Fußball in der Corona-Krise

Wie der 1. FC Sonthofen mit Cyber-Wichteln am Teamgeist arbeitet

Trainer Benjamin Müller übernimmt beim Fitness-Teil die Rolle des Taktgebers, die Spieler des 1. FC Sonthofen folgen den Übungen im Cyber-Training auf den Bildschirmen zuhause.

Trainer Benjamin Müller übernimmt beim Fitness-Teil die Rolle des Taktgebers, die Spieler des 1. FC Sonthofen folgen den Übungen im Cyber-Training auf den Bildschirmen zuhause.

Bild: Daniel Kopatsch

Trainer Benjamin Müller übernimmt beim Fitness-Teil die Rolle des Taktgebers, die Spieler des 1. FC Sonthofen folgen den Übungen im Cyber-Training auf den Bildschirmen zuhause.

Bild: Daniel Kopatsch

Der 1. FC Sonthofen greift beim virtuellen Training im Lockdown in die oberste Schublade. Warum Fitness für Trainer Müller in dieser Phase nicht an erster Stelle steht.
11.12.2020 | Stand: 17:11 Uhr

Not macht erfinderisch – bekanntermaßen. Bei den Kickern des 1. FC Sonthofen lässt sie offenbar aber auch den Sinn für Kreativität und Teamgeist aufleben. Denn die Landesliga-Fußballer aus der Kreisstadt haben sich für den zweiten Lockdown und den zu erwartenden strengeren Anordnungen über die Wintermonate Extravagantes überlegt: Neben wöchentlichem Cybertraining via Zoom veranstaltet der FCS über die Videochat-Plattform ebenfalls einmal wöchentlich ein „Cybertraining Plus“ mit Motto-Abenden, Weihnachtswichteln und Team-Quizzen.

„Es ist gar nicht mehr zwingend der ausschlaggebende Grund, dass die Jungs nur fit sein müssen – denn ich glaube, dass die Situation in dieser Form noch eine ganze Weile andauern wird“, sagt Trainer Benjamin Müller. „Aber, weil es ja für viele Jungs auch im Privatleben derzeit eher mau zugeht und das eintönige Leben bei allen um sich greift, wollten wir zwar trainieren – aber dabei etwas Witziges machen, um miteinander im Austausch zu bleiben.“ Die Idee von Müllers Fitnesstraining haben die Routiniers Marc Penz und Kapitän Manuel Wiedemann, sowie Manager Bernd Kunze erweitert.

1. FC Sonthofen: Mit Motto-Abenden gegen den Blues

„Die Jungs sind unheimlich kreativ. Und das Gute ist, jeder wird in die Pflicht genommen“, sagt Müller. Konkret sieht das Plus-Training so aus, dass es zusätzlich zu den Fitnesseinheiten einen Motto-Abend gibt, den jeweils ein im Vorfeld festgelegtes Duo bestimmt. Die Teamkameraden und Trainer müssen sich entsprechend kleiden. Nach dem Auftakt mit dem Motto „Farbe bekennen“ folgte die „Malle-Party“, ein buntes Training für den Teamgeist. Außerdem bereiten die zwei ausgewählten Spieler ein Team-Quiz mit Fußballfragen, Allgemeinwissen und speziellen Insider-Fragen zum 1. FC Sonthofen vor. Die Sieger erhalten Preise, die besten „Motto-Umsetzer“ sind beim nächsten Mal dran.

Und die Resonanz ist stark: 37 Spieler aus der ersten und zweiten Mannschaft waren bei der Premiere am Bildschirm zuhause dabei. Beim Debüt klinkte sich sogar der Vorstand um Präsident Matthias Schmidle ein, der den Spielern für den weitestgehenden Gehaltsverzicht wegen der Corona-Pandemie dankte und über die Herausforderungen für den FCS sprach.

Für Trainer Müller bedeutet das Cybertraining selbstredend weniger Aufwand – und das, obwohl der topfitte Coach beim physischen Teil den „Drill-Instructor“ gibt: Zehn Übungen stehen an, Abwechslung zwischen Belastung und Pause im Intervalltraining. Alles, was für jeden auf kleinem Raum umsetzbar ist. „Es ist derzeit nicht sinnvoll, dass jeder einen Trainingsplan bekommt, den er zuhause einhalten muss – zumindest nicht, solange man keinen genauen Zeitpunkt für die Rückkehr auf den Platz hat“, sagt der 38-jährige Coach. Damit rechnet Müller zumindest nicht in naher Zukunft. „Wir müssen versuchen, dass wir uns in der jetzigen Zeit nicht gehen lassen. Aber die Jungs machen das Möglichste, um sich draußen die Zeit zu vertreiben“, sagt Müller.

Müller: "Wer es vergisst, zahlt zehn Euro"

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Für jede andere willkommene Abwechslung ist das Plus-Training da. So plant der 1. FC Sonthofen eine virtuelle Weihnachtsfeier – ebenso ist das Wichteln für die Vorweihnachtszeit bereits organisiert. „Alle Jungs haben ihre Adressen in die Whatsapp-Gruppe gestellt und jeder hat einen Partner zugelost bekommen“, erzählt Benjamin Müller. „Wer sich nicht daran hält, oder es vergisst, zahlt zehn Euro in die Mannschaftskasse.“

Und so bereitet der mentale Aspekt seines Trainerdaseins in der Zusammenarbeit mit seinen Schützlingen Müller heute weniger Sorgen als noch im Sommer. „Ich glaube, dass wir gut damit umgehen können, weil wir uns mit dem Restart nach dem ersten Lockdown super weiterentwickelt haben – vom Charakter, von der Mentalität und auch sportlich“, lobt Müller sein Team. „Das hat sich zuletzt auch wieder bestätigt. Die Mannschaft hat gesehen, dass wir nach den Rückschlägen besser geworden sind.“

Wann der 1. FC Sonthofen tatsächlich wieder den Rasen betreten oder zumindest wieder im Kollektiv arbeiten darf, ist dagegen ungewisser als im Frühsommer. „Wir wären bereit. Wir haben Konzepte ausgearbeitet, wie wir in Kleingruppen starten könnten, wenn es soweit ist“, sagt Benjamin Müller. „Ehrlich gesagt, mache ich mir aktuell aber wenig Gedanken darüber. Die Zahlen sind so extrem, dass ich nicht daran denke, wie wir fitness-technisch wieder zurückkommen. Fußball ist gerade ewig weit weg. Ich hoffe, dass das alltägliche Leben bald möglich ist. Das ist der erste Schritt.“