Landestheater Schwaben

Gottesdienst in Memmingen verbindet Theater und Kirche

Die Theater sind im Lockdown – ein Theatergottesdienst fand jetzt trotzdem in St. Josef statt. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Bedeutung Glaube, Theater und Kunst in dieser außergewöhnlichen Zeit und für unsere Gesellschaft allgemein haben. Im Bild spricht LTS-Intendantin Kathrin Mädler über ihr Verständnis von Theater; im Hintergrund stehen die Schauspieler Regina Vogel (links) und Tobias Loth.

Die Theater sind im Lockdown – ein Theatergottesdienst fand jetzt trotzdem in St. Josef statt. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Bedeutung Glaube, Theater und Kunst in dieser außergewöhnlichen Zeit und für unsere Gesellschaft allgemein haben. Im Bild spricht LTS-Intendantin Kathrin Mädler über ihr Verständnis von Theater; im Hintergrund stehen die Schauspieler Regina Vogel (links) und Tobias Loth.

Bild: Harald Holstein

Die Theater sind im Lockdown – ein Theatergottesdienst fand jetzt trotzdem in St. Josef statt. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Bedeutung Glaube, Theater und Kunst in dieser außergewöhnlichen Zeit und für unsere Gesellschaft allgemein haben. Im Bild spricht LTS-Intendantin Kathrin Mädler über ihr Verständnis von Theater; im Hintergrund stehen die Schauspieler Regina Vogel (links) und Tobias Loth.

Bild: Harald Holstein

Schauspieler, LTS-Intendantin Kathrin Mädler und Dekan Ludwig Waldmüller thematisieren in Theatergottesdienst, welche Bedeutung Glaube, Theater und Kunst haben.
17.12.2020 | Stand: 12:50 Uhr

Schon den zweiten Monat in Folge – und im bereits zweiten Kultur-Lockdown – hebt sich im Landestheater Schwaben (LTS) kein Vorhang mehr. Unter diesen Umständen bekam die Veranstaltung „Theater und Kirche“, die jetzt trotz der allgemeinen Beschränkungen in der katholischen Kirche St. Josef in Memmingen stattfinden konnte, eine besondere Bedeutung. Die Reihe wird seit Herbst 2019 gemeinsam von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Martin, der katholischen Pfarreiengemeinschaft Memmingen und dem LTS gestaltet. An diesem Abend wollten 60 Menschen in dem besonderen Gottesdienst mehr darüber erfahren, welche Bedeutung Glaube, Theater und Kunst für unsere Gesellschaft haben.

Auch Decamerone von Boccaccio befasst sich mit Pandemie

War bisher das Thema der Theatergottesdienste stets auf ein Schauspiel aus dem laufenden Spielplan bezogen, warfen die Beteiligten nun einen Blick auf die außergewöhnliche Zeit der Pandemie. Was liegt da näher als auf ein literarisches Werk zu schauen, das sich auch mit einer Epidemie befasst? Das Decamerone von Giovanni Boccaccio berichtet über sieben Frauen und drei Männer, die sich 1348 vor der großen Pest in Florenz aufs sichere Land zurückziehen. Schauspieler Klaus Philipp las aus der Einleitung, worin die kleine Gruppe beschließt, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, um mit einer bedrohlichen Situation fertig zu werden: Eine Gemeinschaft rückt durch Geschichten – wie sie ja auch das Theater erzählt – zusammen.

In einem von den Schauspielern Regina Vogel und Tobias Loth dialogisch vorgetragenen Interview stellt der Philosoph Robert Harrison fest, dass wir voneinander abhängen und nur in einer gemeinsam geteilten Welt existieren können. Er weist darauf hin, dass die lebenspraktische Bedeutung des Decamerone unterschätzt werde. „Wer erzählt, der ordnet, und er teilt mit, das heißt: Er teilt mit anderen. Kurzum, die zehn jungen Leute nehmen das Schicksal in ihre Hände, indem sie die Kunst des Geschichtenerzählens praktizieren – und sich dadurch dem Chaos entgegenstellen, in das sich die Welt verwandelt“, sagt der Kulturphilosoph.

Regina Vogel und Tobias Loth berichteten auch davon, was der Lockdown und die fehlende Möglichkeit, ihren Beruf auszuüben, mit ihnen macht. Vogel bedauerte, dass ihre Berufswahl in der Gesellschaft oft als reiner Luxus angesehen werde. Sie kam zu der bitteren Erkenntnis, dass Kunst und Kultur keine festen Werte seien, sondern nur so lange wichtig, wie die Gesellschaft sie für wichtig erachte.

Auch Intendantin Kathrin Mädler ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, ein paar Worte zur Bedeutung des Theaters zu sagen. Für sie ist die Bühne ein „Medium, das Empathie nährt, ein offener Ort, der Einsamkeit und Angst überwindet und Menschen direkt zusammenführt.“ Theater biete der Gesellschaft Räume, Utopien und Sinnangebote, die aus Krisen herausführen können. Theater und Kunst seien im besten Sinne eben nicht systemrelevant, indem sie kein „Rädchen im Getriebe“ sind, sondern „ein kleines Licht am Ende des Tunnels, eine Unbequemlichkeit, eine Frage ohne Antwort, ein Freizeitvergnügen mit tieferem Sinn“, sagte Mädler.

Lesung aus dem 1. Brief an die Korinther

Dekan Ludwig Waldmüller griff nach der Lesung des Ersten Briefes an die Korinther das bekannte Bild vom Körper und seinen Gliedern auf und bekräftigte damit, dass ein Teil ohne den anderen nicht funktionieren kann.

Die Reihe Theater und Kirche lieferte an diesem dritten Advent ein profundes und bewegendes Bild vom Sinn des Theaters und brachte ganz persönliche Gedanken der Schauspieler zu Gehör. Sie gestalteten auch den musikalischen Rahmen mit. Klaus Philipp sang „You’ve Got a Friend“ von Carole King und Regina Vogel „Let it be“ von den Beatles von der Empore herab. Ebenso stimmungsvoll begleiteten Bettina Klinglmayer an der Oboe und Chordirektor Maximilian Pöllner an der Orgel den Gottesdienst und wurden von den Besuchern mit viel Applaus bedacht.