Sport im Wandel

Es fehlen Stars im Ring: Warum der Boxsport in der Krise steckt

Reinhard Peter blickt auf eine bewegte Box-Karriere zurück: Der 72-jährige Blaichacher boxte in der ersten Bundesliga, wie hier, 1973 in Rosenheim, gegen den Leverkusener Engel und gewann Silber im Finale der Militär-WM in Kairo 1977.

Reinhard Peter blickt auf eine bewegte Box-Karriere zurück: Der 72-jährige Blaichacher boxte in der ersten Bundesliga, wie hier, 1973 in Rosenheim, gegen den Leverkusener Engel und gewann Silber im Finale der Militär-WM in Kairo 1977.

Bild: Foto: Peter Archiv

Reinhard Peter blickt auf eine bewegte Box-Karriere zurück: Der 72-jährige Blaichacher boxte in der ersten Bundesliga, wie hier, 1973 in Rosenheim, gegen den Leverkusener Engel und gewann Silber im Finale der Militär-WM in Kairo 1977.

Bild: Foto: Peter Archiv

Das Boxen kämpft gegen sinkendes Interesse – und das, obwohl das Training über die Jahre vielfältiger geworden ist. Der Blaichacher Reinhard Peter vergleicht die Generationen.
16.11.2020 | Stand: 22:28 Uhr

Kurios ist allein die Art und Weise, wie Reinhard Peter zum Boxen kam. Denn eigentlich war der 72-Jährige seinerzeit gelernter Leichtathlet. Eine Verletzung zwang den Blaichacher allerdings dazu, diese Sportart aufzugeben. Als der damals 16-Jährige ein knappes Jahr später mit ein paar Freunden einen Boxkampf anschaute, war seine Neugier geweckt.

„Obwohl alle Jungs aus unterschiedlichen Sportarten kamen, war schnell der Entschluss gefasst, dass wir in den Ring steigen wollten“, sagt Peter. Der in Höxter im Weserbergland geborene Peter wollte den Boxsport vor allem ausprobieren, um ihn mit anderen Sportarten zu vergleichen, die er vorher bereits als Ausgleich zum Leichtathletik-Training praktiziert hatte.

Zudem erinnert er sich, dass ihn „vor allem die Vielseitigkeit“ gereizt hat. Diesen Aspekt erlebte er im „vielschichtigen Boxtraining“ intensiv. Denn wer anfängt zu boxen, muss gleich bei der Sache sein, sagt Peter. Alleine zum Eigenschutz müsse man topfit sein, bevor man in den Ring steigt – neben Kondition kommt es vor allem auf Disziplin und Stehvermögen an.

Boxen: "Zusammenspiel von Physis und guter Psyche"

„Boxen ist ein Zusammenspiel von guter Physis und guter Psyche. Wer im Ring erfolgreich sein will, muss über eine gute Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit verfügen“, sagt der Vize-Militärweltmeister von 1977. „Es gibt keine dummen Spitzensportler“, widerspricht er einem verbreiteten Vorurteil. Peter, der über 200 Kämpfe bestritten und an vier Militär-WM teilgenommen hat, vergleicht Boxen gerne mit Super G.

Bei beiden Sportarten müsse man vom Start weg voll konzentriert sein – der kleinste Fehler bedeutet das Aus. Daran, wie auch an den angesprochenen Voraussetzungen, hat sich beim Boxen, das zu den ältesten olympischen Sportarten gehört, im Laufe der Jahre nichts geändert. Das weiß der Wahl-Blaichacher, da er nicht nur selbst Spitzensportler war, sondern in Trainingswochen der Bundeswehr-Sportfördergruppe Sonthofen auch Größen wie Sven Ottke oder Markus Beyer betreute und 1970 seine erste Trainerausbildung absolvierte.

Im Hinblick auf die Ausrüstung sind lediglich die Handschuhe schwerer geworden, da die Schlaghärte mit der dickeren Polsterung abgemindert wird. Auch beim Blick auf das Terrain gibt es keine nennenswerten Änderungen, da Ring und Kampfmodus Konstanten sind.

Neue Methoden dank der Sportwissenschaft

Allerdings hat sich im Training allerhand getan. Wie Reinhard Peter berichtet, arbeiten seit Mitte der 1980er Jahre Sportmediziner und Trainingswissenschaftler enger zusammen. Die gemeinsam gewonnenen Erkenntnisse haben den Athleten nicht nur hilfreiche Trainingsgeräte gebracht, sie haben auch die Trainingssteuerung, beispielsweise in Sachen Ausdauer und Kraft, optimiert.

„Sportwissenschaft war ein Knackpunkt im Boxen“, sagt Reinhard Peter. Er spricht dabei bewusst nicht von Veränderungen, sondern von Optimierungen. Im umfangreichen Grundlagentraining des Boxens wurden dabei schon lange zuvor zahlreiche Mittel aus anderen Sportarten eingesetzt. Diese Grundlagentechnik-Schulung wurde im Laufe der Zeit aber stetig weiter verfeinert.

Ein Wandel hat sich allerdings in der Zielgruppe ergeben, die vom Boxen angesprochen wird. Mit der Zeit stiegen nämlich auch zunehmend Frauen in den Ring. Frauenboxen, das es zur aktiven Zeit von Reinhard Peter gar nicht gab, ist seit 2012 sogar olympisch.

Zudem erkennt der 72-Jährige einen weiteren Wandel im Image seiner Sportart. Größen, wie Henry Maske, Sven Ottke und Markus Beyer, stehen laut Peter für höchst anschaulichen Sport – Boxen hat sich seiner Meinung nach in der heutigen Zeit so verändert, „dass es alle Bevölkerungsschichten anspricht“.

Ümit Arslan: "Nach Klitschko ist der Boxsport untergegangen"

Ümit Arslan, der selbst beim Boxring Allgäu aktiv ist, bemerkt hierzulande allerdings dennoch ein sinkendes Interesse am Boxen. Als Grund dafür vermutet er die fehlenden Stars und Identifikationsfiguren. Henry Maske oder Axel Schulz würden nur noch „hart gesottene Boxfans“ kennen, nicht aber die Teenager von heute, sagt der 27-Jährige.

„Als Klitschko seine Karriere beendet hat, ist der Boxsport in Deutschland untergegangen“, bringt Arslan auf den Punkt. Dabei weist er darauf hin, dass es mit Robin Krasniqi momentan nur noch einen deutschen Weltmeister gibt. Daraus entwickelt sich seiner Meinung nach ein Teufelskreis, da die Leute sich durch fehlende Identifikationsfiguren im Boxen immer mehr für andere Sportarten interessieren.

Und das, obwohl „Boxen so vielen Jugendlichen helfen könnte, ihre Aggressionen zu bewältigen“, führt Ümit Arslan an. „Sport bietet Perspektiven“, betont er und begründet damit seinen Appell, den Boxsport in Deutschland mehr zu fördern. In seinen Augen werde Boxen, was die Jugendförderung angeht, „hängengelassen“.

Als Beispiel führt er seinen traditionsreichen Verein an, der zwar Boxring Allgäu heißt, aber in einer Halle trainieren muss, die nicht einmal über einen Boxring verfügt. In jedem Training müssen die Aktiven aus zwei Bänken an einer Wandecke einen Ring bilden und ihren Boxsack selber aufhängen. „Das kostet wertvolle Trainingszeit“, moniert Ümit Arslan. Und sagt viel aus.