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Flüchtlingssommer 2015: „Kontrollverlust“ oder „perfekte Integration“?

Sie hatten vor zehn Jahren als Ministerpräsident, Bürgermeister, Landrat oder Studierende mit der Situation im Land zu tun: Hunderttausende Geflüchtete kamen in Deutschland an.
Foto: Montage AZ
Migration

„Absoluter Kontrollverlust“ oder „fast perfekte Integration“? Was Deutschland geschafft hat

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    Horst Seehofer: „Wenn die Politik die Zuwanderung nicht begrenzt, dann wird die Bevölkerung die Politik begrenzen“

    Der damalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer beim CSU-Kongress zur Flüchtlingspolitik.
    Der damalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer beim CSU-Kongress zur Flüchtlingspolitik. Foto: dpa

    Der damalige CSU-Chef Horst Seehofer gehörte, zunächst als bayerischer Ministerpräsident und ab 2018 auch als Bundesinnenminister, zu den schärfsten Kritikern der Asylpolitik von Angela Merkel. Die Migration bezeichnete er als „Mutter aller Probleme“. Zeitweise stand sogar ein Bruch der Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU im Bundestag zur Debatte. Rückblickend sagte der heute 76-Jährige vor wenigen Wochen im Interview mit unserer Redaktion:

    „Du kannst als Innenminister strampeln, wie Du willst, wenn die Kanzlerin nicht mitzieht, bringt das nichts. Alexander Dobrindt macht jetzt, was wir schon damals verfolgt haben. In meiner Regierungserklärung vor dem bayerischen Landtag habe ich 2015 gesagt: Wenn die Politik die Zuwanderung nicht begrenzt, dann wird die Bevölkerung die Politik begrenzen, und zwar durch Entzug des Vertrauens. So ist es mit der AfD gekommen.

    Es ist schon grotesk, wenn diejenigen, die für die sogenannte Willkommenskultur waren, wie die heutige Bildungsministerin Karin Prien, jetzt eine Obergrenze für Migrantenkinder ins Gespräch bringen. Man hat uns Bayern damals beschimpft, wie inhuman wir seien und jetzt kommen die gleichen Leute und sagen: Oho, Deutschland hat sich ja verändert.

    Natürlich gibt es viele gelungene Beispiele der Integration. In Krankenhäusern etwa, da arbeiten heute großartige Ärzte mit Migrationshintergrund, tolle Pflegerinnen – wir brauchen diese Menschen. Aber es gibt eben auch die Kehrseite. Und manchmal frage ich mich: Warum geht Angela Merkel nicht auch zu den Opfern ihrer Migrationswende? Den Menschen, die wegen gescheiterter Integration leiden, wegen gestiegener Kriminalität, an dysfunktionalen Schulen?“ (Peter Müller, Max Kramer)

    Marina Lessig, Helferin in München: „Unsere Gesellschaft kann wahrlich stolz sein, auf das, was sie in den zehn Jahren geleistet hat“

    Marina Lessig, Helferin der Flüchtlingsankunft 2015 in München.
    Marina Lessig, Helferin der Flüchtlingsankunft 2015 in München. Foto: Daniel Biskup

    Marina Lessig kam mit ihrem Fahrrad vorbei, als tausende Flüchtlinge aus Ungarn am Münchner Hauptbahnhof strandeten. Es waren die Tage, als „Willkommenskultur“ noch kein Schimpfwort war. Die junge Frau wollte helfen, aber niemand konnte ihr so recht sagen, wie. Also nahm sie die Sache selbst in die Hand. Ein geparkter Linienbus wurde ihre Einsatzzentrale, gemeinsam mit unzähligen Freiwilligen versorgte sie mehr als 120.000 Menschen innerhalb weniger Wochen. Doch sie erlebte auch, wie sich die Stimmung im Land später drehte:

    „Die Frage ist: Was wollten wir denn schaffen? Wenn wir es schaffen wollten, eine Gesellschaft zu haben, die gemeinsam in der Lage ist, außergewöhnliche Situationen zu meistern, in denen unmittelbare Hilfe von Mensch zu Mensch benötigt wird, dann kann man sagen, haben wir so einiges geschafft. Ich erinnere mich gerne an 2015 zurück. Da haben Studierende gemeinsam mit ihrem Professor Wasserkisten geschleppt, Zugbegleiter und Langzeitarbeitslose ein Lagerlogistiksystem aufgebaut und Diplominformatikerinnen die Essensausgabe gemanagt. Das, was es eben gerade brauchte. Und das hat sich ja durchaus fortgesetzt. Das Engagement in der Nachbarschaftshilfe während der Pandemie und zu Beginn des Angriffs auf die Ukraine war unglaublich. Unsere Gesellschaft kann wahrlich stolz sein, auf das, was sie in den zehn Jahren geleistet hat.

