Sport im Wandel

Ursprünge der „Hundspaddler“: Der Schwimmsport im Wandel der Zeit

Vom Löschweiher im Bachtel ging es für die Burgberger Schwimmer mit der Eröffnung des Freibads 1974 für ihren Sport endlich in „geregelte Bahnen.“

Vom Löschweiher im Bachtel ging es für die Burgberger Schwimmer mit der Eröffnung des Freibads 1974 für ihren Sport endlich in „geregelte Bahnen.“

Bild: Archiv Ellen Fieß

Vom Löschweiher im Bachtel ging es für die Burgberger Schwimmer mit der Eröffnung des Freibads 1974 für ihren Sport endlich in „geregelte Bahnen.“

Bild: Archiv Ellen Fieß

Während Kinder früher im Löschteich debütierten, ist das Schwimmen heute professioneller: Ausgefeiltes Material, komplexes Training und Analysen bestimmen den Sport.

Vom Löschweiher im Bachtel ging es für die Burgberger Schwimmer mit der Eröffnung des Freibads 1974 für ihren Sport endlich in „geregelte Bahnen.“
Von Marion Bässler
17.09.2020 | Stand: 16:44 Uhr

"Wir müssen Schwimmhäute zwischen den Fingern haben“, sagt Ellen Fieß schmunzelnd. Ihre Familie nimmt bereits in der vierten Generation an Schwimmwettkämpfen teil. Den Auftakt bildete die Mutter der 76-jährigen Burgbergerin, die in ihrer nordrheinwestfälischen Heimat Leistungsschwimmerin war. Erzählungen und der Kontakt zu den Teamkolleginnen stachelte den kindlichen Ehrgeiz von Ellen Fieß damals an, sodass sie sich selbst mit fünf Jahren Schwimmen beibrachte. „Wir haben in der Nähe des Freibads gewohnt – ich dachte, was Mutti kann, kann ich auch“, erinnert sich die 76-Jährige. Als Teenager nahm sie an Vergleichskämpfen teil, seit 1965, seitdem sie im Allgäu lebt, schwimmt sie nur noch für sich selbst. Dabei legt Fieß noch mehrmals in der Woche 1000 Meter zurück. „Den Sport kann ich trotz zweier künstlicher Kniegelenke problemlos ausführen“, sagt Fieß über ihre Leidenschaft.

Selbst die Anforderungen, um wettkampfmäßig auf Tempo zu schwimmen, könne man sich „durch viel Training“ aneignen. Worauf es im Schwimmen ankomme, ist der mentale Bereich. „Ehrgeiz, Wille und Durchsetzungsvermögen“ seien unabdingbar, sagt Ellen Fieß.

Schwimmen in den 1970ern: Von der Starzlach ins Freibad

In Burgberg, wo die Rentnerin ihre zweite Heimat gefunden hat, gab es lange keine Möglichkeit, Wettkämpfe auszutragen. Aus Erzählungen ihres Mannes weiß sie, dass viele Kinder im ehemaligen Löschweiher im Bachtel erste Schwimmversuche unternommen haben – als „Hundspaddler“, wie Fieß lachend hinzufügt. Viele haben sich damals das Schwimmen selbst beigebracht. Als der Löschweiher aufgelöst wurde, nutzten die Burgberger Kinder die Gumpen der Starzlach zum Badevergnügen – aus Mangel an Alternativen. „Deshalb können heute so viele nicht schwimmen“, merkt sie bekümmert an.

Sie selbst nutzte nach ihrem Umzug mit einer Frauengruppe des Turnvereins die ehemalige Lehrschwimmhalle der Blaichacher Schule, bis 1974 das Freibad Burgberg eröffnete – für Fieß „das weit und breit schönste Freibad“ war zudem ein Meilenstein für das Schwimmen in Burgberg.

Denn mit der Eröffnung kam der ehemalige Memminger Schwimmmeister Rudolf Wassermann nach Burgberg, startete ein Kindertraining und initiierte die Gründung des Burgberger Schwimmvereins. Dieser wurde ab 1976 als Abteilung des TSV geführt, bevor 1984 eine SG mit dem SV Sonthofen gegründet wurde. Das kam beiden Vereinen entgegen, da die Sonthofer im Sommer das Freibad nutzten und die Burgberger im Winter die Halle der Kreisstädter. Auch Fieß begann, kleine Kinder ans Wasser heranzuführen. „Ich war für die Kleinen die Mutter der Kompanie“, erinnert sich die 76-Jährige an die „eingeschworene Gemeinschaft“, die noch ihren Enkel „Freundschaften fürs Leben“ gebracht hat.

Delphinschwimmen, Rollwenden und Neopren

Von ihrer aktiven Zeit zum „Schwimmen von heute“ habe sich eine Menge verändert – von den Schwimmstilen, der Schmetterling hat sich durch Änderungen der Körper- und Beinbewegungen zu Delphin gewandelt, bis zu den Startblöcken, den häufigen Rollwenden und der optimierten Kleidung, um Schnelligkeit zu gewinnen. Das weiß auch Marcus Joas.

Der 21-Jährige wurde im wahrsten Sinne des Wortes ins Schwimmen „hineingeboren“, da sein Vater Schwimmtrainer beim TV Immenstadt war und seine Mutter Birgit Joas aktive Schwimmerin ist.

Als Fünfjähriger konnte Joas schwimmen und hatte früh seine Erfüllung gefunden. „Ich finde immer noch neue Ziele und neue Wettkämpfe, die mich motivieren, weiter zu trainieren“, sagt Joas – heute ist das beispielsweise das Eisschwimmen. Erst jüngst hatte der 21-Jährige die Gesamtwertung des „Arena-Alpen Open-Water-Cups“, eine See-Serie, gewonnen.

Im Hinblick auf den Wandel, der sich im Schwimmsport vollzogen hat, ist dem Jugendtrainer des TVI vor allem die größere Professionalität in allen Bereichen aufgefallen. Das Material sei bis hin zu den Neoprenanzügen heute „eine große Wissenschaft“, die Technik habe sich dementsprechend verändert, dass man viel weiter tauche – auch „Aspekte, wie Videoanalyse und Krafttraining werden immer wichtiger. Man muss nicht nur seine Ausdauer schulen und Stabi-Übungen für die Körperspannung machen, sondern einen großen Aufwand betreiben“, stellt er fest.

Ellen Fieß ergänzt, dass ein spezielles Zirkeltraining zum Muskelaufbau und eine Erhöhung der Intensität wichtig seien: „Während man früher zweimal die Woche trainierte, ist es heutzutage so, dass wer was erreichen will, jeden Tag trainieren muss“, sagt Fieß.

Trotzdem hätten die Schwimmvereine bessere Möglichkeiten, Talente zu ziehen, weil sie keine spezielle Zielgruppe ansprechen. Und doch bedauert die 76-Jährige, dass das lebenswichtige Schwimmen „hier als Breitensport rückläufig ist“ – auch weil sich zunehmend weniger Menschen für das Ehrenamt engagieren. Und Ellen Fieß befürchtet sogar, dass der Schwimmsport bei anhaltendem Trend der geringer werdenden Trainingsmöglichkeiten „zum Sterben verurteilt“ ist.