Ernährung

Nach Corona: Wie wir in Zukunft Lebensmittel einkaufen und essen

Bio-Gemüse in einem Supermarktregal. Das Thema Nachhaltigkeit wird beim Einkauf immer wichtiger.

Bio-Gemüse in einem Supermarktregal. Das Thema Nachhaltigkeit wird beim Einkauf immer wichtiger.

Bild: Sven Hoppe, dpa

Bio-Gemüse in einem Supermarktregal. Das Thema Nachhaltigkeit wird beim Einkauf immer wichtiger.

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Corona hat die Weise beeinflusst, wie wir Lebensmittel einkaufen, sagen Experten. Warum trotz häufigeren Online-Angeboten der Wochenmarkt nicht aussterben wird.
03.08.2021 | Stand: 17:04 Uhr

Wer noch nie etwas von „Real Omnivore“ gehört hat, sollte jetzt aufpassen. Der moderne Begriff für „Allesesser“ beschreibt einen zukunftsweisenden Ernährungsstil, der sich vor allem nach der Pandemie etablieren könnte. Man erinnert sich an Zeiten, in denen Supermarktregale leer geräumt waren und Hefe so schwer zu bekommen war wie derzeit zur Urlaubszeit der offizielle Corona-Impfpass. Doch was bleibt von diesem Ausnahmezustand? Auf dem Ernährungsmarkt zeigen sich erste Folgen der Anpassung in der Krise.

Seit Corona werde mehr Lebensmittel online bestellt

Eva Stüber ist Leiterin der Abteilung Research und Consulting am Institut für Handelsforschung in Köln (IFH). Sie forscht vor allem zum Thema Onlinelebensmittelhandel. Und hat dabei etwas festgestellt: „Der Online-Anteil des Markts ist von 1,4 im Jahr 2019 auf 2 Prozent im letzten Jahr gewachsen“, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion.

Das bedeutet unter anderem, Lebensmittel wurden während der Pandemie vermehrt über Lieferangebote eingekauft. Dabei sind wie aus dem Nichts neue Angebote wie "Gorillas" aufgetaucht, ein Lebensmittel-Lieferant, der vor wenigen Wochen auch in Augsburg startete. (Lesen Sie auch: Allgäuer nehmen in der Pandemie 500 Tonnen zu: Was gegen die Corona-Kilos hilft)

Gorillas & Co: Neue Anbieter drängen auf den Markt

Der Lebensmittelmarkt scheint vor allem von neuen Unternehmen, die schnell expandieren, besetzt zu werden. Stüber meint: „Der Raum öffnet sich.

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Das heißt nicht, dass der stationäre Handel verschwinden wird. Aber die Rolle wird sich verändern. Mit den Online-Angeboten geht es eher darum, den Alltag effizienter zu gestalten. Und neben dem Lebensmittelhandel, der sich den Veränderungen bereits stellt, boomt gerade im Bereich der frischen Produkte zum Beispiel der Wochenmarkt wieder.“ Der Einkauf von frischen Produkten sei abzugrenzen von schnellen Bequemlichkeitseinkäufen.

Und auch Lidl, Aldi, Kaufland und Co. werden also nicht verschwinden – wenngleich einige Supermarktketten selbst versuchen, ihr Lieferangebot auszuweiten. Rewe bietet schon lange Zeit an, Einkäufe ab 50 Euro Bestellwert nach Hause zu bringen. Dabei handelt es sich jedoch eher um weiter im Voraus geplante Wocheneinkäufe. Der E-Food-Spezialist Matthias Schu erklärte gegenüber der Lebensmittelzeitung: „Die etablierten Player wie Rewe oder Picnic sind derzeit stark damit beschäftigt, ihre bestehenden Prozesse zu verbessern und die Kapazitäten zu erweitern.“ Die klassischen Unternehmen, die den Fokus auf den Wocheneinkauf legen, würden sich im beispielsweise den Aufwand für die Lieferung innerhalb von Minuten nicht ans Bein binden. (Lesen Sie auch: Ein Jahr (fast) nur Allgäuer Produkte auf dem Teller: Familie Wagner testet es)

Tegut arbeitet mit Amazon zusammen

Doch manch regionaler Supermarkt, wie die Kette Tegut beispielsweise, versucht beim digitalen Angebot nachzuziehen. In einigen Städten arbeitet Tegut mit der Internetplattform Amazon Prime Now zusammen. Die Kundinnen und Kunden bestellen sozusagen im Tegut-Laden auf der Plattform Amazon, die Ware wird in einer Filiale in Weiterstadt kommissioniert und über Amazon ausgeliefert. Was das bringt? Man spart sich vor allem den Gang zum Supermarkt. Der Nachteil? Besonders nachhaltig sind solche Online-Lebensmittelbestellungen nicht.

Seit über 25 Jahren analysiert Hanni Rützler den Wandel unserer Ess- und Lebensmittelkultur. In ihrem neuen Foodreport beschreibt Rützler drei neue Trends, die sich im Jahr 2022 durchsetzen können. Einer davon nennt sich „Zero Waste“, oder auch einfach nur: „Kein Müll“. Dahinter steckt die Idee, Müll nicht nur wiederzuverwerten oder zu recyceln, sondern gar nicht erst anfallen zu lassen, erklärt Rützler. Durch die Pandemie habe sich die Lebensmittelverschwendung noch deutlicher im Bewusstsein der Konsumentinnen und Konsumenten verankert. Sie vermutet, mehr Menschen werden auch dank gestiegener Kochkenntnisse sorgsamer mit Lebensmitteln umgehen, weniger wegwerfen und Reste besser verwerten. Auch unverpacktes Einkaufen auf dem Wochenmarkt gehört zum Trend der Müllvermeidung. (Lesen Sie auch: Was man vor dem Sport essen sollte)

Trends: Weniger Verpackung, regionale Lebensmittel, Geschmackserlebnisse

Eine zweiter Essensstil, den Rützler erforscht hat, nennt sich „Local Exotics“: „Die Lockdowns haben nicht nur die Bedeutung lokaler Lebensmittelproduktion weiter verstärkt, sondern zugleich eine neue Sehnsucht nach kulinarischen Entdeckungen und exotischen Genüssen geweckt“, meint die Autorin. Ihre Trendprognose: Angetrieben vom Wunsch der Konsumierenden nach einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion, wird auch der Bedarf an lokal hergestellten Lebensmitteln weiter steigen.

Nicht zuletzt spielen vor allem entgegen aller Veganismus-Debatten die Omnivoren, also die „Allesesser“ nach Rützlers Studien eine Rolle. Sie erklärt: „Hier geht es um zukünftige Ernährungsstile. Gesunde Ernährung, die die Gesundheit des Planeten mitdenkt. Die „Real Omnivores“ stehen für eine ausgewogene, nachhaltige Ernährung, deren Leitmotiv nicht der Verzicht ist.“ Dabei hätten diese Menschen keinerlei Berührungsängste mit Food-Tech-Innovationen oder außergewöhnlichen Zutaten oder Lebensmitteln – ganz im Gegenteil, sie werden von Neugier angetrieben, auch anderes und Neues auszuprobieren.

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