Sonthofen

Das Wunder von St. Michael

Pfarrkirche Sonthofen

Erinnerungen an den Tieffliegerangriff vom 29. April 1945: Die brennende Pfarrkirche St. Michael in Sonthofen – kurz nach dem Bombardement. Die Aufnahme ist dem Buch „Sonthofen im Wandel der Geschichte“ entnommen.

Bild: ab

Erinnerungen an den Tieffliegerangriff vom 29. April 1945: Die brennende Pfarrkirche St. Michael in Sonthofen – kurz nach dem Bombardement. Die Aufnahme ist dem Buch „Sonthofen im Wandel der Geschichte“ entnommen.

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Vor 75 Jahren wird in Sonthofen die Pfarrkirche während des Sonntagsgottesdienstes durch Bomben zerstört. Doch die Menschen im Gebäude überleben.
04.05.2020 | Stand: 13:05 Uhr

Es gleicht einem Wunder: Viele Sonthofer feiern in der Pfarrkirche St. Michael den Gottesdienst, als sich Flugzeuge nähern, Flugzeuge bestückt mit Bomben. Zum Verlassen des Gotteshauses ist es zu spät. Kaplan Klemens Berger, der die Messe zelebriert, fordert die Menschen auf, sich an die Seitenwände zu drängen, um dort Schutz zu suchen. Kurz drauf schlagen Brandbomben durch das Dach ins Mittelschiff. Es gibt zwölf Schwer- und mehrere Leichtverletzte, aber niemand wird getötet.

So beschreibt die Chronik „Sonthofen im Wandel der Geschichte“ von Richard Hipper und Aegidius Rudolf Kolb den Sonntag, 29. April 1945. An diesem Tag vor 75 Jahren erleben die heutige Oberallgäuer Kreisstadt und Immenstadt den zweiten schweren Tieffliegerangriff nach dem verheerenden Bombardement vom 22. Februar 1945, dem allein in Sonthofen mehr als 60 Menschen zum Opfer fielen.

Diesmal verläuft der Angriff in Sonthofen glimpflicher – zumindest was die Zahl der Toten anbelangt. Xaver Wutz, der damalige Friedhofswärter, verzeichnet in seiner Chronik: „Eine Bombe, die in der Friedhofsstraße krepierte, traf den Wehrmachtsgärtner, der wenige Tage darauf verstarb. Mittags 1 Uhr holte ich beim Hutgeschäft Deidl den von Splittern tödlich getroffenen Thomas Schmid, Rentner von hier.“ In den folgenden Tagen erliegen – nach diesen privaten Aufzeichnungen – noch drei weitere Menschen ihren Verletzungen. Eine Tote wird später noch unter Trümmern gefunden.

Xaver Wutz beschreibt die Bombardierung mit knappen Worten: „Immer wieder setzten die Flieger im Tiefflug zum Angriff an, Bordwaffenbeschuss und viele Sprengbomben hagelten auf Sonthofen.“ Die Zerstörungen sind erheblich: In der Pfarrkirche gehen viele Kunstschätze verloren. Auch die Turmkuppel brennt. „Der Glockenstuhl mit den schmelzenden Glocken stürzte in die Tiefe“, heißt es in der Chronik „Sonthofen im Wandel der Geschichte“. Auch das Landratsamt wird schwer beschädigt. Es ist aber merkwürdig“, heißt es in dieser Chronik weiter, „dass keiner der Luftangriffe sich gegen die hochaufragende, weithin sichtbare Ordensburg, die Pflanzstätte nationalsozialistischer Geisteshaltung, richtete. Sie blieb völlig unbeschädigt, wohl in der Absicht des Feindes, sie bei der bevorstehenden Besetzung Sonthofens als Quartier für die Besatzungstruppen zu verwenden.“ So kam es denn auch, erinnert sich Eugen Wutz, der Sohn von Xaver Wutz, der den Angriff als Neunjähriger in einem Keller miterlebte.

Ebenso erging es Siegbert Eckel aus Immenstadt. Der Mitarbeiter im Stadtarchiv erinnert sich an die drei letzten größeren Angriffe auf die Stadt an diesem 29. April 1945: „Schon am Vormittag ging es los. Ich saß auf dem Küchentisch, und meine Muter hat mich angezogen, da tat es einen Riesenschlag und die Küchenuhr fiel von der Wand. Also schnell ab in den Keller. Immer wieder pfiff und rummste es gehörig, und die anderen Hausbewohner jammerten jedes Mal lauthals. Manche beteten, auch solche, denen man dies nie zugetraut hätte.“

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Doch Siegbert Eckel, damals ein vierjähriger Bub, ist neugierig: „Scheinbar bin ich dann im Durcheinander des Kellers meiner Mutter entwischt“, erinnert er sich: „Vermutlich wollte ich nur oben schauen, woher das infernalische Pfeifen kommt. Der Luftdruck eines Einschlages warf mich aber bald die Kellertreppe hinunter. Ein Stein oder ein Splitter traf die Kellertüre eben dort, wo ich vor einer Sekunde noch gestanden hatte. Noch Jahre danach war die Einschlagstelle an der Türe zu sehen.“

Drei Menschen starben in Immenstadt

Drei Menschen starben bei diesen Angriffen auf Immenstadt, berichtet Siegbert Eckel: „Das Kapuzinerkloster und das Heimatmuseum in der Bachreute wurden stark beschädigt und die sieben aus Holz gebauten Häuser in der Spitalstraße durch Brandbomben vernichtet.“ Weitere 50 Häuser in der Stadt wurden beschädigt, verzeichnet die von Rudolf Vogel herausgegebene Chronik der Stadt Immenstadt.

Auch in Sonthofen bietet sich ein verheerendes Bild: „Zerschossene Ruinen“, schreibt Xaver Wutz, „Wehrmacht flüchtet durch den Ort, auf dauernder Flucht in die Berge. Man erwartet den Feind …“ Einen Tag später besetzen französische Truppen den Ort. Das Terrorregime der Nationalsozialisten ist beendet. Und Xaver Wutz trägt nüchtern resümierend in seine Chronik ein: „Bedingungslose Kapitulation, dem Feind auf Gnade und Ungnade ausgeliefert, war das Ergebnis der Politik seit 1933. Millionen Tote, Soldaten und Zivilisten, die deutschen Großstädte ein Schutthaufen, die Friedhöfe voll von Kreuzen Gefallener.“