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Wie die Schießstattstraße zu ihrem Namen kam

An der Schießstattstraße – heute von Wohnhäusern gesäumt – befand sich früher einmal wirklich eine Schießstätte. Und eine weitere Straße ist den Marktoberdorfer Schützen gewidmet.

An der Schießstattstraße – heute von Wohnhäusern gesäumt – befand sich früher einmal wirklich eine Schießstätte. Und eine weitere Straße ist den Marktoberdorfer Schützen gewidmet.

Bild: Heinz Budjarek

An der Schießstattstraße – heute von Wohnhäusern gesäumt – befand sich früher einmal wirklich eine Schießstätte. Und eine weitere Straße ist den Marktoberdorfer Schützen gewidmet.

Bild: Heinz Budjarek

Bis ins 20. Jahrhundert hinein war die jetzige Straße ein kurzer Feldweg. Warum sie den Marktoberdorfer Schützen gewidmet ist.

10.09.2020 | Stand: 12:10 Uhr

 

 

Bis ins 20. Jahrhundert hinein war sie ein kurzer Feldweg am südlichen Ortsrand von Oberdorf und hieß im Volksmund die Thalgasse. Inzwischen ist dieser unbedeutende Randweg zu unserer respektablen Schützenstraße angewachsen und gehört schon fast zum Stadtkern, weil der Stadtrand allmählich nach Süden rutschte. Dass gerade diese Straße den Marktoberdorfer Schützen gewidmet ist, kommt nicht von ungefähr. Hier auf der Jallwiese, am Ende der Thalgasse, hatten sie 1826 ihr neues Schützenheim mit Schießstatt gebaut. Das alte im Riedle war wie so viele Gebäude 1824 abgebrannt. So mag damals die Thalgasse – wie später die Schützenstraße – manch feierlichen Schützenzug gesehen haben oder auch nur die Mitglieder der Schützengesellschaft mit umgehängtem Feuerstutzen auf dem Weg zu ihren Übungsabenden. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam auch das Ende dieser Schießstatt, der zweiten in der Vereinsgeschichte. Vermutlich reagierten die Amerikaner allergisch auf deutsche Schießfreude und wollten sie selbst in ihrer sportlichen Form mit Stumpf und Stiel ausrotten. Sie sprengten die Anlage und auf den Trümmern entstand die Schießstattstraße, eine Wohnstraße mit durchaus friedlichem Charakter. Die heimatlosen Schützen aber formierten sich 1950 neu in ihrer Feuerstutzen-Schützen-Gesellschaft und bauten mit Hilfe der Stadtverwaltung 1955 auf dem Schlossberg eine neue – die dritte Schießstatt – bis heute Stätte des Schießsports und der Schützen-Geselligkeit.

Bevor noch der Begriff Sport Eingang in unser Leben fand, übten sich unsere Vorfahren – naturgemäß nur die männlichen – in der Zielsicherheit. Die Tradition des Schützenvereins, verwurzelt in Verteidigungsbereitschaft und Jagdgelüsten, reicht zurück bis ins 16. Jahrhundert. Bevor sich Handwerker zu Zünften zusammenschlossen und lange bevor das 19. Jahrhundert einen Boom von Vereinsgründungen musischer wie sportlicher Art erlebte, gründeten Oberdorfer Bürger ihre Schützengesellschaft. Die erste regelrechte Schützenordnung ist aus dem Jahre 1560 auf uns überkommen. 400 Jahre Vereinstradition – wer könnte sich derer sonst noch rühmen.

Nun wurde bei den Schützen beileibe nicht nur geschossen, sondern kräftig auch die Geselligkeit gepflegt und – wenn man den Chronisten glauben darf – der Wert bürgerlicher Tugenden wie Ordnung, Anstand, Ritterlichkeit und Ehrlichkeit. Außerdem sollen die Schützen frühzeitig auf sozialen Ausgleich bedacht gewesen sein. Jedermann konnte Mitglied der Gesellschaft werden, vom adligen Pflegamtsverwalter bis hinunter zum einfachen Handwerker und Bauern, sofern er seine Einlage bezahlte. Bei soviel Tugend und Gemeinsinn ist zu vermuten, dass keines der Mitglieder trotz geübter Treffsicherheit jemals zu den Schützen gehörte, die in den hochstiftischen Jagdgründen herzhaft wilderten.

Zu den Höhepunkten des Schützenlebens mag zu kurfürstlichen Zeiten jeweils ein Freischießen gehört haben, an dem Clemens Wenzeslaus mit seinem Hofstaat teilnahm und das zu jener Zeit noch in der Schießstatt an der Hohenwart-straße ausgetragen wurde. Ein Bericht vom Freischießen des Jahres 1793 beschreibt ein wahres Volksfest: „Die Schießstatt war waldordnungsmäßig geziert: bei jedem guten Schuss ließ sich eine Waldhornmusik hören. Für die Armen wurden 100 Gulden bereitgestellt und an 100 bedürftige Pflegsangehörige je ein Gulden verteilt“.

Doch kehren wir von der Hohenwartstraße noch einmal in die Schießstattstraße zurück. Sie kann sich neben der Schießstatt noch einer anderen kulturellen Besonderheit rühmen. Für ein paar Jahrzehnte stand neben der Schießstatt hier auf der Wiese Oberdorfs Badeanstalt, ein hölzerner Bau zum Zwecke nicht des Schwimmsports, sondern der Reinlichkeit. Hier wurden zwei Bächlein aufgestaut zum Wohle der Bürger und ein Bad im naturreinen Wasser kostete ganze zehn Pfennige, die Betreuung durch die Bademeisterin eingeschlossen.

Als 1945 die Schießstatt gesprengt wurde, flog die Badeanstalt gleich mit in die Luft – oder wurde ihr Bauholz ein Opfer des Mangels an Heizmaterial? Jedenfalls blieben die Oberdorfer eine Weile auf die eigene Badewanne angewiesen – falls sie damals schon eine hatten. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir heute ein Bad in jede Wohnung bauen, ist nämlich noch gar nicht so alt.