Fotografie

Die Schüler und der Künstler:  Spannende Blickwinkel auf Kempten

Ungewöhnliche Sicht auf eine Stadt: „Kornhaus“, Langzeitaufnahme von Reiner Metzger aus Oberstdorf, zu sehen im neuen Buch von Reiner Metzger „Räume. Zeiten - Kempten 2020“ und der Ausstellung „30 Blickwinkel auf unsere Stadt“ im Kempten-Museum.

Ungewöhnliche Sicht auf eine Stadt: „Kornhaus“, Langzeitaufnahme von Reiner Metzger aus Oberstdorf, zu sehen im neuen Buch von Reiner Metzger „Räume. Zeiten - Kempten 2020“ und der Ausstellung „30 Blickwinkel auf unsere Stadt“ im Kempten-Museum.

Bild: Reiner Metzger

Ungewöhnliche Sicht auf eine Stadt: „Kornhaus“, Langzeitaufnahme von Reiner Metzger aus Oberstdorf, zu sehen im neuen Buch von Reiner Metzger „Räume. Zeiten - Kempten 2020“ und der Ausstellung „30 Blickwinkel auf unsere Stadt“ im Kempten-Museum.

Bild: Reiner Metzger

Fotograf Reiner Metzger aus Oberstdorf hat 30 Plätze der Stadt Kempten in Langzeitbelichtungen festgehalten. Seine kunstvollen Arbeiten stehen in einem Bildband und einer Ausstellung Momentaufnahmen von Schülern gegenüber. Was der Kontrast bewirkt.
08.07.2020 | Stand: 06:00 Uhr

Ein geheimnisvolles Licht umgibt das Kemptener Kornhaus. Die Strahlen der Sonne spannen sich wie eine Gloriole, wie ein Heiligenschein, über dem historischen Gemäuer aus. Und wie Heiligendarstellungen auf alten Gemälden wirkt das Gebäude auch entrückt. Entrückt dem Alltag, entrückt dem Leben der Menschen, entrückt der Zeit.

Ein Auto auf der Straße, das sich gerade in Nichts aufzulösen scheint, weist auf des Rätsels Lösung hin. Es ist ein Relikt, das der Fotograf nicht ganz getilgt hat. Nicht ganz getilgt wie alles andere Leben zum Zeitpunkt der Aufnahme – durch eine Langzeitbelichtung. Reiner Metzger aus Oberstdorf ist jener Künstler mit der Kamera, der mit dieser Methode spektakuläre Bilder schuf und schafft.

Sie brachten ihm auch den Auftrag für sein neuestes Projekt ein. Für die Stadt Kempten hat der 63-Jährige 30 vorgegebene Plätze mit seiner Aufnahme-Methode festgehalten. Schüler der Medienklasse der Montessori-Fachoberschule setzen ihre Sichtweise dieser Plätze und anderer Orte in der Stadt dagegen. Entstanden ist ein spannendes Projekt, das in einer Ausstellung „30 Blickwinkel“ auf eine Stadt präsentiert und zugleich in dem dazugehörigen Katalog, genauer gesagt dem dazugehörigen Buch, ein Zeugnis unserer Zeit liefert.

Zwei Generationen stehen sich gegenüber, zwei unterschiedliche Arbeitstechniken, zwei unterschiedliche Ansätze der Betrachtung. Vertieft werden die Aufnahmen im Buch durch weiterführende Beiträge von Michael Frank Meier zum künstlerischen Ansatz des Fotografen, von Architekt Franz G. Schröck vom Architekturforum Allgäu zur städtebaulichen Bedeutung der Plätze und von Kuratorin Susan Funk zur Leistung der Schüler.

Sie liefern, wie Susan Funk erklärt, einen Blick auf die Stadt aus der Sicht der Jugendlichen. Ihre zum Teil provokanten Aufnahmen wollen die gewohnte Wahrnehmung hinterfragen. Aus rund 400 Bildern der Schüler hat Reiner Metzger 30 als Gegenstück zu seinen eigenen Arbeiten ausgewählt. Es sei ihm dabei nicht um eine Auswahl der besten gegangen, sondern um einen repräsentativen Querschnitt.

Der zeigt nun das Leben in der Stadt auf durchaus vielfältige Weise: Ein alter Mann rüstet sich, den Bus an der zentralen Umsteigestelle ZUM zu erklimmen. Menschen fluten auf der Rolltreppe das Forum Allgäu. Drei junge Männer vor der leeren Big Box hängen ihren Gedanken nach – jeder für sich.

Neben solcher Straßenfotografie gibt es Nahaufnahmen von Jugendlichen oder scheinbar genau komponierte Bilder – wie den Blick eines nur als Silhouette erscheinenden Mannes in ein hell erleuchtetes Schaufenster, in dem Modepuppen vor einer Werbefotografie posieren. Wie die Wirtschaft Begehren und Sehnsucht nach Konsum manipuliert, wird hier hinterfragt.

Doch das, was dem Menschen so erstrebenswert erscheint, ist nur eine flüchtige Momentaufnahme. Vielleicht wie der Mensch selbst. Vielleicht ist auch sein Dasein nur eine Momentaufnahme im Lebensalter der Erde. In Reiner Metzgers Aufnahmen verschwindet er schon durch die Kunstform der Langzeitbelichtung, wird der Mensch als Lebewesen gleichsam aus der Aufnahme getilgt. Zurück bleiben Relikte seines Konsums wie geparkte Autos und natürlich die von ihm gestaltete Umwelt.

Im Falle der Stadt Kempten sind das eindrucksvolle Plätze mit markanten historischen Gebäuden wie der Basilika St. Lorenz, der St.-Mang-Kirche oder dem Rathaus. Es gibt aber auch Ansichten, die in ihrer architektonischen Beliebigkeit in jeder größeren Stadt zu finden sind.

So ist dieses Buch nicht nur Dokument, sondern auch Mahnung zugleich. Denn es wirft Fragen auf: Wie erhält eine Stadt ihren Charakter, wie geht sie mit ihrer historischen Bausubstanz um, welche Perspektiven bietet sie in der Zukunft und vor allem wie wird sie lebenswert für Menschen aller Generationen?

Zusätzlich regt das Buch in seiner strikten Trennung von belebten Aufnahmen und Bildern, in denen der Mensch nicht mehr zu sehen ist, Bildern, in denen gleichsam Ewigkeit zu spüren ist, zum Philosophieren an. Über das, was bleibt. Über das, was vergeht. Denn auch ein scheinbar der Zeit entrücktes Gebäude wie das Kornhaus in Reiner Metzgers Darstellung wird wohl nicht ewig bestehen.

Buch: Reiner Metzger: „Räume - Zeiten. Kempten 2020“, Kataloge und Schriften der Stadt Kempten, Band 28, Preis 28 Euro. ISBN-Nr. 978-3-95976-267-0. Die Ausstellung „30 Blickwinkel“ auf die Stadt Kempten ist ab Freitag, 10. Juli, im Kempten-Museum im Zumsteinhaus zu sehen.