Füssen/Weißwasser

Ein Kapitel deutsch-deutsche Sportgeschichte

Ernst Trautwein, 111 Eishockey-Länderspiele sowie 5 WM und 3 Olympiateilnahmen wird am 8. April 65 Jahre alt. Unser Bild im Nati

Ernst Trautwein, 111 Eishockey-Länderspiele sowie 5 WM und 3 Olympiateilnahmen wird am 8. April 65 Jahre alt. Unser Bild im Nati

Bild: © HORSTMÜLLER GmbH

Ernst Trautwein, 111 Eishockey-Länderspiele sowie 5 WM und 3 Olympiateilnahmen wird am 8. April 65 Jahre alt. Unser Bild im Nati

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„Der Name Trautwein hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt“, gesteht Klaus Hirche. Der heute 80-Jährige aus Weißwasser war einst im Tor der Eishockey-Nationalmannschaft der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) die Nummer eins. Er brachte es auf 118 Länderspiele. Dazu zählten im Dezember 1963 auch jene deutsch-deutschen Duelle in Füssen (4:4 vor 11 000 Zuschauern) und in Berlin (3:4 vor 5000 Besuchern), in denen der Füssener Ernst Trautwein (83) die entscheidenden Tore für die Nationalmanschaft der Bundesrepublik erzielte. Sie gingen in die deutsch-deutsche Sportgeschichte ein: Trautwein sicherte mit seinen Treffern der westdeutschen Auswahl die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen in Innsbruck 1964. Später und vor allem nach der Wiedervereinigung des getrennten Deutschlands war es für Hirche „mein Traum, Ernst Trautwein persönlich kennen zu lernen“.

Von Arno Späth
08.06.2020 | Stand: 14:33 Uhr

Jetzt war es soweit: Auf dem Eis waren Klaus Hirche und Ernst Trautwein sportliche Gegner. „Wir haben gegeneinander gespielt, aber niemals miteinander gesprochen“, erzählte beim Frühstückstreffen Ernst Trautwein im Esszimmer seines Hauses an der Augsburger Straße in Füssen. Mit dabei war auch Ernst „Gori“ Köpf. Der heute 79-Jährige gehörte mit Trautwein und den anderen unvergessenen EVF-Cracks Paul Ambros, Georg Scholz, Siegfried Schubert, Peter Schwimmbeck, Kurt Sepp, Leonhard Waitl und Helmut Zanghellini zu den Stützen der westdeutschen Mannschaft. „Wir konnten gar nicht verstehen, dass die Spieler der DDR mit uns nicht sprechen durften“, erinnert Köpf an diese politisch brisante Zeit des „kalten Krieges“ zwischen Ost und West. Diese Spannung war bereits Monate zuvor bei der Weltmeisterschaft in Schweden zu spüren. Im deutsch-deutschen Duell in Stockholm gelang Ernst Trautwein 76 Sekunden vor Schluss der Treffer zum 4:3. Als dann zu Ehren des Siegers das Deutschlandlied ertönte, drehten die Spieler der DDR der schwarz-rot-goldenen Fahne den Rücken zu. „Das ging nicht von den Spielern aus, das war politisch gesteuert“, so Trautwein.

Gesteuert waren auch die Zuschauer in der Werner-Seelenbinder-Halle in Berlin. 50 000 Karten-Wünsche waren eingegangen, die Halle bot aber nur für 5000 Platz. „Wir hatten das große Ziel, bei Olympia dabei zu sein“, schaut Klaus Hirche zurück: „Wir führten 2:0. Als das 2:2 gefallen war, hat uns aber auf den Rängen keiner mehr unterstützt. Unser Publikum waren keine Eishockey-Fans, sondern vom Staat ausgesuchte Leute, denen man mit dem Besuch des Spiels eine Auszeichnung zukommen lassen wollte.“ Trautwein gelang der entscheidende Treffer zum 4:3-Sieg der Bundesrepublik. Sie war wegen einer Strafzeit in Unterzahl. „Dieses Tor war für mich furchtbar! Der Ernst hatte den besseren Riecher, die bessere Technik und mich ausgespielt“, schildert Klaus Hirche die Situation.

Voraus gegangen war ein Querpass eines DDR-Verteidigers an der blauen Drittellinie der BRD. „Ein Pass, den man nie geben darf“, so Hirche. Trautwein fing die Scheibe ab, ging alleine durch und ließ Hirche keine Chance. „An dieses Tor kann ich mich noch richtig gut erinnern“, kam jetzt auch Ernst Köpf ins Schwärmen: „Das war, als würde Ernst einen Penalty schießen!“ Für den Ex-DDR-Torhüter war’s eher ein Albtraum: „Sch..., Sch..., Sch... – das hört sich schlimm an, aber das war das einzige, was ich in diesem Moment dachte“, gesteht Hirche heute.

Auch beim 4:4 im ersten Entscheidungsspiel im Füssener Kobelstadion war der Torwart mit der schwarzen Maske chancenlos: „Wir haben 4:3 geführt“, blendet Hirche zurück: „Dann hat Ambros geschossen, Trautwein seinen Schläger hingehalten – und der Puck landete im Netz.“

Hirches Traum von Olympia wurde aber noch wahr: 1968 in Grenoble (Frankreich) durften beide deutschen Eishockey-Mannschaften starten. Zum ersten und zum einzigen Mal. Wegen der Erfolglosigkeit (letzter Platz) wurde die Sportförderung in der DDR neu verteilt. Der Staat setzte verstärkt auf medaillenträchtige Einzelsportarten. Für internationales Eishockey war kein Geld mehr da.