Notlösung wird Glücksfall

Weihnachtskonzert in der Coronazeit: Die Magie der leisen Töne

St. Mang-Kirche: Weihnachtsoratorium

Ein Hörgenuss: Unter Leitung von Frank Müller führten vier Solisten und das Barockorchester „capella hilaria“ in der Kemptener St.-Mang-Kirche die Kantaten I und III des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach auf.

Bild: Martina Diemand

Ein Hörgenuss: Unter Leitung von Frank Müller führten vier Solisten und das Barockorchester „capella hilaria“ in der Kemptener St.-Mang-Kirche die Kantaten I und III des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach auf.

Bild: Martina Diemand

Wegen Corona erklingt Bachs Weihnachtsoratorium in der St.-Mang-Kirche in Kempten in schlanker Besetzung ohne Chor. Dennoch sind die Kantaten ein Hörgenuss.
07.12.2021 | Stand: 17:45 Uhr

Dass der göttliche Funke, das Christkind, nicht in eine geordnete, heile Welt hineingeboren, sondern ins Chaos, ist eine provozierende Aussage des Evangeliums. Es enthält viele Sätze, die unserer Alltags-Vernunft widersprechen, etwa „wenn einer dich auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin.“ Damals in Palästina war es die Volkszählung, heute bringt Corona die Welt durcheinander.

Umso dankbarer waren die Zuhörer in der Kemptener St.-Mang-Kirche, dass Kirchenmusikdirektor Frank Müller durchhielt mit der Aufführung von Bachs Weihnachtsoratorium, so wie es aktuell möglich ist: ohne Chor, dessen Part von den vier Gesangssolisten zusätzlich übernommen wurde. Dazu ein schlankes Orchester. Und so entfaltete sich in der Kirche unter Müllers kompetenter Leitung die Magie der leisen Töne. Intensität durch wachen Geist, Vitalität durch Qualität statt Quantität.

Christian Hilz legt weichen Schmelz in seine Stimmbänder

Mit Franziska Zwink (Sopran), Katharina Guglhör (Alt), Eric Price (Tenor) und Christian Hilz (Bass) standen Solisten zur Verfügung, von denen man bei einer „normalen“ Aufführung bedauert hätte, zu wenig zu hören. So aber wurden die Chorsätze zu wunderbaren Ensembles, die es ja ansonsten in diesem Werk nicht gibt. Wie Christian Hilz in seiner ersten Arie Gott als „starken König“ herausmeißelte, eine Zeile später beim „liebsten Heiland“ weichen Schmelz in seine Stimmbänder legte, solcher Kontrast war gleich zu Beginn ein Signal und sei stellvertretend genannt für Gestaltungswillen und -vermögen dieser vier Stimm-Persönlichkeiten.

Franziska Zwinks jugendlich-silbriger Sopran klingt bei Bedarf auch metallisch-scharf

Als weiteres Beispiel (viele könnten genannt werden) sei noch Franziska Zwink genannt, die ihrem jugendlich silbrigen Sopran bei Bedarf auch metallische Schärfe und Durchschlagskraft geben kann. Wie etwa, als der „Herrscher des Himmels“ mit Psalmen „erhöht“ wird.

Die drei Naturtrompeten des Barock-Orchesters "capella hilaria" sorgen für Glanzpunkte

Weiterer Glanzpunkt waren die drei Naturtrompeten des Barockorchesters „capella hilaria“. Sie waren genauso in allen Feinheiten zu hören wie die anderen Bläser: zwei Traversflöten und Oboen sowie Fagott, dazu die Truhenorgel und Streicher (drei erste und zwei zweite Violinen, Viola, Cello und Bass solistisch besetzt). Perfekt ausbalanciert mischten sich die Klangfarben, ein Fest für die Ohren mit einem Ensemble, in dem sich Kräfte aus der Region mit Weitgereisten mischen.

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Im anschließenden dritten Teil von Bachs Oratorium sangen und spielten sich die Ausführenden in einen immer mitreißenderen Flow hinein. Als zum Finale der „Herrscher des Himmels“ erneut und noch schwungvoller angerufen wurde, sich die Sängerinnen in ihren schönen Kleidern tänzerisch-elegant bewegten, konnte man von einem Gesamtkunstwerk für alle Sinne sprechen, das anschließend vom Publikum frenetisch gefeiert wurde.

Frank Müller, die Solisten und das Orchester machen aus der Not eine Tugend

Aus der Not eine Tugend gemacht zu haben, bleibt als dankbares Fazit dieses Konzerts. Mit dem Zusatz, dass dieses Lob einer chorfreien Aufführung natürlich nicht heißen soll, dass wir uns nicht freuen, den Chor der St.-Mang-Kirche möglichst bald wieder zu hören und zu genießen.

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