    Wenn „Haben wir es geschafft?“ fragt, ob uns die Integration gelungen ist, dann ist das Bild durchwachsen. Wir kennen großartige Beispiele von Menschen, die angekommen sind – aus eigener Kraft, aber auch dank der Entschlossenheit und Unterstützung von einem Netzwerk von Ehrenamtlichen sowie Betrieben und Arbeitgebern. Die jetzt Nachbarn sind, Arbeitskollegen, Verkäufer im Supermarkt um die Ecke und Zahnarzthelferin, Freund und Freundin.

    Die Unentschlossenheit in der Integrationspolitik hat aber auch Schaden verursacht. Allzu oft hatten wir den Eindruck, dass es die Falschen sind, die abgeschoben werden. Kommt ja nicht von ungefähr, dass es bei Abschiebeflügen heißt, da wären „auch“ Straftäter dabei. Aber halt nicht nur und nicht vorwiegend. Stattdessen waren es die, die ihre Ausbildung gerade fertig gemacht haben. Die Familie, in der die Kinder gerade auf einem guten Weg waren, der Papa ein fleißiger Kollege und die Mama sich bemüht hat, Deutsch zu lernen, aber das Geld für den Deutschkurs fehlte, und die deshalb Blätterteiggebäck für Ehrenamtliche bäckt, um Danke zu sagen. Die, von denen jeder wusste, wo sie sind. Die leicht zu finden waren.

    Wenn „Haben wir es geschafft?“ fragt, ob wir den rechten Kräften etwas Starkes entgegengesetzt haben, da kann man sagen: Ja. Dass der „Welcome-Klatscher“ eine Diffamierung in rechten Kreisen geworden ist, zeigt, wie bedrohlich diese Gruppe diese simple Geste der Menschlichkeit empfand. 2015 hat gezeigt, dass viele Menschen in Deutschland sich für ein Miteinander und für Vielfalt einsetzen. Dass wir allerdings 10 Jahre später eine starke Partei, die ein rechtsextremistischer Verdachtsfall ist, im Bundestag haben, dass wir wieder so intensiv über Abschiebungen und Bürgergeldempfänger diskutieren, Schuldige suchen für eine diffuse Situation, die viele Menschen als schwierig empfinden, zeigt auch, dass wir nicht weit genug vorgedrungen sind.

    Es stimmt nicht, dass wir Deutschen immer so negativ sind. 2015 haben wir gezeigt, wir können auch anders – selbst wenn es nicht um Fußball geht. Deshalb glaube ich auch fest daran, dass es uns wieder gelingen kann, die destruktiven Narrative zu verdrängen und durch positive zu ersetzen – wenn wir nur wollen.“ (Michael Stifter)

    Ali Abo Hamoud: „Für mich bedeutet Integration, mich als Teil der Gesellschaft zu fühlen“

    Ali Abo Hamoud kam 2015 aus Syrien nach Deutschland. Zehn Jahre später hat er sich nicht nur ein neues Leben aufgebaut, sondern engagiert sich auch aktiv in der deutschen Politik.
    Ali Abo Hamoud kam 2015 aus Syrien nach Deutschland. Zehn Jahre später hat er sich nicht nur ein neues Leben aufgebaut, sondern engagiert sich auch aktiv in der deutschen Politik. Foto: Raphael Wedemeyer

    Im Dezember 2015 kam Ali Abo Hamoud aus Syrien nach Deutschland. Zehn Jahre später hat der 29-Jährige nicht nur ein neues Leben aufgebaut, sondern ist auch zu einem der jungen Gesichter einer deutschen Partei – der FDP – geworden:

    „Ich habe gleich bei meiner Ankunft entschieden, in Deutschland zu bleiben. Der wichtigste Grund war der Lebensstil – vor allem die Freiheit und die Achtung der Menschenwürde. Trotz kaltem Wetter, langer Wartezeiten auf Termine und mancher bürokratischer Hürde hat mich das motiviert, sofort zu studieren, zu arbeiten und Deutsch zu lernen – von A1 auf C1 in nur acht Monaten.

