Elektro-Mobilität

Mit 250 Kilowatt durch Kaufbeuren: E-Bus meistert Testfahrt problemlos

Nächster Halt: Rathaus. In den kommenden Tagen testet die Verkehrsgesellschaft Kirchweihtal (VGK) diesen vollelektrischen Linienbus in Kaufbeuren.

Nächster Halt: Rathaus. In den kommenden Tagen testet die Verkehrsgesellschaft Kirchweihtal (VGK) diesen vollelektrischen Linienbus in Kaufbeuren.

Bild: Harald Langer

Nächster Halt: Rathaus. In den kommenden Tagen testet die Verkehrsgesellschaft Kirchweihtal (VGK) diesen vollelektrischen Linienbus in Kaufbeuren.

Bild: Harald Langer

Im E-Linienbus, der gerade probehalber durch die Wertachstadt kurvt, steckt auch Technik aus Kaufbeuren. Wann dürfen die ersten Passagiere einsteigen?
26.03.2021 | Stand: 07:00 Uhr

Wenn jemand in den nächsten Tagen in Kaufbeuren an der Haltestelle wartet und ein weiß-oranger Bus mit Kirchweihtal-Schild einfach durchfährt, dann ist das kein Grund zum Ärgern.

Denn es handelt es sich (noch) nicht um ein neues Fahrzeug in der Flotte der Verkehrsgesellschaft, sondern um einen rein elektrisch betriebenen Bus, der derzeit in der Wertachtstadt ausprobiert wird. Zum Auftakt des Praxistests gab es für die Führungsriege von Kirchweihtal sowie für Oberbürgermeister Stefan Bosse ein eine ausführliche Stadtrundfahrt.

E-Bus fährt mühelos den steilen Hang am Kaufbeurer Klinikum hinauf

Spannend war die Tour durch Kaufbeuren und Neugablonz nicht übermäßig. Denn selbst der Anstieg auf der Kemnater Straße hinauf zum Klinikum bereitete dem auf Elektroantrieb umgerüsteten Serienmodell von Mercedes-Benz keinerlei Schwierigkeiten. Auch Dr. Matthias Kerler, der technische Entwicklungsleiter der Firma E-Trofit aus Ingolstadt, blickte dem „Härtetest“ gelassen entgegen.

340 "elektrische PS": Der Bus schafft ein Gewicht von 19 Tonnen

Angesichts der Leistung des Antriebs von 250 Kilowatt, was rund 340 PS entspricht, könnte das Fahrzeug mit einem Gesamtgewicht von 19 Tonnen auch eine Steigung von 28 Prozent noch bewältigen.

Spannung – und zwar elektrische – gab es also vor allem im hinteren Teil des Busses unter dem Fahrgastraum. Dort wo einst ein Dieselmotor brummte, befinden sich in dem ursprünglich 2004 gefertigten Fahrzeug nun eine 1,6 Tonnen schwere Batterie und die entsprechenden technischen Anlagen – allerdings kein Motor. Denn angetrieben wird der E-Bus direkt an der Achse. Ein kleines Dieselaggregat ist aber dennoch verbaut. Denn gerade im Winter ist für die Heizung des Fahrgastraumes viel Wärme notwendig, und die werde sinnvollerweise mit Biodiesel erzeugt, anstatt die Batterie dadurch zu stark zu belasten, erläuterte Ingenieur Kerler.

Elekrtobus in Kaufbeuren: bis zu 270 Kilometer pro Akkuladung

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Ansonsten aber sind mit einer Akkuladung 250 bis 270 Kilometer Fahrstrecke im Stadtverkehr möglich – genug, um einen ganzen Arbeitstag lang Passagiere zu befördern. In Landshut, wo einer der ersten E-Busse des jungen Unternehmens in Dienst gestellt wurde, seinen die Erfahrungen durchweg positiv, berichten dessen Vertreter, während das Fahrzeug flott vom Gablonzer Ring in die Sudetenstraße einbog.

In den Leistungsmerkmalen unterscheide sich das Produkt von E-Trofit kaum von anderen E-Bussen, die auf dem Markt sind. Der Clou dieses Anbieters ist es aber, dass bereits verwendete Diesel-Fahrzeuge problemlos und relativ günstig auf Elektroantrieb umgerüstet werden können. Um die 300 000 Euro kostet dies, laut Kerler, für ein Standard-Modell von Mercedes-Benz. Ein neuer E-Bus koste rund das Doppelte.

Der E-Linienbus fährt fast lautlos und ohne nerviges Geruckel

Zur Spannung unter dem Fahrgastraum kam bei der Probefahrt dann die Entspannung im Bereich über Batterie und elektrischer Antriebsachse. Denn die vom Diesel-Motor gewohnten Geräusche und Vibrationen gibt es schlicht nicht. Nur ein lauter und leiser werdendes Surren ist im Fahrgastraum zu hören. Man fühlt sich an eine Fahrt mit der Straßen- oder U-Bahn erinnert. Dies gilt auch für das Beschleunigen und Verzögern: Kein Geruckel oder unangenehme Stöße und Schläge trüben den Mitfahrgenuss.

Technik aus Kaufbeuren im Fahrzeug verbaut

Dabei könnte der E-Bus durchaus auch anders. Denn, wie bei elektrobetriebenen Fahrzeugen üblich, wirken die Kräfte beim Anfahren und Beschleunigen ohne Verzögerung. Würden die 22 000 Newtonmeter Drehmoment des Antriebs ungeregelt auf die Straße kommen, „dann hätten die stehenden Fahrgäste alle Hände voll zu tun, um nicht durch den Bus zu fliegen“, berichtet E-Trofit-Entwicklungsleiter Kerler.

Dafür, dass dies nicht passiert, sorgt unter anderem auch Technik aus Kaufbeuren. Denn in dem E-Bus sind Steuerkomponenten von Sensortechnik Wiedemann (STW) verbaut. Auch Kirchweihtal-Fahrdienstleiter Jens Wömpner, der an diesem Vormittag den Bus steuerte, zeigte sich beeindruckt von dessen dynamischem Fahrverhalten: „Da muss man schon aufpassen, dass man das Gas nicht zu weit drückt“ – zumal, wenn an den Marienschulen auch noch ein städtische Radarfalle lauert.

Noch gibt es keinen Zeitplan für den Einsatz des E-Busses in Kaufbeuren

Am Ende zeigten sich OB Bosse, Kirchweihtal-Geschäftsführer Michael Bechtler und Dr. Josef Zeiselmair, Geschäftsführer der Regionalbus Augsburg (RBA), die federführend beim öffentlichen Personennahverkehr im südwestlichen Bayern ist, angetan von der vollelektrischen Probefahrt. Ob und wann der erste dieser Busse dann auch im Linienverkehr in Kaufbeuren eingesetzt werden könnte, hänge aber von vielen Faktoren, nicht zuletzt von der staatlichen Förderung, ab.

Passagiere können übrigens nicht zusteigen, wenn der weiß-orange Bus in den kommenden Tagen noch seine Runden durch die Wertachstadt zieht. Es ist nämlich keine passende Kasse eingebaut. Und Geld braucht die Verkehrsgesellschaft Kirchweihtal, trotz aller Förderung, wenn sie ihre Busse auf Elektrobetrieb umzurüsten will.

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