Kempten

Kempten: Stadtflitzer verzeichnet 80 Prozent weniger Buchungen

Wolfgang Lau ist einer der wenigen Stadtflitzer-Teilnehmer, die das Carsharing derzeit noch nutzen. Vor Fahrtantritt muss er erst mal das Lenkrad reinigen.

Wolfgang Lau ist einer der wenigen Stadtflitzer-Teilnehmer, die das Carsharing derzeit noch nutzen. Vor Fahrtantritt muss er erst mal das Lenkrad reinigen.

Bild: Frederik Mersi

Wolfgang Lau ist einer der wenigen Stadtflitzer-Teilnehmer, die das Carsharing derzeit noch nutzen. Vor Fahrtantritt muss er erst mal das Lenkrad reinigen.

Bild: Frederik Mersi

Das Carsharing-Unternehmen greift deshalb zu ungewöhnlichen Mitteln und bietet "virtuelle Autos" an.
Wolfgang Lau ist einer der wenigen Stadtflitzer-Teilnehmer, die das Carsharing derzeit noch nutzen. Vor Fahrtantritt muss er erst mal das Lenkrad reinigen.
Von Frederik Mersi
03.05.2020 | Stand: 13:43 Uhr

Bevor Wolfgang Lau zu Expresslieferungen aufbrechen kann, muss er erst einmal alles desinfizieren, was er beim Fahren im Auto anfasst. Eine laminierte Anleitung dazu liegt auf dem Beifahrersitz, Einmal-Handschuhe finden sich in der Türablage. Lau ist Projektleiter in der Kemptener Filiale eines Elektrogroßhandels – und einer der wenigen, die trotz Corona-Krise noch das Stadtflitzer-Carsharing nutzen. „Wir haben einen Einbruch von etwa 80 Prozent“, sagt Inhaber Peter Bantele.

Sechs Autos sind stillgelegt

Normalerweise zählt Stadtflitzer bis zu 250 Buchungen pro Monat, derzeit sind es etwa 50. Die einzige Mitarbeiterin ist in Kurzarbeit, sechs von 14 Autos der Flotte sind stillgelegt. „Wir wollen unsere Nutzer aber so weit wie möglich mobil halten“, sagt Bantele. Deshalb ist das Auto in Oberdorf weiter in Betrieb, obwohl es sich nicht rechnet.

Wolfgang Lau nutzt auch diesen Wagen, wenn er privat unterwegs ist. „Meine Familie fährt im Moment ganz bewusst mehrfach in der Woche damit“, sagt der 54-Jährige. Er hatte sich im vergangenen Jahr dafür eingesetzt, dass Banteles Firma in Oberdorf einen „Dorfflitzer“ bereitstellt. „Vor allem aus ökologischen Gründen“, sagt Lau. Für seinen Arbeitgeber in Kempten sei die Nutzung aber auch deutlich günstiger.

Doch wie es mit dem Stadtflitzer angesichts der Corona-Krise weitergeht, ist ungewiss. „Die Situation ist jetzt schon existenzgefährdend“, sagt Bantele. Derzeit sichere nur die Corona-Soforthilfe das Überleben der Firma: „So können wir mit Ach und Krach die nächsten drei Monate durchhalten.“

Virtuelle Buchungen statt Spenden

Um auch danach noch Carsharing in Kempten, Ottobeuren und Oberdorf anbieten zu können, greift Bantele zu ungewöhnlichen Mitteln: Den rund 120 Stadtflitzer-Teilnehmern will er virtuelle Autos anbieten. Die Nutzer können also Fahrten buchen, die sie gar nicht benötigen. Zwar könnte Banteles Firma nach dessen Aussage auch einfach so Spenden annehmen. Die virtuellen Autos könnten Unternehmen aber bei der Steuer absetzen. Auch Parkplatz-Patenschaften will Stadtflitzer anbieten. „Eine schöne Idee“, findet Wolfgang Lau. Er wolle aber weiterhin lieber reale Fahrten buchen.

Eine Maskenpflicht gibt es in der Corona-Krise für Stadtflitzer-Fahrer nicht. Stattdessen setzt Bantele, ausgebildeter Gebäudereiniger mit Zusatzqualifikation als Desinfektor, auf Reinigungstücher und Handschuhe. „Ich halte unsere Teilnehmer außerdem für verantwortungsbewusst“, sagt er.

Für die Zeit nach der Corona-Krise ist Bantele zuversichtlich. „Ich glaube, dass wir gestärkt daraus hervorgehen werden“, sagt der Stadtflitzer-Inhaber. „Denn wenn der Geldbeutel nicht mehr so voll ist, verzichten viele vielleicht auf den Luxus eines Zweitwagens und entdecken die Vorteile des Carsharings.“