    Für mich bedeutet Integration, mich als Teil der Gesellschaft zu fühlen und auch Verantwortung zu übernehmen. Entscheidend ist, dass man es wirklich will. In Clausthal-Zellerfeld, wo ich lebe, erlebe ich im Alltag eine fast perfekte Integration: eine liberale Gemeinschaft, in der man Türen öffnet, wenn man anklopft. Verbesserungsbedarf sehe ich vor allem beim Abbau bürokratischer Hürden. So musste ich viel Überzeugungsarbeit leisten, um statt eines vom BAMF vorgeschriebenen Kurses den von mir gewünschten, intensiveren Sprachkurs besuchen zu dürfen.

    Politisch interessiert war ich schon in Syrien, wo der Bürgerkrieg junge Menschen zwang, sich mit Politik auseinanderzusetzen. In Deutschland hat mir die gelebte Freiheit ermöglicht, schon vor meiner Einbürgerung 2022 mitzuwirken. Zur FDP hat mich vor allem die Verbindung aus individueller Freiheit und außenpolitischem Engagement gezogen. Besonders in der Jugendorganisation habe ich die Erfahrung gemacht, gehört und akzeptiert zu werden.

    Meine Erwartungen an die deutsche Migrationspolitik beruhen auf zwei Säulen: mehr Unterstützung für Menschen, die sich wirklich integrieren wollen – das heißt, mit ihnen zu reden statt über sie – sowie ein konsequenteres Vorgehen gegen Radikalismus innerhalb der Migrationsgesellschaft. Das bewahrt die offene, sichere Gesellschaft, wegen der viele – wie ich – nach Deutschland gekommen sind.“ (Allen Xu)

    Boris Palmer: „Wir haben wirklich große Aufgaben, die wir nur bewältigen können, wenn der Neuzugang anhaltend niedrig bleibt“

    Boris Palmer, parteiloser Oberbürgermeister Tübingens, damals bei den Grünen, machte sich mit seiner harten Kritik an der Flüchtlingspolitik auch im eigenen politischen Lager Gegner.
    Boris Palmer, parteiloser Oberbürgermeister Tübingens, damals bei den Grünen, machte sich mit seiner harten Kritik an der Flüchtlingspolitik auch im eigenen politischen Lager Gegner. Foto: Silas Stein, dpa

    Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen und damals bei den Grünen, machte sich mit seiner harten Kritik an der Flüchtlingspolitik, aber auch einigen provokanten Aussagen im eigenen politischen Lager viele Gegner. Inzwischen ist er parteilos, aber immer noch Oberbürgermeister:

    „Also, ich würde sagen, wohlwollend formuliert, haben wir zwei Drittel des Weges geschafft. Die Stichworte sind Wohnungsproblematik, Bildungsproblematik, Arbeitsproblematik. In all den Bereichen sind wir noch weit weg vom Ziel. Die große Mehrzahl der Geflüchteten wohnt weiterhin in öffentlich finanzierten und bereitgestellten Wohnungen. Nur bei den Männern gibt es eine gut ansteigende Erwerbsquote bei Jobs mit geringen Einkommen, bei den Frauen sind die Zahlen sehr schlecht.

    Wir haben wirklich große Aufgaben, die wir nur bewältigen können, wenn der Neuzugang anhaltend niedrig bleibt. Es kommt also alles darauf an, den Zugang zu kontrollieren. Das war damals die Forderung, der sich die Kanzlerin monatelang entgegengestellt hat. Sie hat sogar bei Anne Will behauptet, es sei niemandem in Deutschland möglich, zu bestimmen, wie viele Menschen zu uns kommen. Dabei hat sich Frau Merkel mit dem EU-Türkei-Pakt selbst widerlegt – sie konnte doch etwas tun, um die Zugangszahlen drastisch zu reduzieren.

