Wo ist der barrierefreie, bezahlbare Wohnraum?

Teilhabe statt Titelkämpfe, denn die Inklusion im Alltag fehlt oft noch

Rollstuhlfahrer testet Barrierefreiheit

Treppen: Die einen gehen sie tagtäglich hinauf und hinunter, ohne darüber nachzudenken. Für die anderen stellen sie ein schier unüberwindliches Hindernis dar – oder in anderen Worten: eine Behinderung.

Bild: Daniel Maurer, dpa (Symbol)

Treppen: Die einen gehen sie tagtäglich hinauf und hinunter, ohne darüber nachzudenken. Für die anderen stellen sie ein schier unüberwindliches Hindernis dar – oder in anderen Worten: eine Behinderung.

Bild: Daniel Maurer, dpa (Symbol)

Im Allgäu leben fast 84 .000 Menschen mit Behinderung. Während Para-Spitzensportler in Tokio gefeiert werden, ist Inklusion im Alltag oft noch nicht angekommen.
03.09.2021 | Stand: 22:02 Uhr

Die Paralympics in Tokio gehen dem Ende entgegen, knapp zwei Wochen lang standen Sportler mit Handicap im Fokus. „Ich finde es gut, dass es die Veranstaltung gibt, aber der Otto Normalbürger mit Beeinträchtigung kann sich daran nicht messen“, sagt Felix Wenzel. Der 39-Jährige arbeitet beim Verein für Körperbehinderte Allgäu (KBA), hat selbst eine Spastik und Probleme mit der Feinmotorik. „Es gibt sehr viele verschiedene Beeinträchtigungen, nicht alle sind sichtbar. Und es ist wichtig, dass Inklusion nicht nur auf dem Papier angegangen, sondern gelebt wird.“ Für Wenzel hieße das weitestgehend uneingeschränkte Teilhabe in allen Bereichen. „Dafür ist ein gesellschaftlicher Wandel nötig.“ Doch was sind die größten Baustellen?

Am dringendsten gebraucht werde barrierefreier und vor allem bezahlbarer Wohnraum, sagen unisono Felix Wenzel, Waltraud Joa, Beauftragte für Menschen mit Handicap der Stadt Marktoberdorf, und Verena Gotzes, Memminger Stadträtin und im dortigen Behindertenbeirat aktiv. Die beiden Frauen sitzen im Rollstuhl und wissen, dass der Nahverkehr nicht auf Personen mit Behinderung ausgerichtet ist. „Viele haben kein Auto. Wir brauchen Rufbusse und kurze Wege zu den Haltestellen“, sagt Joa.

Zentrale Forderung: Barrierefreiheit

Einer der zentralen Punkte ist die Barrierefreiheit. Manch einer denkt dabei zuerst wohl an abgesenkte Bordsteine und Rampen, mit dem Begriff ist aber noch viel mehr gemeint. „Es wäre zum Beispiel sehr wichtig, dass Ämter ihre Internetauftritte barrierefrei gestalten“, sagt Wenzel. Er nennt ein Beispiel: „Ich habe Schwierigkeiten mit dem handschriftlichen Schreiben. Formulare aber müssen oft ausgedruckt und dann händisch ausgefüllt werden. Das ist völlig überflüssig, rein technisch ist es schon lange möglich, Formulare am Computer zu bearbeiten.“

Aber: Es habe sich in der Vergangenheit viel getan, gerade in den Städten, das Thema komme immer mehr an, sagen Joa und Gotzes. Nicht nur in Marktoberdorf und Memmingen, auch in Kempten passiere viel: „Wir arbeiten gut mit der Verwaltung zusammen, die Kommunikationswege sind kürzer geworden “, sagt Waldemar Ruf vom Beirat für Menschen mit Behinderung in Kempten. Der 47-Jährige ist bei der Allgäuer Bezirksgruppe des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes für das Thema Barrierefreiheit zuständig und fordert vor allem die Privatwirtschaft zum Handeln auf. In Einkaufszentren und Geschäften seien Menschen mit Behinderungen meist auf sich gestellt, es gebe kaum Leitsysteme oder Rampen. „Aber wir sind ein Teil der Gesellschaft und auch potenzielle Kunden“, sagt Ruf.

Wenig Berührungspunkte

Doch das werde immer wieder vergessen – obwohl im bayerischen Allgäu nach Angaben des Zentrum Bayern Familie und Soziales (ZBFS) fast 84 .000 Menschen mit Behinderung leben, mehr als 54 000 davon gelten laut Statistik als schwerbehindert. Dennoch haben viele Allgäuerinnen und Allgäuer ohne Einschränkungen oft wenig Kontakt zu Menschen mit Behinderung. Woran liegt das? „Nicht alle Behinderungen sind sichtbar“, sagt Gotzes und verweist auf Krebs- oder Herzerkrankungen. Außerdem ist die Eingliederung auf dem ersten Arbeitsmarkt laut Felix Wenzel noch immer die Ausnahme, dazu kommen eigene Kindergärten und Schulen für Menschen mit Behinderung. „Manch einer ,verschwindet’ im derzeitigen System, ob er will oder nicht. Ohne meinen eigenen Willen und den Rückhalt meiner Familie wäre es mir vielleicht auch so gegangen.“

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Wie verkrampft der Umgang miteinander manchmal noch ist, zeigt sich schon bei der Sprache: Was soll man denn nun sagen, Behinderte, Menschen mit Behinderung, Personen mit besonderen Bedürfnissen? „Ich kann natürlich nicht für alle sprechen“, sagt Wenzel. „Aber mittlerweile finde ich die Bezeichnung ,Menschen mit Beeinträchtigung’ ganz gut. Denn behindert werden wir erst von äußeren Einflüssen wie zum Beispiel Treppen. Gäbe es die nicht, gäbe es auch keine Behinderung.“

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