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Historische Bildsäule ist „eine Augenweide am Wegesrand“

KB Pestsäule

Bei der Einweihungsfeier der grundlegend renovierten Pestsäule nahe Oberbinnwang (von links) Bürgermeister Hermann Gromer, Kirchenmaler Martin Hoyer und der Initiator der Renovierung, Altbauer Gottfried Schlichting. Auf einem ausgedienten Schleifbock vor der Säule steht die Geschichte der Säule.

Bild: Franz Kustermann

Bei der Einweihungsfeier der grundlegend renovierten Pestsäule nahe Oberbinnwang (von links) Bürgermeister Hermann Gromer, Kirchenmaler Martin Hoyer und der Initiator der Renovierung, Altbauer Gottfried Schlichting. Auf einem ausgedienten Schleifbock vor der Säule steht die Geschichte der Säule.

Bild: Franz Kustermann

Die sogenannte Pestsäule in Oberbinnwang erstrahlt in neuem Glanz. Angestoßen hat die Restaurierung Altbauer Gottfried Schlichting. Was er dazu beigetragen hat.
25.09.2021 | Stand: 12:00 Uhr

Nach der erfolgten Renovierung der Oberbinnwanger Bildsäule fand zu deren Füßen eine feierliche Einweihungsfeier statt. Mit dabei waren die Musikkapelle Illerbeuren-Kronburg und alle an dem Gemeinschaftsprojekt Beteiligten. Die Gemeinde Kronburg und der Heimatdienst Illertal teilten sich die Kosten. Spenden gab es von einigen Privatpersonen. Chronist Josef Stuiber vertrat den Heimatdienst Illertal. Kreisheimatpflegerin Monika Zeller stellte einen Zuschuss von der Unterallgäuer Kreisheimatpflege in Aussicht. Roland Schneider (Haslach) kümmerte sich um die filigranen Metallarbeiten und die schmucken Verblechungen der Bildsäule. Mittendrin war natürlich Altbauer Gottfried Schlichting, der mit viel Herzblut die gesamte Renovierung organisiert hat.

Gottfried Schlichting stellte das Gehäuse eines gusseisernen Schleifbocks aus dem Jahr 1917 zur Verfügung. Es bildet nun – edel saniert – die Halterung für eine neu geschaffene Edelstahl-Geschichtstafel mit den wichtigsten Infos zu der Bildsäule. Einst wurden in dem schweren Gehäuse mit einem von Wasser beträufelten Sandstein die Messer von Mähmaschinen und Küchengeräten geschliffen. In einer Zeit, als es noch keinen Strom gab, übertrugen Riemenscheiben die Antriebskraft von Pferden, die einen Göppel drehten. Nun ist der alte Schleifbock zu neuen Ehren gekommen.

Bank und Tisch für Radler und Fußgänger

Bürgermeister Gromer versprach, dass an der „Augenweide am Wegesrand“ nun auch eine Bank mit Tisch zum Verweilen für Fußgänger und Radfahrer aufgestellt wird. Laut dem Gemeindechef wurde die Pestsäule von der Heimatpflege als „besonders geschichtsträchtig und förderwürdig“ eingestuft. Kirchenmaler Martin Hoyer aus Buxheim hatte die vier Bilder abmontiert, sie nach den alten Vorgaben höchst fachkundig restauriert und sie dann wieder in die vier Giebelseiten der zuvor sorgsam gereinigten und frisch bemalten Bildsäule eingesetzt.

Josef Stuiber blickte auf die jüngere Geschichte der Bildsäule zurück und betonte: „Denkmalpflege in dieser Form ist sinnvoll und wichtig!“ So freue man sich immer, wenn ein Kleinod vor dem Verfall gerettet wird. Für viele ältere Binnwanger hingen immer noch viele alte Erinnerungen ihrer Jugend an dem Kunstwerk.

Wie auf der Infotafel an der Bildsäule – die von den Einheimischen auch „Pestsäule“ genannt wird – zu lesen ist, wurde der Kronburger Ortsteil Oberbinnwang schon sehr früh urkundlich erwähnt. Die Säule wurde nördlich des kleinen Weilers erbaut und zuletzt vor 20 Jahren renoviert. Das hoch aufragende Kunstwerk war seitdem Ausgangspunkt von unzähligen Bittgängen und Trauerzügen. Letzte „Vorbeter“ bei diesen Anlässen waren August Höß und sein Schwiegersohn Anton Heckelsmüller. Sie waren beide große Verehrer dieser Bildsäule und beherrschten den „schmerzhaften“, den „glorreichen“ sowie den „freudenreichen“ Rosenkranz gleichermaßen in vorbildlicher Weise.

Vor Säule stets den Hut abgenommen

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Nachruf

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Johann Gögler, der unweit der Bildsäule geboren wurde, war wahrscheinlich der letzte, der vor der Säule stets ehrfürchtig seinen Hut abnahm und an seine Brust klopfte. Hier beteten früher die Soldaten vor ihrem Fronteinsatz um gesunde Heimkehr und verabschiedeten sich von ihrem Heimatort. Wenn sie wieder zurückkehrten, bedankten sie sich hier für über den überstandenen Kriegskampf.

Besonders nahmen sich die Gebrüder Mendler immer wieder um die Bildsäule an: Ludwig Mendler renovierte sie das letzte Mal 1989, kurz vor seinem Tod; sein Bruder Johann kam oftmals bis aus Landsberg angereist und sanierte das Denkmal mehrmals – jeweils mit viel Mühe und Arbeit und stets zum Null-Tarif.

Erinnerung an Seuchen

Die Bildsäule ist mit vier Bildern ausgestattet: Die „Heilige Dreifaltigkeit“ blickt nach Kronburg, ihr ist auch die dortige Kirche geweiht. Das Bildnis der „Schmerzhaften Muttergottes“ zeigt zum Wallfahrtsort Maria Steinbach – als Ebenbild der dortigen Kirche. Der Heilige Sebastian, Fürsprecher bei Seuchen, erinnert an die Pest (14. Jahrhundert) und die Spanische Grippe (1920). Das Bildnis des Heiligen Leonhard wurde erst 1999 von Johann Mendler gemalt. Der Schutzheilige für Tiere genießt auch heute noch große Verehrung bei den Tierbesitzern. Im Jahr 2016 fuhren oder ritten viele bayerische Pferdebesitzer 1200 Kilometer weit, um das Grab des Heiligen Leonhard im französischen Limosin zu besuchen. Die dortigen Bürger zeigten sich tief beeindruckt von diesem unerschütterlichen Glauben aus dem Allgäu.

Die Krönung der Pestsäule ist das neu vergoldete Patriarchen-Kreuz: Der Doppelbalken ist ein Zeichen dafür, dass hier Benediktinermönche das Abendland zum Christlichen Glauben bekehrt haben.