Prozess am Landgericht Memmingen

Messerstecher in Wiedergeltingen: Heuer wohl kein Urteil mehr

Auftakt Prozess um Mord in Wiedergeltingen

Vor dem Landgericht Memmingen muss sich Faik B. wegen Mordes verantworten.

Bild: Wilhelm Unfried (Archivbild)

Vor dem Landgericht Memmingen muss sich Faik B. wegen Mordes verantworten.

Bild: Wilhelm Unfried (Archivbild)

Sachverständige vor dem Landgericht nennen Details der Bluttat in Wiedergeltingen. Es geht um belastende Spuren und die Auswertung der Handydaten.
18.12.2021 | Stand: 21:37 Uhr

Mit Vernehmungen von Sachverständigen versuchte die erste Strafkammer des Landgerichts Memmingen weiter Licht in die Nacht zum 13. März dieses Jahres zu bringen.

Damals wurde im Gasthaus Ritter in Wiedergeltingen ein Mann mit einem Messer getötet. Die Staatsanwaltschaft spricht von Mord.

Es ging um die Aussagen des Angeklagten Faik B., der behauptet hatte, der Getötete habe ihn zuerst angegriffen. Nach einem Faustschlag sei er dann die Treppe hinuntergefallen. Fast drei Stunden dauerte die Vernehmung der Ex-Freundin, die die Vorgänge der Tatnacht nochmals aus ihrer Sicht schilderte. Angesichts der vielen Zeugen, die noch nicht vernommen wurden, setzte Richter Christian Liebhart nun noch einen weiteren Verhandlungstag im Januar an. Eigentlich hätte der Prozess dieses Jahr mit den Plädoyers zu Ende gehen sollen.

Mordprozess zieht sich bis ins nächste Jahr

Am vierten Verhandlungstag kamen nun auch erste Sachverständige zu Wort. Anhand einer Videoschau wurde der Weg des Opfers Riccardo L. nachgestellt. Die Experten stellten zahlreiche Spuren sicher, die ausgewertet wurden. Dabei wurde sicher festgestellt, dass sich der Angeklagte Faik B. in der Nacht im Gasthaus Ritter aufgehalten hat. Er hatte zwei Mobiltelefone bei sich. Eines war in dem Funkmast in der Nähe des Gasthauses von 22.38 bis 0.50 eingeloggt, das andere von 20.32 bis 4.51 Uhr. Er soll sich dabei zunächst im unteren Bereich der Gaststätte zwischen dem Saal und einem Art Abstellraum bewegt haben. Die Funkmastauswertung zeigte aber auch, dass er sich schon einen Tag vorher rund um das Gasthaus bewegt haben muss.

Angeklagter hat sich bereits vor der Tat im Gasthaus Ritter aufgehalten

Auch Blutspuren an der Kleidung des Täters, die er gewechselt hatte, stammten vom Angeklagten. Weiter wurde in dem Saal eine Plastiktüte, die der Täter mitgebracht und vergessen hatte, gefunden. Fingerabdrücke auf der Tüte habe man eindeutig Faik B. zuordnen können, hieß es. Auch sonst wurden noch zahlreiche DNA-Spuren vom Täter gesichert, so die Experten vom Landeskriminalamt und der Rechtsmedizin.

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Allerdings hatte Faik B. nie bestritten, dass er sich in der Nacht im Gasthaus aufgehalten hatte. Nach seinen Angaben wollte er nochmals ein Gespräch mit seiner Ex-Freundin führen. Als er aber gesehen habe, dass der Ex-Mann der Frau im Haus war, habe er sich im Saal versteckt und sei eingeschlafen.

Der Angeklagte gibt an, vom Opfer angegangen worden zu sein

In der Nacht habe er Geräusche an der Treppe gehört und gemeint, diese stammten von seiner Ex-Freundin. Als er sich näherte, sei aber plötzlich Riccardo L. vor ihm gestanden und habe ihm einen Kinnhaken verpasst. Er sei dann die Treppe hinuntergestürzt. Aus Angst habe er ein Messer geholt. An den genauen Vorgang der Tötung könne er sich nicht mehr erinnern.

