Kellerei Reutte

Jodler, Swing und afro-allgäuer Samba

Helsinki

„Südlich von Helsinki“ auf der Bühne der Kellerei. Von links: Andreas Kopeinig, Tiny Schmauch, Stefan Sigg, Thomas Scholz und Friedl Schweiger.

Bild: Klaus Wankmiller

„Südlich von Helsinki“ auf der Bühne der Kellerei. Von links: Andreas Kopeinig, Tiny Schmauch, Stefan Sigg, Thomas Scholz und Friedl Schweiger.

Bild: Klaus Wankmiller

Die Jazzband Südlich von Helsinki präsentiert ihre neue CD. Auf der finden sich ausschließlich Eigenkompositionen. Was hinter Titeln wie "Bella Donna" steckt.

14.07.2020 | Stand: 10:30 Uhr

„Nach sieben Jahren gemeinsamen Spiel war es endlich Zeit, Stücke, die wir uns auf den Leib geschrieben haben, auf einer CD herauszubringen.“ Mit diesen Worten begrüßte Friedrich „Friedl“ Schweiger die Fangemeinde der Jazzband „Südlich von Helsinki“ in der Kellerei Reutte. Für ihn gibt es einen großen Unterschied zwischen CD-Aufnahme und Livekonzert: Die Stücke auf dem Tonträger sind zeitlich begrenzt, bei einem Livekonzert hat man unendliche Möglichkeiten der Improvisation – hier herrscht Spontaneität vor. Das macht Jazz aus.

Der Ursprung des Bandnamens 

Davon konnte man sich auch überzeugen: Durch Zunicken und kurze Gesten spielten sich die Musiker die Melodien gegenseitig zu, so dass jeder ausgiebig Gelegenheit zur individuellen Improvisation hatte. Außer Schweiger (Saxofon und Bassklarinette) waren dies Stefan Sigg (Flügelhorn), Andreas Kopeinig (Klavier), Tiny Schmauch (Kontrabass) und Thomas Scholz (Schlagzeug). Rätsel gibt der Name der Gruppe auf: „Eine Gemeinsamkeit ist, dass wir alle circa 1000 Meilen südlich von Helsinki wohnen“, erklärt der Saxofonist. Während Schweiger und Kopeinig in Reutte ansässig sind, wohnen die anderen drei Bandmitglieder im Allgäu beziehungsweise in Ravensburg.

Jeder ein Meister auf seinem Instrument

Beeindruckend ist die Homogenität der Gruppe, klanglich stimmungsvoll abgewogen, nicht zu laut, aussagekräftig, virtuos und jeder ein Meister auf seinem Instrument. Zudem kommt, dass es ausschließlich Eigenkompositionen sind, die gespielt werden. Den Auftakt machte die „Buchungsnummer“ von Tiny Schmauch. Das swingende Stück entstand zeitgleich mit der Steuererklärung, doch der geheime Zahlencode des Rhythmus wurde nicht verraten. „Made in Austria“ von Friedl Schweiger beginnt quasi als Jodler auf einer Almwiese. Kuhglocken erklingen im Hintergrund. Dann wird es schnell. Mit perlenden Klaviertönen sind wir an den Kärntner Seen angelangt und landen schließlich in einem Wiener Ballsaal. Temperamentvoll geht es über die Westautobahn zurück ins Allgäu und die Österreichreise endet wieder mit einem Jodler auf der Alm.

Erste Worte der Tochter sind namensgebend für CD

„Deep inside“ ist eine Liebeserklärung des Pianisten Andreas Kopeinig an seine Frau Katharina: „Mehr gibt es darüber nicht zu sagen“. Eine Romanze ganz anderer Art ist „Casa Paradiso“ – ein Bootshaus am Lago Maggiore, in dem der Flügelhornspieler Stefan Sigg mit seiner Familie gerne Urlaub macht. Das Stück vermittelt tatsächlich die Stimmung einer italienischen Sommernacht. „Guck mal“ ist nicht nur ein harmonisch anspruchsvoller Blues von Tiny Schmauch, sondern auch namensgebend für die CD, weil es die beiden ersten Worte waren, die seine Tochter nach Aufforderung des Komponisten sprach. Kein Wunder, dass hier Motive von Kinderliedern versteckt sind. Die Familien der Jazzmusiker waren nicht nur der Anlass für so manches Stück, sondern auch das Cover der CD ist ein „Artwork“ der Kinder.

„Bella Donna“ gilt Ehefrau

„Monk in Blue Bed“ ist ein getragener Blues und zugleich eine Hommage an den Bebop-Pianisten Theolonius Monk, der Andreas Kopeinig in seiner Jazz-Laufbahn begleitet hat. „Bella Donna“ widmete Stefan Sigg seiner Frau. Die beiden unterschiedlichen, aber gleichzeitig erklingenden Melodien symbolisieren zum einen die Liebe zur Gefährtin, andererseits ist „Bella Donna“ der Name einer giftigen Tollkirsche. Von diesem Gegensatz lebt das Stück, bei dem der Flügelhornspieler sein ganzes Können zeigen konnte. „Sad Lizard“ ist eine Ballade für eine Eidechse. Sie beginnt wie ein Klagelied im Bass. Jüdische Melodik folgt in der Bassklarinette und mündet in orientalischen Karawanenklängen im Schlagzeug. Mit dem temperamentvollen „Servus Sepp“ klang der stimmige Abend aus. Die begeisterten Zuhörer wurden mit der afro-allgäuer Samba „A Loco Moa“ als Zugabe belohnt.