Geschichte

Mit dem Leichenomnibus ging es ins Grab

Zwei historische Leichentransportmittel wurden kürzlich in Marktoberdorf ausgestellt: Hinten der Leichenomnibus aus Rettenbach und der Bertoldshofener Leichenwagen.

Zwei historische Leichentransportmittel wurden kürzlich in Marktoberdorf ausgestellt: Hinten der Leichenomnibus aus Rettenbach und der Bertoldshofener Leichenwagen.

Bild: Dirk Ambrosch

Zwei historische Leichentransportmittel wurden kürzlich in Marktoberdorf ausgestellt: Hinten der Leichenomnibus aus Rettenbach und der Bertoldshofener Leichenwagen.

Bild: Dirk Ambrosch

Wie Bestattung und Trauerfeier im alten Markt Oberdorf den gesellschaftlichen Status widerspiegelten. Und was es mit den Sparsärgen auf sich hatte.
Zwei historische Leichentransportmittel wurden kürzlich in Marktoberdorf ausgestellt: Hinten der Leichenomnibus aus Rettenbach und der Bertoldshofener Leichenwagen.
Von Andreas Berg
14.11.2020 | Stand: 06:15 Uhr

Auf der eigenen Hochzeit mit einem weißen Kleid in einer offenen Kutsche zur Kirche fahren – so romantisch stellen sich viele Menschen den schönsten Tag ihres Lebens vor. Doch wen würde die Aussicht erfreuen, nach dem Tod in einem schwarzen Sarg ebenfalls auf einer Kutsche zur Kirche gefahren zu werden?

Trauerfeiern und Bestattungen waren in alter Zeit gute Gelegenheiten, den eigenen gesellschaftlichen Status zu präsentieren. Gerade der Trauerzug zum Friedhof bot dafür viel Spielraum. Dabei ging es nicht allein darum, den Toten zu ehren und seinen Wohlstand und seine Bedeutung hervorzuheben, sondern dasselbe über seine Hinterbliebenen auszusagen.

Entsprechend lang musste der Trauerzug sein, mussten möglichst viele Pferde den Leichenwagen ziehen und die allgegenwärtigen schwarzen Stoffe kostbar gearbeitet sein. Wie bei Grabmälern gingen auch die Trauerzüge gerne mal ins Monumentale. Davor waren auch kleine Landgemeinden wie der Markt Oberdorf nicht gefeit.

Ein alter Kupferstich von der Beerdigung des Augsburger Fürstbischofs Clemens Wenzeslaus von Sachsen bezeugt, dass mehrere hundert Menschen seinen Leichnam vom Marktplatz zur Martinskirche hinauf begleiteten. Königliche Soldaten, hochrangige Geistliche, die Blüte der Bürgerschaft gaben ihm das letzte Geleit, das sich weit durch die Marktstraßen schlängelte. Seinem ursprünglichen Wunsch, ein bescheidenes Grab an der Ostwand der Martinskirche zu erhalten, wurde hingegen entsprochen.

Stau durch Trauerzüge

Derlei lange Trauerzüge, auch Kondukte genannt, mochten einmalig in einer kleinen Marktgemeinde noch angehen. In einer Residenzstadt wie Wien, in der es viele Adlige mit Repräsentationsbedürfnis gab, blockierten die Kondukte ständig die Verkehrswege und Plätze. Kaiser Joseph II. waren sie ein Dorn im Auge. Daraufhin erließ er 1785 eine Verordnung, die solche Kondukte verbot, und wiederverwendbare Särge zur Pflicht machte. Diese „Josephinische Gemeindesärge“ waren im Besitz der jeweiligen Kirchengemeinde und wurden im Volksmund „Sparsärge“ genannt. Die Wiederverwendbarkeit wurde durch ein ausgeklügeltes Klappensystem ermöglicht: Stand der Sarg über dem offenen Grab, öffnete ein Hebel die Klappe auf der Unterseite des Sarges und die in Leinen gehüllte Leiche plumpste in die Grube. Die Kritik an dieser und anderen Verordnungen war derart scharf, dass der Kaiser sie bald wieder zurücknahm.

Wenn der Bestatter zu spät kam

Eine verwandte Art des wiederverwendbaren Sarges blieb in Marktoberdorf erhalten. Bis vor Kurzem konnten sich Besucher der Sonderausstellung „Von Haarbildern und Scheintodklingeln“ davon überzeugen. Die Ausstellung ist jetzt coronabedingt geschlossen. Beim Marktoberdorfer Exponat ist jedoch keine Klappe vorhanden, sodass der Leichnam noch persönlich herausgehoben und ins Grab gelegt werden musste. Der Sinn dieses „Leichenomnibusses“ ist klar: Die Einhaltung der Sargpflicht war gesichert und die Leihgebühr sehr niedrig. Einen eigenen Sarg konnte sich nicht jeder leisten, denn auch der Transport zum Friedhof musste bezahlt werden. Dieser erfolgte in Marktoberdorf bis in die 1950er Jahre hinein durch eine Leichenkutsche. Diese Transportaufgabe nahm ein Landwirt war, was mit der Zeit zu Problemen führte: Der Bauer musste erst auf dem Feld verständigt werden. Anschließend musste er nach Hause, die Kutsche fertig machen und konnte dann erst die Leichen holen. Beschwerden darüber wurden von einem Bestatter gesammelt und der Stadt zugeschickt, die diesem schließlich 1959 erlaubte, sämtliche Leichentransporte mit einem Automobil durchzuführen. Was danach mit der Oberdorfer Leichenkutsche geschah, ist leider nicht bekannt.