Bildung

Begabtenförderung im Allgäu: Hochbegabt – Pech gehabt?

„Wer auf dem Land lebt, hat Pech gehabt“: Dieses Motto gilt laut der Leiterin der neu gegründeten Elterngruppe Oberallgäu der „Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind“ bei der Begabtenförderung an Schulen im Allgäu (Symbolfoto).

„Wer auf dem Land lebt, hat Pech gehabt“: Dieses Motto gilt laut der Leiterin der neu gegründeten Elterngruppe Oberallgäu der „Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind“ bei der Begabtenförderung an Schulen im Allgäu (Symbolfoto).

Bild: Inga Kjer/dpa

„Wer auf dem Land lebt, hat Pech gehabt“: Dieses Motto gilt laut der Leiterin der neu gegründeten Elterngruppe Oberallgäu der „Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind“ bei der Begabtenförderung an Schulen im Allgäu (Symbolfoto).

Bild: Inga Kjer/dpa

Eine neu gegründete Elterngruppe fordert eine bessere Förderung Hochbegabter im Allgäu. Eins ihrer Ziele: spezielle Schulklassen
30.08.2021 | Stand: 06:02 Uhr

Hochbegabte Kinder und deren Eltern fühlen sich im Allgäu häufig im Stich gelassen. „Anders als in Städten wie München, Augsburg oder Würzburg gibt es in unserer Region keine Hochbegabtenklassen, um die Kinder gezielt fördern zu können. Das Thema Hochbegabung ist generell im Allgäu noch nicht richtig angekommen“, kritisiert Christine Huber, Leiterin der neu gegründeten Elterngruppe Oberallgäu der „Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind“ (DGhK).

Die Begabten-Pädagogin warnt davor, die Bedürfnisse überdurchschnittlich kluger Kinder zu unterschätzen: „Wenn sie nicht angemessen gefördert werden, kann das nicht nur ihre Entwicklung blockiert, sondern sie können psychische Probleme entwickeln.“ Von Hochbegabung wird in der Psychologie ab einem Intelligenzquotient von 130 gesprochen. Auf etwa zwei Prozent der Bevölkerung trifft dieses Kriterium zu. „Hochbegabte Kinder sind kognitiv überdurchschnittlich weit. Sie denken und kombinieren schnell, sind wissbegierig und verfügen über eine hohe Auffassungsgabe. Oftmals interessieren sie sich schon im Kindergarten-Alter für komplexe Themen wie den Weltraum“, erklärt Huber.

Fahrtweg nach Augsburg für betroffene Familien zu lang

Zusammen mit der bereits bestehenden Elterngruppe im Ostallgäu will sie mit der neuen Gruppe im Oberallgäu das Bewusstsein für die Bedürfnisse der Kinder stärken und ein Netzwerk aufbauen. Zu diesem zählen Eltern, Kinder, Psychologen, Erzieher und Lehrer. Erste außerschulische Workshops für hochbegabte Kinder fanden bereits in Kempten statt. Darüber hinaus will sich Huber beim Kultusministerium für Hochbegabten-Schulklassen im Allgäu einsetzen.

Derzeit gibt es in Bayern acht Gymnasien, die eine solche Möglichkeit anbieten. In Oberbayern gibt es mit München und Gauting zwei Standorte; in den weiteren sechs bayerischen Bezirke jeweils einen. In Schwaben handelt es sich um das St.-Stephan-Gymnasium in Augsburg. Für Huber ist das nicht genug. Für eine Familie aus dem Allgäu seien die Fahrtwege zu lang. „Wer auf dem Land lebt, hat Pech gehabt. Das scheint das Motto zu sein“, sagt Huber, die sich damit nicht abfinden will. Denkbar sei auch, über einen privaten Träger spezielle Angebote für hochbegabte Kinder zu schaffen.

Kinder brauchen „maßgeschneiderte Lösungen für den Alltag“

Als nicht ausreichend empfindet Huber indes das Angebot an den sogenannten Begabtenstützpunkten, zu denen im Allgäu das Bernhard-Strigel-Gymnasium Memmingen sowie das Gymnasium Marktoberdorf zählen. Dort können begabte Schüler spezielle Kurse besuchen, die dann beispielsweise am Freitagnachmittag stattfinden. Sie tragen Titel wie „Forscher werden, Experimente wagen! Spannende Alltagsphänomene aus Natur und Technik“ oder „Glück gehabt! Viel Glück! Philosophie des Glücks und der Frage nach dem Sinn.“

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„Grundsätzlich ist jede Förderung willkommen und dazu zählen diese Kurse“, sagt Huber. „Aber die Kinder brauchen maßgeschneiderte Lösungen für den Alltag.“ Für hochbegabte Kinder könne es zum Problem werden, „wenn sie nicht seien können, wie sie sind.“ In einer „normalen“ Schulklasse würden sie häufig ihre Fähigkeiten verstecken, um dazu zu gehören und nicht aufzufallen. „Diese Anpassung kann schwere psychische Probleme verursachen.“

Die Möglichkeit, eine Jahrgangsstufe zu überspringen, sei für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler nur dann eine Lösung, „wenn Eltern und Schule diesen Prozess kompetent begleiten.“

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