Kempten/Oberallgäu

Mehrere Kunden teilen sich ein Tier: So funktioniert Crowdbutching

Roman Rudolph besucht mit seiner Tochter Sophie (sechs) den Ochsen, der als nächstes geschlachtet wird. Für Fleisch des „Stierigen“ gibt es viele Interessenten.

Roman Rudolph besucht mit seiner Tochter Sophie (sechs) den Ochsen, der als nächstes geschlachtet wird. Für Fleisch des „Stierigen“ gibt es viele Interessenten.

Bild: Frederick Mersi

Roman Rudolph besucht mit seiner Tochter Sophie (sechs) den Ochsen, der als nächstes geschlachtet wird. Für Fleisch des „Stierigen“ gibt es viele Interessenten.

Bild: Frederick Mersi

Roman Rudolph (Börwang) setzt aufs Crowdbutching. Dabei wird erst geschlachtet, wenn das ganze Tier verwertet werden kann. Wie das funktioniert.

Roman Rudolph besucht mit seiner Tochter Sophie (sechs) den Ochsen, der als nächstes geschlachtet wird. Für Fleisch des „Stierigen“ gibt es viele Interessenten.
Von Frederick Mersi
22.08.2020 | Stand: 19:00 Uhr

„Der Stierige“ ist beliebt: Gut ein Dutzend Menschen wollen den Ochsen mit Ohrmarke Nummer 8476 haben – oder zumindest Teile von ihm. 96 Prozent des Tieres hat Besitzer Roman Rudolph aus Börwang inzwischen verkauft. Finden sich auch für die restlichen Körperteile des Ochsen Kunden, schlägt seine letzte Stunde: Der Weg des „Stierigen“ führt dann von der Weide im Osten Kemptens ins Duracher Schlachthäusle.

Mischung aus Crowdfunding und Butcher

Nummer 8476 ist der zweite Ochse, den Rudolph nach dem sogenannten Crowdbutching-Prinzip vermarktet. Der Begriff setzt sich zusammen aus Crowdfunding und Butcher, dem englischen Wort für Schlachter. Beim Crowdfunding finanzieren viele Menschen gemeinsam ein Projekt.

Übers Internet können Kunden Fleischspezialitäten und verschiedene Teile des Tieres bestellen. Erst wenn sich für den gesamten Ochsen Käufer gefunden haben, wird das Tier geschlachtet. Bei 8476 könnte es noch Ende dieser Woche so weit sein, sagt Rudolph: „Nächste Woche stellen wir den Nächsten rein.“

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Gegenentwurf zur Industrie

Eigentlich ist Roman Rudolph gelernter Maschinenbauer. Doch nachdem sein Vater keinen Weg sah, wie der Hof der Familie künftig bewirtschaftet werden könnte, suchte der 36-Jährige nach einer Lösung. „Für den Nebenerwerb war die Fläche zu groß, für den Haupterwerb zu klein“, sagt Rudolph. Eine Mast mit einer übersichtlichen Menge an Kühen sollte es sein – und ein Gegenentwurf zur industriellen Rinderhaltung. Im Internet wurde Rudolph so aufs Crowdbutching aufmerksam.

Kunden in ganz Deutschland

„Da gab es zwar schon Anbieter, aber die waren alle weit weg“, sagt der Prozessingenieur, nach einem berufsbegleitenden Bildungsprogramm auch ausgebildeter Landwirt. „Deswegen haben wir das selbst ausprobiert.“ Innerhalb von vier Wochen war der erste Ochse verkauft, nach zwei Wochen Abhängen wurden die bestellten Pakete per Expresslieferung an Kunden in ganz Deutschland geschickt.

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Umstellung für die Kunden

Für Käufer, die Fleisch vorher beim Metzger oder im Supermarkt gekauft haben, bedeute das Prinzip eine Umstellung, sagt Rudolph. „Wir hatten zum Beispiel eine Anfrage von einem Interessenten, der nur Filets haben wollte – aber das geht natürlich nicht.“ Die Pakete werden immer mit verschiedenen Spezialitäten gefüllt, zum Beispiel Suppenfleisch, Tafelspitz oder Steaks. „Aber eine Rinderzunge ist nicht standardmäßig drin“, sagt Rudolph und lacht: „Es gibt ja nur eine pro Tier.“ Wann geschlachtet wird, hängt von der Nachfrage ab.

Regional und transparent

Nachhaltigkeit und Transparenz bei der Fleischproduktion haben ihren Preis: 134 Euro kostet bei Rudolph ein Fünf-Kilo-Paket. „Aber es ist regional erzeugt und die Kunden können alles nachverfolgen“, sagt Rudolph. „Und die Menschen, die im Duracher Schlachthäusle arbeiten, können von ihrem Einkommen eine Familie ernähren“, ergänzt seine Partnerin Annette Celik.

Früher schlachteten die Rudolphs selbst auf ihrem Hof. Mit dem Crowdbutching setzt Roman Rudolph nun auf die moderne Online-Variante. Sehr zur Freude seines Vaters. „Der kann eigentlich nicht ohne Viecher“, sagt Roman Rudolph. Und Tochter Sophie (6) lernt auf der Weide, wie aufwendig die Produktion von Fleisch ist.

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