Kaufbeuren

Gesucht und gefunden – nach 73 Jahren

Benecke

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Bild: Gsöll

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Familie Manfred Benecke hat Schwester und Bruder nie kennengelernt, obwohl er vieles versucht hat, um sie ausfindig zu machen. Sein Neffe, seine Tochter und Facebook haben schließlich geholfen, das Geschwister-Trio zusammenzuführen
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Von Katharina Gsöll
23.08.2019 | Stand: 14:33 Uhr

Am 3. September geht Manfred Beneckes größter Traum in Erfüllung. Der 73-Jährige sitzt auf dem Sofa in seiner kleinen Wohnung in der Kaufbeurer Altstadt, wo er mit Papagei Bubi und Katze Mona lebt, und strahlt: „Ich bin so glücklich, dass ich das noch erleben darf. So etwas kann es eigentlich gar nicht geben.“ Er hat recht, seine Geschichte klingt schlicht unglaublich. Manfred Benecke hat zwei Geschwister – sie aber nie kennengelernt. Das soll sich nun endlich ändern. Am 3. September werden Sigrid und Wolfgang nach Kaufbeuren kommen.

Dass er eine Schwester und einen Bruder hat, war alles, was er bisher über seine Herkunftsfamilie wusste. Gefunden hat er sie trotz aufwendiger, jahrzehntelanger Recherche nicht. Er habe vieles versucht, bei Behörden angefragt, beim Weißen Ring und sogar schon überlegt, sich an die RTL-Sendung „Vermisst“ zu wenden. „Doch dafür hatte ich zu wenig Anhaltspunkte“, sagt der Rentner. Wenigstens die Namen, Sigrid und Wolfgang, hat er herausgefunden – mehr nicht.

Bis ihn seine Tochter vor ein paar Wochen anrief und ihm erzählte, Beneckes bisher unbekannter Neffe habe erfolglos versucht, über Facebook Kontakt zu ihm aufzunehmen und sich schließlich bei ihr gemeldet. „Mein Neffe hat kein Facebook-Konto und mich über den Account seiner Tochter angeschrieben“, erzählt der Kaufbeurer. Weil es ein ihm unbekannter Frauenname war, habe er nicht reagiert, die Nachricht gelöscht, ohne sie zu lesen. Er glaubte, es mit einem Fake-Profil zu tun zu haben, und dass dahinter etwas Unseriöses steckt. Aber der Neffe blieb hartnäckig, durchsuchte das soziale Netzwerk weiter und fand schließlich Beneckes Tochter. Ihr schrieb er eine lange Nachricht. Erzählte von seiner 82-jährigen Mutter, die in Schongau geboren ist und heute in der Nähe von Dresden lebt – Beneckes Schwester Sigrid. Und vom Bruder Wolfgang, der in Frankfurt am Main wohnt und gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Der 77-Jährige ist unheilbar an Krebs erkrankt und möchte vor seinem Tod unbedingt noch seinen Bruder kennenlernen. „Deshalb haben wir ziemlich schnell ein Treffen vereinbart – wer weiß schon, wie viel Zeit uns noch bleibt. Wir sind ja alle nicht mehr jung“, sagt Benecke.

Wie seine Schwester ist auch Benecke in Schongau zur Welt gekommen, wusste auch, dass seine Mutter noch einige Jahre in der Stadt gelebt hat und seine Schwester dort zur Schule gegangen ist. Er selbst ist bei Pflegeeltern in Peißenberg aufgewachsen. Warum ihn seine Mutter abgegeben hat, weiß er nicht. Trotzdem habe er eine glückliche Kindheit gehabt, sich vor allem mit seinem Pflegevater gut verstanden. Er ist leider früh verstorben, er war kriegsversehrt. Mit 18 hat sich Benecke für volljährig erklären lassen – das war man damals eigentlich erst mit 21 Jahren. Seine leibliche Mutter musste sich schriftlich damit einverstanden zeigen, was sie auch tat. Kontakt zu ihrem Sohn hat sie damals nicht aufgenommen. Heute kann er sich nur noch daran erinnern, als Kind hin und wieder Päckchen von ihr bekommen zu haben, vermutlich zu Weihnachten. Sie seien aus der damaligen Ost-Zone gekommen, die Mutter war inzwischen in ihre Geburtsstadt Köthen in Sachsen-Anhalt umgezogen. Nach der Schule hat Benecke, wie die meisten seiner Klassenkameraden auch, in Peißenberg eine Ausbildung im Bergwerk gemacht, damals der größte Arbeitgeber in der oberbayerischen Marktgemeinde. Es sei eine schöne Zeit gewesen.

Ein bisschen traurig sei er, sagt Benecke, dass er seine Geschwister erst jetzt gefunden hat: „Hätte es schon vor 15 Jahren geklappt, als ich mit der Suche angefangen habe, hätten wir noch mehr gemeinsame Zeit gehabt.“ Trotzdem überwiege die Vorfreude auf den 3. September, er könne schon jetzt an nichts anderes mehr denken. „Dann werden bestimmt auch einige Tränen rollen“, vermutet Benecke, „denn ich bin ziemlich nah am Wasser gebaut.“ Er hofft, dass seinen Geschwistern und ihm noch ein paar Jahre bleiben, in denen sie sich öfter treffen und viel reden können. Und dass sein altes Auto noch durchhält und die geplanten Fahrten nach Frankfurt und Dresden gut übersteht.

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