    Dann haben wir durch die Hilfsbereitschaft vieler, vieler Bürger, aber auch einer immensen finanziellen und personellen Kraftanstrengung Integrationskurse auf die Beine gestellt, Kitas gebaut, Sozialarbeiter eingestellt, Asylverfahren durchgezogen. Ja klar, wenn ich sage, Zweidrittel des Wegs sind geschafft, dann haben wir insgesamt viel bessere Ergebnisse erzielt, als ich sie 2015 befürchtet habe. Aber da musste ich ja auch davon ausgehen, dass die Zugangszahlen dauerhaft viel zu hoch bleiben.“ (Angelika Wohlfrom)

    Jan Solwyn: „Was wir 2015 aus nächster Nähe an den Grenzen erlebt haben, war tatsächlich der absolute Kontrollverlust“

    Jan Solwyn war Bundespolizist während der Flüchtlingskrise und hat seine Erfahrungen in einem Buch beschrieben.
    Jan Solwyn war Bundespolizist während der Flüchtlingskrise und hat seine Erfahrungen in einem Buch beschrieben. Foto: Angelo Garcia Zapata

    Jan Solwyn war 15 Jahre Bundespolizist und während der Flüchtlingskrise vor allem am Flughafen im Einsatz. Seine Erfahrungen führten ihn nicht selten an seine eigenen Grenzen. Er hat sie in einem Buch verarbeitet. Der Titel: „An der Grenze. Verfehlte Politik, Überforderung, Flüchtlingselend: Wie ein Bundespolizist die Realität an unseren Grenzen erlebt“. 2024 hat er seinen Dienst quittiert:

    „Angela Merkels berühmter Satz ist für uns Bundespolizisten damals nur ein Witz gewesen. Wenn einer von uns mal wieder am persönlichen Limit war, haben die anderen nur sarkastisch gesagt: „Komm, wir schaffen das.“ Was wir 2015 aus nächster Nähe an den Grenzen erlebt haben, war tatsächlich der absolute Kontrollverlust. Die Bundespolizei wurde von ihrem ursprünglichen Auftrag, die Grenzen zu schützen, quasi entbunden. Für mich und viele Kollegen hat sich das wie eine Degradierung angefühlt. Anstatt unseren Job zu machen, haben wir nur noch Menschen, die auf mannigfaltigen Wegen unerlaubt die deutschen Grenzen überquert haben, an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge überführt. Das war frustrierend, unser Berufsethos brach zusammen.

    Wenn ich heute höre, die neue Bundesregierung wolle die Migration „wieder in den Griff bekommen“, dann ist das für mich nur eine weitere hohle Phrase. Friedrich Merz und Alexander Dobrindt tun so, als könnten sie das Problem mit ihrer „Asylwende“ und einem ganz großen Wurf national lösen. In ein paar Monaten werden sie wahrheitswidrig behaupten, die sinkenden Flüchtlingszahlen seien der Verdienst ihrer Grenzkontrollen, aber das ist natürlich Quatsch. Wir haben rund 3900 Kilometer Grenze. Wollte man die konsequent kontrollieren und gleichzeitig das Land nicht abschotten, bräuchten wir sämtliche Bundespolizisten rund um die Uhr im Einsatz. Das würden wir keine zwei Wochen durchhalten.

    Damit wir uns nicht falsch verstehen: Man kann die deutschen Grenzen – anders, als Merkel das damals sagte – sehr wohl schützen. Aber dann muss man sich eben von der Schengen-Idee einer Reisefreiheit innerhalb der EU verabschieden und das Land quasi einmauern. Das wäre der politische Preis dafür. Weil den niemand bezahlen will, bleibt nur eine gesamteuropäische Lösung. Alle EU-Staaten müssten ihre Kapazitäten und Ressourcen für den gemeinsamen Schutz der Außengrenzen bündeln, dort über die Anträge entscheiden und die Menschen, die Anspruch auf Asyl haben, dann gerecht verteilen. Dieser Ansatz ist der komplizierteste und er funktioniert nicht so gut im Wahlkampf, aber er ist der einzige, der wirklich funktionieren würde.“ (Michael Stifter)

    Simone Barrientos: „Die Welt wird doch nicht besser, wenn wir schlechtere Menschen werden“

    Simone Barrientos saß von 2017 bis 2021 für Die Linke im Bundestag und ist heute SPD-Mitglied. Sie engagiert sich bis heute für Geflüchtete.
    Simone Barrientos saß von 2017 bis 2021 für Die Linke im Bundestag und ist heute SPD-Mitglied. Sie engagiert sich bis heute für Geflüchtete. Foto: Silvia Gralla

