Willingen

„Das große Talent war ich nie“

Skispringen Vor einem Jahr gewann Karl Geiger in Willingen. Jetzt kehrt er zurück – und erinnert sich an die Anfänge seiner Karriere
##alternative##
Von Klaus-Eckhard Jost
07.02.2020 | Stand: 16:47 Uhr

Am 16. Februar 2019 feierte Karl Geiger einen überraschenden Weltcupsieg in Willingen. An diesem Wochenende (Samstag ab 16 Uhr, Sonntag ab 10.15 Uhr) gastiert die Skisprungelite wieder im Sauerland – und aus dem Überraschungssieger Geiger ist die Nummer eins im deutschen Team geworden.

Rückblick: „Ihr habt eine so geile Stimmung gemacht, da musste ich einfach weit runter springen“, rief Geiger vor einem Jahr 23 500 Besuchern zu. Mit der Tagesbestweite von 150,5 Metern war ihm auf der größten Skisprungschanze der Welt ein wahrer Husarenritt gelungen, und der Oberstdorfer hatte etwas überraschend seinen zweiten Weltcupsieg errungen. Damit verwandelte er das Terrain um die Mühlenkopf-Schanze endgültig zum Tollhaus, heizte die Partystimmung an. „Super, Karl war heute absolut klar im Kopf“, lobte der damalige Bundestrainer Werner Schuster.

Jetzt sind die Springer wieder in Willingen. Aus dem Überraschungsmann Geiger ist die Nummer eins im deutschen Team geworden. Dritter war der 26-Jährige bei der Vierschanzentournee, beim Weltcup in Val di Fiemme hat er das Double geschafft – Sieg am Samstag und Sonntag. Danach durfte er sich das Gelbe Trikot des Führenden in der Gesamtwertung überstreifen. „Das ist zwar aus dem identischen Material wie das übliche Trikot, aber ich fühle mich sehr wohl darin“, sagte er stolz. Auch wenn er es zuletzt in Sapporo an den Österreicher Stefan Kraft (26) abgeben musste – der Abstand ist minimal.

Es hat ein wenig gedauert, bis Geiger in der absoluten Weltspitze angekommen ist. „Bei mir ging es nicht so schnell, ich war nicht schon mit 17 Weltklasse.“ 19 Lenze zählte er, als er beim Saisonauftakt 2012 sein Debüt im Weltcup gab. Doch der 1,83 Meter große Springer blieb immer unscheinbar im Hintergrund. Severin Freund stand im Fokus, auch Andreas Wellinger. Geiger war solider Mannschaftsspringer. „Das große Talent war ich nie“, sagte er selbst über sich. Doch er hat stets an sich gearbeitet: „Ich bin von Jahr zu Jahr besser geworden.“

Auch bei seinem bisher größten sportlichen Erfolg stand Geiger im Schatten. Bei der Weltmeisterschaft 2019 gewann er in Innsbruck Silber. Alle Blicke richteten sich jedoch auf Markus Eisenbichler – der Siegsdorfer holte auf der Großschanze Gold. Geiger freute sich mit seinem Zimmerkollegen, beide holten gemeinsam im Mixed und zusammen mit Richard Freitag und Stephan Leyhe im Team-Springen noch zweimal Gold. Der Knoten sei im Jahr davor schon geplatzt, meint Geiger. Bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang hatte er mit dem Team die Silbermedaille gewonnen. „Das gab mir Kraft“, verrät er.

Nicht nur sportlich hat Karl Geiger in den vergangenen Jahren dazugelernt. Sondern sich auch persönlich weiterentwickelt. Grundsätzlich sagt er über sich: „Ich bin eher einer von der entspannteren Art. Eigentlich bringt mich so schnell nichts aus der Ruhe. Auch als Springer versuche ich, cool zu bleiben.“ Doch im Wettkampf habe er versucht, sich ein bisschen eine Drecksau anzugewöhnen. „Wenn Wettkampf ist, dann hau ich drauf, dann gebe ich immer 100 Prozent. Da bin ich eher rigoros, eher hopp oder top.“ Eisenbichler als ständiger Zimmerkollege kann Karl Geiger am besten beurteilen. Zwischen 180 und 200 Nächte verbringen die beiden jedes Jahr miteinander. „Der Karl und ich sind wie Ying und Yang, sehr unterschiedlich beim Skispringen“, sagt der 28-jährige Oberbayer. Während er sich als Gefühlsspringer beschreibt, sei Geiger eher der Stratege, er muss alles sehr gut durchdenken.

Entspannung findet Geiger in Oberstdorf: „Das ist für mich Heimat.“ Freunde treffen, auf die Berge steigen. Und von dem einen oder anderen auch mal mit dem Gleitschirm runterfliegen. Zu viel Risiko? Geiger verneint: „Ich finde nicht, dass Gleitschirmfliegen ein zu gefährliches Hobby für einen Leistungssportler ist.“ Auf Ski stand Geiger schon in jungen Jahren. „Als Kind bin ich über alles gehüpft.“ Doch an Springen hat er nicht im Ansatz gedacht. Später als Jugendlicher schon eher. „Ich habe ich mich auch in der Kombination ausprobiert, mit Johannes Rydzek trainiert“, erzählt er. Doch im Gegensatz zu Rydzek reduzierte Geiger sein Programm: „Am Langlauf habe ich nichts finden können.“ Ausschlaggebend waren auch Besuche beim Tournee-Auftakt. „Selbstverständlich war ich als Kind regelmäßig an der Schanze.“ Einer seiner Vorbilder war Martin Schmitt, Sieger von 1998 bis 2000. Heute ist Karl Geiger selbst Vorbild für viele Kinder und Jugendliche.