Serieneinbrecher

36-Jähriger soll in 40 Häuser, Kindergärten und Büros eingebrochen sein

Auch in den Memminger Fröbel-Kindergarten brach der Täter ein.

Auch in den Memminger Fröbel-Kindergarten brach der Täter ein.

Bild: Kurt Kraus

Auch in den Memminger Fröbel-Kindergarten brach der Täter ein.

Bild: Kurt Kraus

Der Einbrecher war unter anderem in Memmingen, Buxheim und Memmingerberg aktiv. Mit der Beute finanzierte er seine Heroinsucht.
Auch in den Memminger Fröbel-Kindergarten brach der Täter ein.
Von Kurt Kraus
04.08.2020 | Stand: 10:01 Uhr

Knapp fünf Monate lang beunruhigte er die Menschen in Memmingen, Buxheim und Memmingerberg, ehe er Mitte Januar von der Polizei festgenommen wurde. Jetzt wird einem Serieneinbrecher der Prozess gemacht. Die Erste Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richter Christian Liebhart bemüht sich um ein gerechtes Urteil für den einschlägig vorbestraften 36-Jährigen.Rund eine halbe Stunde lang benötigt Staatsanwältin Patricia Fink für die Verlesung der Anklageschrift. Die Serie beginnt mit einem Einbruch in einen Kindergarten in Memmingen Ende August 2019. Es folgen weitere schwere Diebstähle aus Kindertagesstätten, Geschäfts- und Büroräumen, schließlich auch aus Wohnungen und Einfamilienhäusern. Fast 40 Einzeltaten hält Fink dem Angeklagten vor.

Einbrecher erbeutet etwa 56.000 Euro

Der Diebstahlsschaden summiert sich laut Anklageschrift auf über 56 .000 Euro. Der beim Aufbrechen von Türen, Fenstern, Schränken oder Schubladen angerichtete Sachschaden beläuft sich auf mehr als 36 .000 Euro. Rechtsanwalt Peter Schreiner gibt für seinen Mandanten eine Erklärung ab: „Die Tatvorwürfe werden vollumfänglich eingeräumt. Das Motiv meines Mandanten? Seine Heroinsucht.“ Schreiner betont, dass der Angeklagte mehr Taten gestanden habe, als der Polizei bis dahin bekannt gewesen seien. Richter Liebhart will es genau wissen, geht mit dem Angeklagten jeden einzelnen Fall noch einmal durch. Dabei kann sich der 36-Jährige nicht wirklich an jeden Tatort erinnern: „Ich bin erst 2018 nach Memmingen gezogen. So gut kenne ich mich hier nicht aus.“

Der Angeklagte ist mit sechs Geschwistern im Raum Köln aufgewachsen. Vom Vater oft verprügelt, kommen die Kinder ins Heim, wo sie nach und nach getrennt werden. Er lebt eine Zeit lang bei einer Pflegefamilie in Schweden, kommt im Alter von 12 Jahren zurück ins Rheinland, weil er Sehnsucht nach der Mutter verspürt. Er gerät an „falsche Freunde“ und auf die „schiefe Bahn“, schildert er dem Gericht. Im Alter von 14 Jahren begeht er seinen ersten Einbruch. Das Bundeszentralregister weist inzwischen zwölf Einträge auf, ganz überwiegend Diebstahlsdelikte, aber auch einen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Seit seinem 18. Lebensjahr konsumiert er regelmäßig Heroin. Immer wieder muss der Angeklagte ins Gefängnis. Als er Ende 2018 aus der Haft entlassen wird, zieht er zu seiner Freundin nach Memmingen.

Mit den Einbrüchen finanziert er seine Drogensucht

Er hält sich eine Weile von Drogen fern, Mitte 2019 aber erleidet er nach einem Streit mit der Freundin einen Rückfall. Um seine Sucht zu finanzieren, sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als „Geld zu machen“, wie er es nennt. „Sie glauben ja nicht“, erzählt er dem Vorsitzenden Richter, „wie teuer das Heroin in Bayern ist. In Köln zahlt man etwa 30 Euro pro Gramm, hier werden 100 Euro verlangt.“

Also beginnt er, seine Kasse mit Einbruchdiebstählen aufzubessern. Zu Beginn der Serie ist der Sachschaden, den er anrichtet, meist höher als die Beute. Im Finanzamt Memmingen findet er lediglich eine Schachtel Pralinen vor. Also dringt er fortan auch in Häuser und Wohnungen ein. Jetzt findet er Bargeld und Schmuck, den er schnellstmöglich versetzt und zu Geld macht. Eine Geschädigte hat dem Gericht eine Schadensaufstellung über 26 000 Euro nachgereicht. Dreimal wird er bei seinen Diebstählen überrascht.

Zu einer Reinigungskraft sagt er: "Ich bin ein Einbrecher!"

Zweimal bleibt das für die Betroffenen und für ihn folgenlos. Was aber eine Begegnung mit einem Einbrecher mit einem Menschen machen kann, wird bei der Vernehmung einer Reinigungskraft deutlich, die in einer Kindertagsstätte auf ihn getroffen ist. Die Zeugin zittert am ganzen Körper, ist kaum in der Lage, dem Gericht zu schildern, was passiert ist. Sie habe beim Putzen plötzlich Geräusche gehört, habe „Hallo“ gerufen. Dann sei ihr der Mann gegenüber gestanden. Auf ihre Frage, wer er sei und was er wolle, habe er geantwortet: „Ich bin ein Einbrecher!“

Daraufhin lief die Frau davon, erinnerte sich dann aber an ihre Handtasche. Die warf ihr der Täter hinterher, entnahm aber vorher das Bargeld und drohte ihr: „Ich habe deinen Ausweis gesehen. Ich weiß wo du wohnst. Wenn du zur Polizei gehst, komme ich!“ Jetzt, vor Gericht, zeigt sich der 31-Jährige reumütig. Scheinbar aufrichtig entschuldigt er sich bei der Frau: „Ich wollte ihnen nie etwas Böses! Es tut mir wirklich leid!“ Die Zeugin nimmt ihn gar nicht wahr, ist fix und fertig und muss aus dem Sitzungssaal geleitet werden. Der Prozess wird fortgesetzt.