Noch am Tag der Verhaftung war der Angeklagte von einem Arzt untersucht worden. Dieser stellte einige rote Punkte am Kopf und Körper fest, die von einem Gerangel herrühren könnten. Weiter klagte der Angeklagte über starke Schmerzen im Knie, die ebenfalls von einem Treppensturz stammen könnten, so der Arzt. Eine weitergehende Untersuchung erbrachte eine Bänderdehnung im Knie. Der Angeklagte kommt immer noch mit bandagiertem Knie und Krücke in den Gerichtssaal. Allerdings hatten mehrere Zeugen ausgesagt, die den Angeklagten am Morgen nach der Bluttat und vor der Verhaftung getroffen hatten, dass ihnen nichts aufgefallen sei, Faik B. sei normal gelaufen.

Ex-Freundin: Im Laufe der Zeit sei der Angeklagte immer "seltsamer" geworden

Am Nachmittag befragte das Gericht die Ex-Freundin von Faik B., welche die frühere Ehefrau des getöteten Riccardo L. ist. Richter Liebhart wollte wissen, wie sich die Partnerschaften mit den beiden Männern entwickelt hatten. Vom Getöteten habe sie sich getrennt, weil er sich Ende der 2000er Jahre seiner jetzigen Frau zugewandt habe. 2011 sei die Scheidung gewesen. Faik B. habe sie zwei Jahre später über ein Internet-Portal kennengelernt. Am Anfang sei er auch zu den Kindern sehr nett gewesen. Verteidiger Michael Bogdahn wollte wissen, ob eine Ehe im Gespräch gewesen sei, der Angeklagte habe ihr immerhin zwei Ringe geschenkt. Sie verneinte dies vehement, sie habe nie an Heirat gedacht, gab aber zu, dass man sich sogar über einen Kinderwunsch unterhalten habe.

Im Laufe der Zeit sei der Angeklagte immer „seltsamer“ geworden, habe sie und ihre Umgebung überwacht und ihren Bekanntenkreis verprellt. Die Beziehung sei mehrmals beendet worden, unter anderem, weil er sie belogen habe. Beispielsweise habe er einen Krankenhausaufenthalt vorgetäuscht. Durch die Übernahme der Gaststätte habe sie sich Faik B. etwas entziehen können.

"Der Mann hat zwei Gesichter"

Zur finalen Trennung ihrerseits hätten die Aussagen ihrer beiden Töchter, dass Faik B. eine Tochter über Jahre sexuell missbraucht habe, geführt. Sie habe ihn rausgeschmissen. Aber schon zwei Tage später sei er wieder mit Geschenken vor der Tür gestanden. „Der Mann hat zwei Gesichter“, meinte sie. Faik B. habe alle möglichen Bekannten in Bewegung gesetzt, die sie überzeugen sollten, wieder zu ihm zurückzukehren.

Zwei Tage vor der Tat sei sie noch beim Angeklagten gewesen. Er habe ihr einen Kaffee angeboten, von dem sie überzeugt war, er habe Substanzen enthalten. Sie habe ihn jedenfalls nicht getrunken. Den Tatabend schilderte sie wie schon mehrfach berichtet. Gegen 22 Uhr schloss die Wirtschaft, danach habe man sich zusammengesetzt und eine Pizza gegessen. Riccardo L. habe mit seinem Bruder gechattet und sich gefreut, dass es mit der Ex-Frau wieder klappen würde. Gegen 1.30 Uhr seien sie zu Bett gegangen. Unmittelbar nach der Tat sei sie aufgewacht und habe festgestellt, dass Riccardo L. nicht im Zimmer war und im Gang helles Licht brannte. Sie sei nach draußen gegangen und habe ihn an der Tür zusammensacken sehen. Die Ermittler gehen davon aus, dass Riccardo L. zu diesem Zeitpunkt auf den Weg zur Toilette war, welche sich außerhalb der Wohnung befindet, und dort vom Täter überrascht worden war.

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