Landtagswahlen in Baden-Württemberg

Schock für die Grünen in Baden-Württemberg: Kretschmann muss im Wahlkampf kürzertreten

Wegen der Krebserkrankung seiner Frau Gerlinde Kretschmann zieht sich der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann aus dem Wahlkampf zurück.

Wegen der Krebserkrankung seiner Frau Gerlinde Kretschmann zieht sich der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann aus dem Wahlkampf zurück.

Bild: Marijan Murat, dpa (Archivbild)

Wegen der Krebserkrankung seiner Frau Gerlinde Kretschmann zieht sich der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann aus dem Wahlkampf zurück.

Bild: Marijan Murat, dpa (Archivbild)

Der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann will wiedergewählt werden. Doch eine schwere Krankheit seiner Frau zwingt ihn nun zum Innehalten.
12.02.2021 | Stand: 17:36 Uhr

Gerlinde Kretschmann ist ganz anders als ihr Mann. Schön zu beobachten zum Beispiel beim Landespresseball, wenn nicht gerade Corona ist: Er, ganz ungewohnt, im Smoking und trotzdem mit seinen berühmten Entenschuhen, nur eben in Schwarz, trottet hinter seiner Frau her. Sie stürmt voraus in einem kunterbunten Kostüm, scheint alle zu kennen, verteilt hie und da Küsschen. Ein bisschen wie an Fastnacht. Die First Lady kann mit de Leut' und ist ansteckend fröhlich. Doch das jetzt wieder von ihr die Rede ist, hat einen traurigen Anlass. Gerlinde Kretschmann hat Brustkrebs. Und ihr Mann hat das öffentlich gemacht - mitten im Endspurt des Wahlkampfs.

Trotz Wahlkampf und Corona will Kretschmann seiner Frau beistehen

Warum macht er das? Weil aufgefallen ist, dass sich der 72-Jährige etwa an diesem Freitag bei zwei Runden mit den Spitzenkandidaten vertreten lässt. Mit seiner schriftlichen Erklärung will der Grüne allen Spekulationen den Boden entziehen. Tenor: Er muss seiner Frau beistehen und deshalb bei politischen Terminen - auch im Wahlkampf - kürzertreten. Die beiden sind seit 1975 verheiratet, haben drei Kinder und erste Enkel. Doch eigentlich hat der Ministerpräsident für Privates gerade gar keine Zeit: Es ist mehr als ein Fulltime-Job das Virus zu bekämpfen. Und: Der angepeilte Sieg bei der Landtagswahl am 14. März gegen den momentanen kleinen Koalitionspartner CDU ist kein Selbstläufer.

Keine Rücktritt angekündigt

Auffällig in der Erklärung vom Freitag: Kretschmann sagt nicht ausdrücklich, dass er trotz der schweren Erkrankung seiner Frau (73) Spitzenkandidat der Grünen bleiben wird. Sein Sprecher und Vertrauter Rudi Hoogvliet antwortet auf die Nachfrage, ob Kretschmann über einen Rückzug nachgedacht habe: "Das steht nicht im Raum." Doch Kretschmanns Erschütterung ist aus den Sätzen der Erklärung herauszulesen: "Es geht ihr den Umständen entsprechend, aber es kommen nun schwere Zeiten auf sie zu. Ich will für sie da sein, so gut es geht."

Wahlkampf ohne Kretschmann? Der Altstar der Grünen prangt von so gut wie jedem Wahlplakat der Grünen im Land. Und trotzdem ist das auf den ersten Blick kein Beinbruch: In Corona-Zeiten gibt es sowieso kaum Wahlkampf, geschweige denn in Präsenz. Und trotzdem ist das für die Grünen im Land und im Bund im Superwahljahr ein schwerer Schlag. Denn: Es verstärkt die Zweifel, die es gibt, seit Kretschmann im Herbst 2019 entschieden hat, ein drittes Mal anzutreten. Die bohrenden Fragen lauten: Wie lange hält der Grünen-Oldie noch durch? Und wer wird sein Nachfolger, wenn er noch mal gewinnt und womöglich zur Hälfte der Wahlperiode abtritt, dann mit fast 75?

Kretschmanns Beliebtheit soll Grünen den Sieg bringen

Weil Kretschmann so beliebt ist, traut sich die politische Konkurrenz bisher kaum persönlich an ihn ran. Beim CDU-Parteitag vor drei Wochen stichelte CDU-Landeschef Thomas Strobl: "Bei den Grünen gibt es vor allem eine Idee und die heißt Winfried Kretschmann. Und dann ist nicht mehr viel. Und was kommt eigentlich danach?" Und Günther Oettinger, von 2005 bis 2010 selbst Ministerpräsident, spricht aus, was viele in der Südwest-CDU denken: Kretschmann werde von seiner Partei nur noch als "Trojanisches Pferd aufs Schlachtfeld gerollt". Soll heißen: Kaum ist der Sieg errungen, kommen andere: Zum Beispiel der frühere Grünen-Bundeschef und Stuttgarter Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir.

Doch Strobl, Vize-Ministerpräsident und Innenminister, muss vorsichtig sein. Wenn Kultusministerin Susanne Eisenmann (56), die ihn im Kampf um die CDU-Spitzenkandidatur ausgestochen hat, verliert, muss der 60-Jährige womöglich wieder mit den Grünen über eine Koalition verhandeln. Und danach sieht es in den Umfragen gerade aus, obwohl Eisenmann mit dem Slogan "mit neuer Energie" wirbt. Zudem könnte es sein, dass Kretschmann in seiner dritten Amtszeit zu einer Ampel mit SPD und FDP wechseln will. Dann säße die CDU mit der AfD auf den Oppositionsbänken. Es wird spekuliert, mit den kleineren Partnern wäre es womöglich einfacher als mit einer fast gleichstarken CDU, mitten in der Wahlperiode den Regierungschef zu wechseln.

Cem Özdemir als Ministerpräsident falls Kretschmann ausfällt?

Aber wer sollte das sein? Özdemir, der Mann aus Bad Urach mit türkischen Wurzeln, lebt eigentlich mit seiner Familie in Berlin. Der 55-Jährige spekuliert dem Vernehmen nach darauf, nach der Bundestagswahl in einer schwarz-grünen Koalition Minister zu werden. Aber wenn das nichts wird, wer weiß. Doch auch die Grünen fragen sich: Würden die Baden-Württemberger Özdemir als Regierungschef haben wollen? Bis dahin könnte der zu Kretschmann äußerst loyale Landtagsfraktionschef Andreas Schwarz (41) seine Chancen noch verbessern. Der Schlaks mit seinen 2,01 Meter gilt intern mittlerweile als eine Art Kamala Harris, die den betagten Joe Biden eines Tages ablösen könnte.

Und Kretschmann? Der muss nun erstmal sehen, dass seine Frau wieder gesund wird. Ausgerechnet sie, die sich als Schirmherrin eines landesweiten Mammografie-Screening-Programms engagierte. Ob der Grünen-Politiker darüber nachgedacht hat, es wie einst Franz Müntefering zu machen, wird vorerst sein Geheimnis bleiben. Der SPD-Mann war 2007 als Vizekanzler und Arbeitsminister zurückgetreten, um seiner damaligen krebskranken Frau beizustehen.

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