    Simone Barrientos dem Landkreis Würzburg kümmerte sich als Flüchtlinghelferin vor allem um unbegleitete Jugendliche. Von 2017 bis 2021 saß sie für die Linke Bundestag, mittlerweile ist sie SPD-Mitglied. Sie engagiert sich bis heute für Geflüchtete:

    „Ich bin ein Mensch, der sich schon immer mit Menschen aus aller Welt umgeben hat, deshalb hatte ich keine Berührungsängste. Was mich positiv überrascht und gefreut hat, war das große Engagement, das sich in einer kleinen Stadt wie Ochsenfurt für die Geflüchteten entwickelt hat. Ich habe mich vor allem um die unbegleiteten Jugendlichen gekümmert, habe ihnen den Raum gegeben, sie selbst zu sein, ohne dass ständig jemand an ihnen herumerzieht.

    Für viele bin ich heute noch Ansprechpartnerin. Einer von ihnen hat mir mal gesagt, ich wäre sein Happy-Maker. Kürzlich erst habe ich zwei von den Jungs getroffen, die mir stolz erzählt haben, dass sie jetzt deutsche Staatsbürger sind. Wenn ich an den Satz von Angela Merkel denke, dann muss ich sagen: Ja, wir haben es geschafft, damit meine ich: wir gemeinsam mit den Flüchtlingen.

    Natürlich habe ich auch Leute scheitern sehen, manche scheiterten an sich selbst, andere an den Bedingungen. Nicht jedem wurde es leicht gemacht. Schade war auch, dass sich viele im Helferkreis mit der Zeit alleingelassen fühlten. Manche waren richtig ausgebrannt. Das hätte man auffangen können und müssen.

    Damals waren viele der Geflüchteten in dezentralen Unterkünften untergebracht. Das hat gut funktioniert, weil es die Integration erleichtert hat. Dass man die Geflüchteten heute in große Anker-Zentren steckt und ihnen keinen Sprachunterricht ermöglicht, wenn sie eine schlechte Bleibeperspektive haben, finde ich fahrlässig. Die sitzen da allein herum und haben nichts zu tun, haben keine Perspektive. Das macht was mit den Menschen, das schafft Probleme, nicht nur für sie. Das wäre bei Deutschen auch nicht anders. Wenn dann noch Traumata dazu kommen, dann kann das in Tragödien und Katastrophen enden.

    Ich bedaure, dass sich der politische Diskurs verändert hat. Die AfD ist in dem Maße größer geworden, wie bürgerliche-konservative Parteien ihre Themen übernommen und damit salonfähig gemacht haben. Aber die Welt wird doch nicht besser, wenn wir schlechtere Menschen werden.“ (Gerhard Meißner)

    Peter Dreier: „Nach wie vor leiden wir unter einer Neiddebatte“

    Der Landshuter Landrat Peter Dreier - hier im Bus - fuhr 2016 auch selbst mit nach Berlin.
    Der Landshuter Landrat Peter Dreier - hier im Bus - fuhr 2016 auch selbst mit nach Berlin. Foto: Kay Nietfeld, dpa

    Peter Dreier ist seit 2014 Landrat im Kreis Landshut. Am 14. Januar 2016 schickte der Freie Wähler 31 syrische Asylbewerber per Bus nach Berlin, direkt vors Kanzleramt. Es waren Menschen, die aus ihrer Flüchtlingsunterkunft ausziehen sollten, aber keine Wohnung fanden. Die Aktion, mit der Dreier auf Unterbringungs-Probleme hinweisen wollte, brachte ihm Zustimmung, aber auch viel Kritik. Tags darauf fuhr der Bus zurück nach Bayern:

    „Es war für mich damals nicht mehr zu fassen, mit welcher Dynamik sich dieses Thema entwickelt hat. Wir mussten als Landkreis bis zu 70 Asylsuchende pro Woche unterbringen, konnten mit der Schaffung neuer Asylunterkünfte einfach nicht mehr Schritt halten. Dazu kam die Problematik der Fehlbeleger, also Personen, die als Asylsuchende anerkannt wurden, aber aus unseren bereitgestellten Unterkünften ausziehen müssten. Die tun sich auf dem Wohnungsmarkt schwer. Es fehlte an allen Ecken und Enden, wir konnten auch keine Feldbetten mehr finden, weil der Markt einfach total leergefegt war. Die Menschen haben teilweise auf Filzunterlagen auf dem Fliesenboden geschlafen.

