Frauen in den Stadtbach?

Das Urteil hier zum Download: Legt der Fischertagsverein Beschwerde beim Landgericht ein?

Laut dem Urteil des Amtsgerichts Memmingen dürfen nun nicht nur Männer und Buben in den Stadtbach zum Ausfischen, sondern auch Frauen und Mädchen.

Laut dem Urteil des Amtsgerichts Memmingen dürfen nun nicht nur Männer und Buben in den Stadtbach zum Ausfischen, sondern auch Frauen und Mädchen.

Bild: Peter Hausner (Archiv)

Laut dem Urteil des Amtsgerichts Memmingen dürfen nun nicht nur Männer und Buben in den Stadtbach zum Ausfischen, sondern auch Frauen und Mädchen.

Bild: Peter Hausner (Archiv)

Nach der Niederlage vorm Amtsgericht Memmingen beraten Vereinsdelegierte in dieser Woche, ob sie gegen das Urteil vorgehen. Einige Fragen sind noch offen.
22.09.2020 | Stand: 10:04 Uhr

„Auch Frauen dürfen beim Fischertag den Stadtbach ausfischen“ – dieses Urteil verkündete Amtsrichterin Katharina Erdt am 31. August vorm Amtsgericht Memmingen. Hier finden Sie das Urteil in voller Länge zum Download.

Sie gab damit Christiane Renz recht. Diese ist seit über 30 Jahren Mitglied im Fischertagsverein – und hatte die Klage eingereicht, weil sie sich diskriminiert fühlte. Jetzt muss der Verein entscheiden, ob er gegen das Urteil juristisch vorgeht. Das soll in dieser Woche passieren.

Bis Ende September kann der Fischertagsverein Widerspruch gegen das Urteil einlegen

Bis Ende September hat der Fischertagsverein Zeit, Widerspruch einzulegen. Bei der Entscheidungsfindung will der Vorstand um Michael Ruppert die Meinung der Mitglieder einholen.

Eine Befragung aller rund 4.500 Mitglieder wird es jedoch nicht geben, erklärte er auf Nachfrage, jedoch „Informationsveranstaltungen der Delegierten des Fischertagsvereins“. Eine offizielle Delegiertenversammlung gemäß Vereinsrecht könne es wegen Corona nicht geben.

Aufgrund der Beschränkungen durch die Pandemie werden die Info-Termine gesplittet und an drei Abenden in der 39. Kalenderwoche in der Buxheimer Schwabenhalle stattfinden. Schließlich gehe es um „eine wichtige Angelegenheit für unseren Verein“, schreibt Ruppert in der Einladung zu der nicht-öffentlichen Veranstaltung.

Auch Klägerin Christiane Renz ist zur Informationsveranstaltung des Fischertagsvereins eingeladen

Als Delegierte eingeladen ist auch Klägerin Christiane Renz. „Sie hat ein normales Rederecht“, erklärt Michael Ruppert auf die Frage, ob sie dort Stellung beziehen darf. Während der Versammlungen will der Vorstand das Urteil und die Begründung vorstellen.

Klägerin Christiane Renz (links) mit Scherpe
Klägerin Christiane Renz (links) mit Scherpe "Fischerkönigin" und ihrer Anwältin Susann Bräcklein vorm Amtsgericht.
Bild: Thomas Schwarz

Die Frage, ob alle Delegierten das insgesamt 17-seitige Urteil vorab zur Vorbereitung bekämen, verneinte Ruppert. Keine Aussage machte er auch, ob die Rechtsanwälte des Fischertagsvereins eine Stellungnahme beziehungsweise Empfehlung zum weiteren Vorgehen abgegeben hätten. Offen ließ er außerdem, ob es nach Urteilsvorstellung und Diskussion eine geheime oder offene Abstimmung geben wird und ob das Ergebnis für den Vorstand bindend ist. (Lesen Sie dazu auch: Urteil zu Frauen beim Memminger Fischertag: Das sind die Reaktionen)

Vorsitzender Ruppert: "Die Kosten sollten nicht ausschlaggebend sein, ob wir das Urteil akzeptieren oder ablehnen"

Bisher hat das juristische Verfahren den Fischertagsverein nach eigenen Angaben eine niedrige fünfstellige Summe gekostet – plus nun die Gerichtskosten, von denen der Verein laut Urteil 80 Prozent tragen muss. Bei einem Einspruch vor dem Landgericht kämen weitere Anwalts- und Gerichtskosten hinzu.

Zur Höhe gebe es zwar „Indikationen“, so Vorsitzender Ruppert. Zu einer konkreten Summe oder Kostenkalkulation wolle er jedoch nichts sagen. „Die Kosten sollten nicht ausschlaggebend sein, ob wir das Urteil akzeptieren oder es ablehnen.“ Nach-Informationen befragen derzeit bereits einige Fischertagsgruppen ihre Mitglieder, ob der Verein gegen das Urteil vorgehen soll.

Da die Presse zu den Versammlungen nicht eingeladen ist, weil es sich um eine rein vereinsinterne Angelegenheit handele, will der Vorstand die Entscheidung des Vereins bis Ende September öffentlich bekannt machen.

Fischertagsverein sei an Grundsatz der Gleichberechtigung gebunden

Sollte der Fischertagsverein bis Ende des Monats Widerspruch gegen das Urteil einlegen, hat er einen weiteren Monat Zeit, diesen Einspruch zu begründen. Das Landgericht Memmingen prüft dann als nächst höhere Instanz die Zulässigkeit und die Erfolgsaussichten dieses Rechtsmittels. Wenn der Einspruch zugelassen wird, kommt es vermutlich im Laufe des nächsten halben Jahres zu einer Verhandlung.

Das Amtsgericht hatte in seinem Urteil klar gestellt, dass der gemeinnützige Fischertagsverein in Memmingen eine besondere soziale Machtstellung innehabe und an den Grundsatz der Gleichberechtigung im Grundgesetz gebunden sei. Eine männliche Tradition sei kein zulässiger Grund für Diskriminierung. Der Vereinsvorstand hatte den Ausschluss von Frauen vom Höhepunkt des Volksfests mit Zehntausenden Besuchern mit der Wahrung eines jahrhundertealten Brauchtums begründet.

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Fischertag in Memmingen 2019