Buchloe

Gehörlose im Allgäu: Wenn der Mundschutz das Lippenlesen verhindert

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Gehörlose und Hörgeschädigte kommunizieren über Gebärdensprache – dabei spielen auch Mimik und Lippenbewegungen eine wichtige Rolle.

Bild: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Gehörlose und Hörgeschädigte kommunizieren über Gebärdensprache – dabei spielen auch Mimik und Lippenbewegungen eine wichtige Rolle.

Bild: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Gehörlosen und Hörgeschädigten machen es die Corona-Bestimmungen zusätzlich schwer, andere zu verstehen. Ursula Vöhringer aus Buchloe und Stefan Koch erzählen.

11.06.2020 | Stand: 22:04 Uhr

„Ich kann das Mundbild anderer Menschen nicht mehr lesen“, teilt Stefan Koch mit und verweist in Hinblick auf die Maskenpflicht auf ein elementares Problem: Für Gehörlose und Hörgeschädigte, die bei alltäglicher Kommunikation auf Mimik und Bewegung der Lippen ihres Gesprächspartners angewiesen sind.

Seit dem 27. April gilt in Bayern in Geschäften und im Öffentlichen Nahverkehr die Maskenpflicht. Am 2. Mai haben der Gehörlosenverband München und Umland (GMU) und der Berufsfachverband der Gebärdensprachendolmetscher (BGSD Bayern) einen offenen Brief an die bayerischen Staatsministerien geschrieben, in dem sie fordern, dass Gehörlose und Hörgeschädigte von der Maskenpflicht ausgenommen werden sollen. Begründet wird die Forderung damit, dass „gehörlose Menschen, die im Alltag ständig auf Kommunikationsbarrieren stoßen, durch die Maskenpflicht vollkommen von jeglicher Kommunikation abgeschnitten sind, da nicht einmal mehr Lippenbewegungen und die Mimik wahrgenommen werden können“.

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Wie der Pressesprecher des Landratsamtes, Thomas Brandl, mitteilt, leben im Ostallgäu aktuell 53 Gehörlose. Bei den Hörgeschädigten gebe es keine genaue Zahl. Hochrechnungen gehen von knapp 26 000 Ostallgäuern aus, die eine Form von Hörbehinderung haben. Laut Christine Hantschel, Senioren- und Behindertenbeauftragte der Stadt Buchloe, gibt es keine exakten Zahlen der Hörbehinderten in Buchloe. Bei den Hörgeschädigten gebe es generell eine hohe Dunkelziffer, da viele einfach mit der Einschränkung leben. Laut einer älteren Statistik sollen acht gehörlose Personen in Buchloe wohnen. 

Vöhringer
Ursula Vöhringer aus Buchloe.
Bild: Vöhringer

Informationskanäle beschränkt

Eine davon ist die 59-jährige Ursula Vöhringer. Sie ist von Geburt an komplett gehörlos. Die Buchloerin teilt mit, es sei seit Beginn der Corona-Pandemie schwierig für sie gewesen, auf dem neusten Stand der Dinge zu bleiben. Ihre Informationskanäle seien deutlich eingeschränkter als bei Hörenden. Die Tagesschau gibt es auch auf Gebärdensprache – so habe sie sich täglich über die aktuellen Ereignisse rund um Covid  19 informiert. Beim Einkauf nehme sie – auch schon vor der Virus-Pandemie – Schreibzeug mit, um mit Kassierern kommunizieren zu können. Trotzdem befürworte sie die Entscheidung, dass bei der Kommunikation mit Hörbehinderten die Mund-Nase-Bedeckung abgenommen werden darf – sofern der Mindestabstand eingehalten wird.

Diese Auffassung teilt auch Stefan Koch, Vorsitzender des Gebärdensprachlichen Kulturvereins Schwaben-Allgäu-Bodensee und des Bezirksverbands der Gebärdensprachengemeinschaft Schwaben, der selbst eine kombinierte Schwerhörigkeit mit grenzender Taubheit hat: „Bei der Gebärdensprache sind auch Handzeichen relevant. Wer das beherrscht kann auch mit Maske kommunizieren“. Allerdings beherrsche die breite Masse die Zeichen nicht. „Für die Verständigung mit der großen Mehrheit bin ich auf das Mundbild angewiesen“, teilt Koch mit.

Stefan Koch
Stefan Koch.
Bild: Koch

Dass im ÖPNV und in Geschäften alle Leute eine Maske tragen, macht das nicht gerade einfach: „Die Kommunikation ist eingeschränkt“, sagt Koch. Nichtsdestotrotz halte er die Maßnahmen für richtig und wichtig. Es schütze andere, eine Maske zu tragen und die Anzahl der Personen auf ein Mindestmaß zu reduzieren: Zu Arztterminen oder ins Rathaus soll man nur noch alleine gehen. Für Vöhringer nicht gerade ein Leichtes. Mit ihrer Hausärztin, bei der sie schon lange in Behandlung ist, könne sie mithilfe von Gebärden kommunizieren. Bei anderen Ärzten und bei Terminen auf dem Amt müsse sie aber stets einen Gebärdensprachendolmetscher mitnehmen. „Verkäufer und Ärzte müssen mehr Geduld haben“, berichtet Koch.

Risikogruppe ohne Internet

Er denkt besonders besorgt an die Situation der älteren Bevölkerung: Zwei Drittel der Gehörlosen in der Region seien über 68 Jahre alt und gehören somit auch zur Corona-Risikogruppe. „Es gibt viele gehörlose Senioren, die kein Handy oder Internet haben, einige lesen keine Zeitung. Sie sind generell isoliert“, teilt Koch mit. Aus diesem Grund hat er Informationen über das Coronavirus per E-Mail oder Brief an die Verbandsmitglieder verschickt.

Er beklagt außerdem, dass aufgrund des Versammlungsverbots auch Veranstaltungen des Kulturvereins und der Gebärdensprachengemeinschaft ausfallen. Videokonferenzen seien nicht besonders sinnvoll. „Für uns ist das regelmäßige Treffen enorm wichtig“, berichtet Koch.