    Im Januar 2016 habe ich den Bus mit Geflüchteten vors Kanzleramt geschickt. Wir wussten einfach nicht mehr, wie wir die Leute unterbringen sollten – auch angesichts des nahenden Winters. Ich habe natürlich auch an unsere Bürgerinnen und Bürger gedacht. Die Stimmung war bereits am Kippen, die Ereignisse der Silvesternacht in Köln präsent. Ich hatte ernste Sorgen um den sozialen und inneren Frieden in unserem Land.

    Ich denke, ich konnte mit der Busfahrt die Thematik mit Fehlbelegern präsenter machen und ein Zeichen setzen, dass das Problem von der Wurzel her behoben werden muss und nicht einfach an die Kommunen delegiert werden darf. Was mich bestärkt, ist, dass diese Busfahrt selbst zehn Jahre später noch präsent ist: auch zuletzt, als wir aufgrund der Vielzahl von Flüchtlingen aus der Ukraine und anderen Drittstaaten wieder deutlich an unsere Grenzen gekommen sind. Viele Bürger, aber auch Kollegen aus der Politik haben mich angesprochen, dass es wieder ein solches Zeichen bräuchte. 

    Es gibt heute natürlich sehr viele positive Beispiele, in denen die Integration hervorragend geklappt hat. Sei es durch gute Arbeitsverhältnisse oder das Engagement in Sportvereinen oder der Feuerwehr, in denen Flüchtlinge etwas zurückgeben können und wollen. Ich durfte auch einige Einbürgerungen selber vornehmen, was mich sehr freut. Nach wie vor leiden wir aber unter einer Neiddebatte und die Stimmung in der Bevölkerung ist sehr kritisch.

    Die deutlich restriktivere Art, wie diese Bundesregierung die Flüchtlingspolitik betreibt, hat uns eine Verschnaufpause verschafft. Mit Blick auf die Weltpolitik und die vielen schwelenden Konflikte wage ich aber nicht zu hoffen, dass es dabei bleibt.“ (Sarah Ritschel)

    Cornelia Lanz: „Es hat mir eine Weltoffenheit und Vertrauen gegeben in die Menschen, die zu uns gekommen sind“

    Die Sängerin Cornelia Lanz engagiert sich mit ihrem Verein „Zukunft Kultur" weiterhin für Geflüchtete.
    Die Sängerin Cornelia Lanz engagiert sich mit ihrem Verein „Zukunft Kultur" weiterhin für Geflüchtete. Foto: Holger Borggrefe

    Friedensarbeit und Völkerverständigung durch Kultur prägten zwei Opernprojekte, die die Mezzosopranistin Cornelia Lanz mit dem von ihr mitgegründeten Verein „Zuflucht Kultur“ auf die Bühne brachte. Mit den Mozartopern „Cosi fan tutte“ und „Zaide“, in denen Geflüchtete mitspielten, erregte der Verein bundesweit Aufsehen. Eine Folge der ZDF-Kabarettreihe „Die Anstalt“ mit einem Auftritt des syrischen Geflüchtetenchors wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Lanz ist heute Amtsleiterin für Stadtgeschichte und Archivwesen in Lahr (Baden-Württemberg) und singt nebenbei Konzerte.

    „Unsere Hauptmotivation war es, zu erfahren, wer da eigentlich zu uns kommt. Wir haben nach einem Schlüssel gesucht, wie wir auf die Menschen zugehen können, und ihn in der Musik gefunden. Damit sind aus dem Strom, den man in den Nachrichten gezeigt hat, Menschen geworden, die uns mit ihrer Musik berührt haben. Der erste Schritt war, dass wir Geflüchtete in einem Chor in der „Oper Cosi fan tutte“ einbauten, da der Regisseur das Geschehen in ein Flüchtlingsheim verlegt hatte.

