Marktoberdorf/Lensahn

„Man wird noch viel von mir hören“

Hertel

Hertel

Bild: Felix Schlikis

Hertel

Bild: Felix Schlikis

Ausdauersport Die Marktoberdorferin Mareile Hertel knackt den Weltrekord im Dreifach-Triathlon in Lensahn. Sie erzählt über die schwersten Momente auf der Strecke und warum sogar noch mehr drin gewesen wäre
Von Stefanie Gronostay
02.08.2019 | Stand: 15:36 Uhr

„Mareile, du bist echt verrückt. Aber sympatisch verrückt“: Die Kommentare auf Facebook überschlagen sich. „Was für eine Leistung“, „Unvorstellbar“. Die Rede ist von einem Rekord, der es in sich hat. Nämlich der Weltrekord im Ultra-Triathlon. Mareile Hertel hat in Lensahn mit einer Gesamtzeit von 37:18:17 Stunden die Frauen-Bestmarke geknackt. „Und es war noch mehr drin“, sagt die Extremsportlerin, die während des Rennens mit Wind und einer Magenverstimmung zu kämpfen hatte.

Die Zeichen standen gut, als Hertel zum 28. Ultra-Triathlon nach Schleswig-Holstein aufbrach. In Top-Form, gut vorbereitet und mit einer klaren Mission: Die 36-Jährige wollte den Weltrekord holen. „Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich es schaffen kann“, sagt sie. Bereits 2018 lief Hertel den Ultra-Triple und wurde Zweite. Ein logistischer Vorteil für die Extremsportlerin. „Dadurch kannte ich die Strecke in Lensahn und konnte alles im Detail planen“, sagt Hertel. Sie wusste von der Windanfälligkeit, den Höhenmetern – und den eventuell extreme Wetterbedingungen. Und doch gab es dieses Jahr eine überraschende Änderung. Vor dem Triathlon wurde die Strecke amtlich vermessen. „Es kam raus, dass die Strecken kürzer waren als gedacht“, sagt Hertel. Die Laufstrecke hatte statt der vorgeschriebenen 126,6 Kilometer „nur“ 124 Kilometer Länge. Die Folge: Alle Teilnehmer mussten zwei Runden mehr laufen.

Hertel ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „Ich bin ruhig an den Start gegangen“, sagt sie. Zuerst stand die Disziplin Schwimmen an. 11,4 Kilometer – 228 Bahnen. Eigentlich nicht Hertels Paradedisziplin und doch ging sie mit einer guten Zeit raus. „Ich wusste, dass ich nicht länger als drei Stunden und 24 Minuten brauchen darf“, sagt sie. Mit einer Zeit von 3:22 gelang ihr das. Doch es war jemand schneller als sie. Die Dänin Helle Sogaard kam 14 Minuten früher aus dem Wasser. Eine Sportlerin, die das Team Hertel nicht auf dem Schirm hatte. „Wir haben uns gefragt: Kann sie uns gefährlich werden?“.

Hertel zog ihren Plan konsequent durch. „Denn ich wusste, der Tag ist noch verdammt lang“, sagt sie. Auf der Radstrecke über 540 Kilometer fuhr Hertel gegenüber der starken Dänin einen Vorsprung von zwei Stunden heraus. „Aber da war noch nichts in trockenen Tüchern“, sagt Hertel. Denn sie wusste: Das Rennen entscheidet sich hinten raus. Wer zu schnell startet, hat keine Chance, sich zu regenerieren. Würde Sogaard beim Laufen einbrechen oder könnte sie Hertel den Rekord noch streitig machen?

Hertel selbst hatte auf dem Fahrrad mit starken Böen zu kämpfen. Die Beine waren schwer, als es vom Fahrrad auf die Laufstrecke ging. Dann der Schock: Bei Kilometer 80 fing der Magen an zu rebellieren. Übelkeit und Erbrechen plagten die Sportlerin. Wertvolle Zeit ging verloren. Bereits im vergangenen Jahr hatte Hertel mit Magenproblemen zu kämpfen, da sie bei der Hitze zu kalte Flüssigkeit zu sich genommen hatte. Das Konzept in diesem Jahr war anders. Es gab nur vorgewärmte Nahrung in Form von Tee und Wasser mit Sportgel. „Das hat funktioniert“, sagt Hertel. Doch beim Radfahren trank sie wegen der Hitze mehr als einkalkuliert und nahm zu viel Sportgel zu sich. „Das war zu viel Zucker für den Magen.“

Die Übelkeit wurde nicht besser. Schließlich bekam Hertel eine Spritze vom Rennarzt. Danach lief es sich entspannter. „Ich habe meine Zeit hochgerechnet und wusste, ich darf nicht weiter einbrechen“, sagt Hertel. Der Wille war da. „Ich wollte der Welt zeigen, was in mir steckt“, sagt sie. Als auf den letzten fünf Kilometern klar wurde, dass sie es schaffen würde, war das „ein wahnsinns Gefühl“. „Ich habe angefangen zu tanzen und mich vor den Zuschauern verneigt, die mich die ganze Zeit über angefeuert haben“, beschreibt Hertel den Moment.

Realisiert hat es Hertel bis heute noch nicht ganz, was sie da geleistet hat. Der Medienrummel ist seitdem groß. Alle wollen ein Stück Mareile haben. „Das ehrt mich sehr“, sagt die gebürtige Nürnbergerin. Doch noch mehr freut sie das Interesse an ihrer Sportart, die noch ein Nischendasein führt. „Es ist so ein schöner und ehrlicher Sport“, sagt Hertel. Auf der Laufstrecke bekommt man den wahren Menschen mit. „Man hat nämlich keine Kraft eine Fassade aufrecht zu erhalten.“ Das schweißt zusammen. Hertel hofft über die neugewonnene mediale Aufmerksamkeit, Sponsoren für zukünftige Projekte zu finden. Auch nach dem Weltrekord hat die Extremsportlerin noch Träume und Ziele. „Man wird in den nächsten zwei bis drei Jahren noch viel von mir hören“, verspricht sie.