corona-Pandemie indes haben gezeigt, dass wenig Übersichtliches dabei herauskommt, wenn die Runden Tische zu groß sind. Und alle Interessen können im Notfall nicht unter einen Hut gebracht werden. Wenn das Gas nicht reicht, muss irgendwo eingespart werden.

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Gasverbrauch

Gassparen: Bundesnetzagentur fordert stärkere Anstrengungen

Panik ist nicht angebracht. Die Bundesnetzagentur hat schon mit dem Beginn der Energiekrise begonnen, Transparenz herzustellen und die Grundsätze der Gasverteilung zu veröffentlichen. Die können die Sorge vor partiellen Ausfällen nicht nehmen, wenden sich aber sehr wohl gegen die Annahme, Teile der deutschen Industrie seien dem Untergang geweiht.

Wenn alle sparen, kommt Deutschland gut durch den Winter

So berücksichtigt die Bundesnetzagentur - die im Ernstfall zum sogenannten Bundeslastverteiler wird - unter anderem sowohl die zu erwartenden wirtschaftlichen Schäden einer Gasabschaltung als auch die Kosten, die für die Wiederinbetriebnahme aufgebracht werden müssten. Sie strebt „mit Priorität an“, dauerhafte Sachschäden an Anlagen zu vermeiden. Dahinter steckt die Sorge, dass Glashütten und ähnliche Betriebe ihre Öfen nicht mehr gebrauchen können, wenn die erst einmal erkaltet sind.

Forscher kommen in einer Fortschreibung der im März veröffentlichten Studie von Ökonomen um Rüdiger Bachmann gar zu dem Schluss, „dass Deutschland ohne russisches Gas durch den Winter kommen kann“. Im Fall eines Komplettausfalls russischer Lieferungen müsste Deutschland seinen Verbrauch bis zum Ende der Heizperiode im April 2023 um etwa ein Viertel oder 210 Terawattstunden reduzieren. Laut Bundesnetzagentur ist der Verbrauch im Vorjahresvergleich bereits um 15 Prozent zurückgegangen. Der Rest scheint machbar, wenn alle die Einsparmaßnahmen umsetzen, die möglich sind. Gasabschaltungen wären unnötig. Und Klaus Müller könnte ein fröhlicher Mensch bleiben.

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