    Von der Oper „Zaide“ existierte nur ein Fragment, so war es legitim, die Oper für die verschiedenen Kulturen der Geflüchteten aufzubrechen. Die Hauptrolle Zaide wurde getanzt von einer Afrikanerin, gesprochen von einer Syrerin und gesungen von einer Deutschen, es gab auch viermal die männliche Hauptrolle, wir stellten der Oper eine persische Ouvertüre voran und wir hatten eine afrikanische Percussion-Band. Es hat mich bereichert, dass ich auf diese Weise so viele Menschen kennengelernt habe und mich auch selbst hinterfragt habe. Was gehört zu meiner Identität, was ist Teil meiner Kultur? Es hat mir eine Weltoffenheit und Vertrauen gegeben in die Menschen, die zu uns gekommen sind. Es hat die Welt zu mir gebracht, und das ist auch die Einschätzung vieler anderer, die bei diesen Projekten mitgewirkt haben.

    Für die Geflüchteten hatte es zwei Effekte: Sie wurden nicht mehr nur als Flüchtlinge wahrgenommen, sondern als Künstler:innen und Menschen, und fanden eine Ausdrucksmöglichkeit, sich mit ihrem Schicksal auseinanderzusetzen. Die Darstellerin der Zaide konnte so in einer Szene auf einem Boot ihre eigene Flucht verarbeiten. Es gab einige, die danach berichteten, dass sie mit den Aufführungen ein Ventil für ihr eigenes Leid gefunden hätten, eine Chance, ihre Geschichte in einem sicheren Raum zu durchleben und zu verarbeiten. Und es gibt tatsächlich mehrere Mitwirkende, die im Kunst- und Kulturbereich Fuß gefasst haben, für die das Opernprojekt eine Initialzündung war. Bis heute existiert der Verein, allerdings nun unter dem Namen „Zukunft Kultur“, weil die Betroffenen nicht immer nur über „Flucht“ definiert werden wollten. Wir konnten ihnen nicht vermitteln, dass Zuflucht etwas Schönes ist...“ (Birgit Müller-Bardorff)

    Bertram Hörtensteiner: „Die Schulen sind noch immer dabei, es bestmöglich zu schaffen!“

    Bertram Hörtensteiner hat sich im Allgäu um eine gute Bildung für Flüchtlingskinder gekümmert.
    Bertram Hörtensteiner hat sich im Allgäu um eine gute Bildung für Flüchtlingskinder gekümmert. Foto: Bertram Hörtensteiner

    Bertram Hörtensteiner hat im Bereich Schule schon viele Stationen erlebt: Lehrer, Konrektor der Mittelschule Mindelheim, danach dort Schulleiter. 2009 wechselte er auf die behördliche Seite, war bis Anfang 2025 Leiter des Schulamts Unterallgäu/Memmingen. Bis zu seinem Ruhestand kümmerte er sich darum, dass geflüchtete Kinder an Allgäuer Schulen lernen können:

    „Die Bilder von Geflüchteten allen Alters berührten mich emotional sehr. In Erinnerung jahrzehntelanger schulischer Integrationserfolge bei Kindern und Jugendlichen von Arbeitsmigranten war ich überzeugt: Auch wir schaffen das – irgendwie! 

    An nahezu allen unserer 53 Grund- und Mittelschulen im Schulamtsbezirk Unterallgäu/Memmingen wurden die im Sprengel gemeldeten geflüchteten Schulpflichtigen aufgenommen, nach Rücksprache zwischen Schulleitung und Klassenlehrkräften altersgemäß einem Jahrgang zugewiesen und vom ersten Tag an integriert. Dazu gehörte neben dem Erlernen der deutschen Sprache und der fachlichen Bildung insbesondere auch die soziale Einbindung in bestehende Gemeinschaften.

    Damit verbundene Aufgabenstellungen entpuppten sich vielfach als Herkulesaufgabe: Kommunikation mit deutschunkundigen Erziehungsberechtigten, ungewohnte kulturelle Gepflogenheiten, migrationsbedingte Traumata, hohe Anzahl an Schülern mit Sprachförderbedarf in einzelnen Klassen, organisatorische Alltagshürden … und vor allem eine unverändert „auf Kante genähte“, aufgrund von langfristigen Ausfällen über das Schuljahr hinweg stets noch dünner werdende Personaldecke, der geplante Förderungen zum Opfer fielen.

