Mindelheim

Ins Leben zurückgekämpft

Geschichte über eine Ex-Junkie, der heute von seiner Drogensucht losgekommen ist. Thomas Lange (rechts) arbeitet als Helfer bei

Geschichte über eine Ex-Junkie, der heute von seiner Drogensucht losgekommen ist. Thomas Lange (rechts) arbeitet als Helfer bei

Bild: Johann Stoll

Geschichte über eine Ex-Junkie, der heute von seiner Drogensucht losgekommen ist. Thomas Lange (rechts) arbeitet als Helfer bei

Bild: Johann Stoll

Soziales Thomas Lange war drogenabhängig. In Lohhof bei Mindelheim biss er sich durch eine Therapie. Dann hatte er richtig Glück: Er traf auf Menschen, die es gut mit ihm meinen
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Von Johann Stoll
27.10.2019 | Stand: 15:38 Uhr

Das ist die Geschichte eines jungen Mannes, der eigentlich nie eine Chance hatte – und sie heute doch nutzt. Thomas Lange stammt aus einer Familie, die mit dem Wort „schwierig“ nur unzureichend beschrieben ist. Der Vater war alkoholkrank, die Mutter drogensüchtig. Thomas’ Schwester war eineinhalb Jahre alt, als sie starb. Ihre Mutter hatte sie verhungern lassen. Neun Monate war Thomas erst alt, als ihn die Behörden von seinen völlig überforderten Eltern wegnahmen. Thomas wuchs im Internat auf. Es war kein gutes Umfeld.

Als er zehn war, kam er erstmals mit Drogen in Kontakt. Später probierte er die ganze Palette aus, die ein Leben in Windeseile zerstören kann: Haschisch, Marihuana, Kokain, Heroin. Hunderte Euro pro Woche, die er für seine Drogensucht brauchte, beschaffte er sich als Dealer. Im Oktober 2011 war Schluss. Die Polizei hatte ihn geschnappt. Das Landgericht Regensburg verurteilte ihn wegen Drogenhandels zu drei Jahren und sechs Monaten Haft, die er in der Forensik in Regensburg anzutreten hatte.

Thomas Lange wurde an diesem Tag klar: Nur wenn er seine Drogensucht überwinden würde, könnte er sein Leben in den Griff bekommen. In einem Regensburger Suchtkrankenhaus unterzog sich Lange einer Entgiftung und kam dann ins Kloster Lohhof zur Kompass Drogenhilfe. Bei Mindelheim begann er vor zehn Jahren seine Therapie.

Heute lebt er nach wie vor in Lohhof, inzwischen aber im einzelbetreuten Wohnen. Seine Therapien hat er abgeschlossen. Vor allem achtet er eisern darauf, mit keinerlei Drogen in Kontakt zu kommen. Auch Alkohol zählt für ihn dazu. Dass es ihm inzwischen gut geht, hat viel mit Menschen zu tun, die es gut mit dem 37-Jährigen meinen. Ihm ist es ein großes Bedürfnis, das auch öffentlich zu erzählen. Über das Kolping-Bildungswerk hat er die Chance bekommen, als Schreinerhelfer bei der Mindelheimer Firma Hundhammer anfangen. 18 Monate war er über Kolping im Betrieb. Dann boten ihm Sonja und Martin Hundhammer eine Stelle als Schreinerhelfer an. Für Thomas Lange war das einer der schönsten Tage in seinem bisherigen Leben.

Ein Fahrradhäuschen hat er bereits gezimmert und einen Schrank restauriert. Auf Baustellen hilft er beim Aufräumen. „Das macht mir viel Spaß“, erzählt er. In seinem Innersten sei er zufrieden mit sich selbst. „Ich gehe gerne zur Arbeit“, sagt er und betont, er sei dankbar für die Hilfe, die er erfahren habe.

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Sein Chef vertraut ihm längst eigenständige Arbeiten an. Die Heizanlage darf Thomas Lange zum Beispiel selbst prüfen. Anfangs allerdings gab es neben den vielen Hochs auch manches Tief, das es zu überwinden galt: Mittags war er manchmal richtig platt. Er litt an Stimmungsschwankungen: eine Folge der Drogensucht. Da war Geduld mit dem Patienten gefordert. Die anderen vier Mitarbeiter der Schreinerei hätten das mitgetragen, sagt Sonja Hundhammer. Ihr Mann war sicher: Thomas wird am Ball bleiben. Sein Bauchgefühl täuschte ihn nicht.

Sonja und Martin Hundhammer sind nicht die Einzigen, die an den 37-Jährigen glauben. Im Mindelheimer Reitverein hat er guten Anschluss gefunden. „Das ist wie eine große Familie für mich“, strahlt Lange. Dazu zählt auch eine Familie aus Bad Wörishofen, die ihn unterstützt. Sie hat geholfen, dass er sich ein gutes Fahrrad kaufen konnte. Radfahren ist eine seiner Leidenschaften. Vermittelt durch Thomas Weinzierl von der Kirchenverwaltung hat er auch eine kleine Wohnung gefunden, die er im Dezember in Mindelheim beziehen darf.

Lange weiß, wie viel Glück er hatte – bei allem eigenen Willen, von den Drogen wegzukommen. Nicht alle schafften das, sagt er: Nur drei Prozent seien erfolgreich. Alle anderen würden irgendwann rückfällig. Viele fänden nie mehr in ein normales Leben zurück, selbst wenn sie von den Drogen wegkommen. Sie seien oft isoliert und fänden keinen verständnisvollen Arbeitgeber. So weit dürfe es nicht kommen, betont Lange. Deshalb ist es ihm eine Herzensangelegenheit, junge Menschen vor den Gefahren von Drogen zu warnen. „Sie werden immer jünger“, hat er feststellen müssen. Und er will helfen, dass junge Leute erst gar nicht abstürzen. In Schulen würde Lange gerne erzählen, wie leicht man sein Leben verspielen kann.

Von klein an war er auf sich allein gestellt. „Ich bin ein Einzelkämpfer.“ Das gibt ihm aber auch die Kraft, sich durchzubeißen. Jeden Euro, den er heute ausgeben kann, hat er selbst verdient. Das macht ihn glücklich – ebenso wie die Aussicht auf seine eigene Wohnung. „Ich kann wieder ein normales Leben führen.“