    Die Schulschließungen während der Coronapandemie erschwerten das Erreichen der gesetzten Bildungsziele gerade mit Blick auf die, die die Sprache erst lernen mussten, enorm. Putins Angriffskrieg auf die Ukraine und die damit verbundene erneute „Welle“ von zu beschulenden Flüchtenden betrafen wiederum fast alle Schulstandorte. Die Einrichtung von zusätzlichen Klassen auch während des Schuljahres führte insbesondere an den betroffenen Schulen der kommunalen „Hotspots“ zu größten Herausforderungen.      

    Dem stets neu motivierten, konstruktiven Zusammenwirken aller Beteiligten ist es zu verdanken, dass ich konstatieren kann: Die Schulen sind noch immer dabei, es bestmöglich zu schaffen!“ (Sarah Ritschel)

    Gunther Ehrhardt: „Die Bundespolitik ließ die Kommunen oft mit den Folgeproblemen allein“

    Gunther Ehrhardt erlebte die Zeit zunächst als Gemeinderat, ab 2019 als ehrenamtlicher Bürgermeister von Geroldshausen – ein 900-Einwohner-Dorf, in dem eine Unterkunft für 100 Geflüchtete entstehen sollte.
    Gunther Ehrhardt erlebte die Zeit zunächst als Gemeinderat, ab 2019 als ehrenamtlicher Bürgermeister von Geroldshausen – ein 900-Einwohner-Dorf, in dem eine Unterkunft für 100 Geflüchtete entstehen sollte. Foto: Gunther Ehrhardt

    Im 900-Einwohner-Dorf Geroldshausen im Landkreis Würzburg sollte 2015 eine Unterkunft für 100 Flüchtlinge entstehen. Dies sorgte für einige Unruhe im Dorf. Gunther Erhardt erlebte die Zeit zunächst als Gemeinderat, ab 2019 als ehrenamtlicher Bürgermeister von Geroldshausen.

    „Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im August 2015 den Satz „Wir schaffen das“ sagte, war uns nicht bewusst, was dies für uns bedeuten würde. Im Herbst erfuhren wir, dass ein Investor in der Dorfmitte eine Unterkunft für 100 Geflüchtete errichten wollte. Anfang Dezember fand dazu eine große Veranstaltung in der Sporthalle statt. Die Stimmung war angespannt. Die Menschen waren hilfsbereit, doch 100 Plätze waren für ein Dorf mit 900 Einwohnern zu viel. Einen Tag später erfuhren wir im Gemeinderat, dass der Investor nur noch für 18 Flüchtlinge plant. Wir waren erleichtert: Wir konnten unseren Beitrag leisten, ohne überfordert zu werden.

    In den folgenden Jahren entstanden 31 Plätze, meist für Familien aus Syrien und Afghanistan. Anfangs half ein Helferkreis, doch das Engagement ließ bald nach. Trotzdem lief der Betrieb weitgehend ruhig, auch dank der Betreuung durch Landratsamt und Betreiber. Besonders die Kinder brauchten intensive Unterstützung im Kindergarten und in der Schule – wegen Sprachproblemen und der schweren Erlebnisse aus ihrer Heimat.

    Seit 2019 bin ich ehrenamtlicher Bürgermeister. Der Investor plante Ende 2021 erneut eine Erweiterung. Aufgrund der Erfahrungen von 2015 wurde nur eine Wohnung genehmigt. Eindrücklich bleibt mir Weihnachten 2021: Ein Flüchtlingsvater bat dringend um eine Wohnung für seine Frau und vier Kinder. Da wir keinen Wohnraum hatten, bot ich notfalls den Sitzungssaal an. Die Familie kam schließlich in einer anderen Gemeinde unter. 2024 kam ein Flüchtlingsvater ins Rathaus. Der Vermieter wollte ihn und seine Kinder hinausdrängen und sogar Polizei und Feuerwehr mussten einschreiten. Es gelang mir, die Familie nach Würzburg zu vermitteln.

    In Geroldshausen haben wir Verantwortung übernommen. Wir haben Geflüchtete aufgenommen, Wohnraum geschaffen und viele Helfer haben Großes geleistet. Kindergarten, Schule, Vereine und Ehrenamt stoßen jedoch auch schnell an Grenzen. Die Bundespolitik ließ die Kommunen oft mit den Folgeproblemen allein.“ (Christian Ammon)

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