Abschied

Memmingens Stadtkämmerer geht nach 44 Jahren in Ruhestand

MM Kämmerer

Kämmerer Jürgen Hindemit geht in den Ruhestand..

Bild: Verena Kaulfersch

Kämmerer Jürgen Hindemit geht in den Ruhestand..

Bild: Verena Kaulfersch

Jürgen Hindemit verlässt die Stadtverwaltung. Warum es ihm nicht nur ums Geld gegangen ist.

02.08.2020 | Stand: 10:00 Uhr

„Drei bis vier Jahre brauchst du schon, bis du da richtig drin bist“: Als er 1993 Kämmerer der Stadt Memmingen wurde, schien Jürgen Hindemit diese Aussage eines Kollegen übertrieben. Schließlich brachte er mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung in der Finanzverwaltung mit. Doch der Satz sollte sich bewahrheiten: Es ist eines der Dinge, an die Hindemit zuletzt zurückgedacht hat. In wenigen Tagen verabschiedet er sich – nach insgesamt fast 44 Jahren im Dienst der Stadt – in den Ruhestand.

Die Renovierung des Kreuzherrnklosters und des Antonierhauses, die Entstehung des heutigen Kulturzentrums im früheren Krauss-Kaminwerk, die Um- und Neugestaltung von Schrannenplatz, Hallhof, Weinmarkt und Fußgängerzone, Sanierung beziehungsweise Neubau von Straßen und Schulen: Die Liste prägender Projekte, die Jürgen Hindemit in seiner Zeit bei der Stadt begleitet hat, ließe sich um einiges verlängern. Zwar sind die Entscheidungen darüber nicht Sache eines Kämmerers – wohl aber ein Teil der nötigen Vorarbeit und auch später „ist man nah an den Projekten dran“. Hindemit fand sich oft in einer „Zwickmühle“ wieder: „Zwischen dem Stadtrat oder denjenigen, die Ansprüche stellen, und den Möglichkeiten der Stadt, die ich beurteilen muss.“

Seine Aufgabe beschreibt er als die Suche nach einem Ausgleich. „Einerseits sollten ja Dinge verwirklicht werden“, sagt Hindemit. Andererseits sah es der Kämmerer mitunter als seine Pflicht, „auf der Bremse zu stehen“, um eine finanzielle Überforderung zu vermeiden. Gemeint ist nicht allein die Stadt – es sei ihm auch wichtig gewesen, etwa bei Gebühren „den Bürgern nur das aufzuerlegen, was sein musste“.

Anfangs musste sich Hindemit seinen eigenen Weg erst erarbeiten. Trat der damals 34-Jährige doch „in große Fußstapfen“ – und das war ihm auch gesagt worden. „Mein Vorgänger Rudolf Jurczok war eine starke Persönlichkeit und hatte eine starke Position gegenüber dem Stadtrat.“ Für sich fand Hindemit heraus, „dass ich versuchen musste, viel zu erklären, Dinge zu vermitteln und Mitstreiter zu suchen. Es bringt nichts, etwas mit dem Holzhammer durchsetzen zu wollen“. Die Vorstellung vom Kämmerer, „der mit einer riesigen Rechenmaschine im Kämmerlein sitzt und den ganzen Tag nur Zahlen im Kopf hat“, bezeichnet Hindemit – nach eigenen Worten zu Schulzeiten kein Mathe-Genie – als Vorurteil. „Mir war vor allem wichtig, die Stadt in vielen Facetten voranzubringen.“

Auch wenn es stets mehr Wünsche als Möglichkeiten gegeben habe: Unterm Strich ist Hindemit zufrieden beim Blick auf die vergangenen Jahrzehnte. In Erinnerung ist ihm etwa die Landesgartenschau im Jahr 2000, für die er im Auftrag der Stadt als Geschäftsführer wirkte. Auch die städtischen Stiftungen zu unterstützen und ihr Vermögen wachsen zu sehen, war Hindemit ein Anliegen. Denn sie stünden etwa zur Unterstützung von Bürgern bereit, „wenn jemand Hilfe im sozialen Bereich braucht“. Zudem erfüllten sie als Träger von Einrichtungen wie im Fall des Seniorenheims Bürgerstifts eine wichtige Funktion und entlasteten dabei zugleich die Stadt.

Bedauern empfindet Hindemit über das Scheitern der Ikea-Ansiedlung, die auch ihn stark beschäftigt hatte. Als positiv verbucht er, dass der jüngst erfolgte Kauf der betreffenden Flächen der Stadt „große Entwicklungschancen“ eröffne. Eine solche wurde nach Meinung Hindemits im Fall des Bahnhofsareals auf Jahre hinaus verzögert. Das Konzept eines Investors für die Neugestaltung war bei einem Bürgerentscheid abgelehnt worden. Hindemit und die Finanzverwaltung waren seit den 1990er Jahren mit dem Thema befasst: Damals hatte die Stadt angefangen, Grundstücke in dem Gebiet zu erwerben.

Nachfolger steht fest

Der Abschied fällt Hindemit nicht leicht, dennoch überwiege die Freude, „nach der langen Zeit die Verantwortung in andere Hände abzugeben“. In den vergangenen Jahren stellte er bei sich zunehmend fest, „dass ich Probleme und Gedanken von der Arbeit zunehmend mit nach Hause genommen habe und die Belastung nicht mehr wegstecke wie früher“. Ein Wermutstropfen sei jedoch, dass er seine Tätigkeit wegen der Corona-Krise in einer Phase voller Unsicherheit an Nachfolger Gunter Füßle übergebe: „Ich hätte das lieber in Zeiten gemacht, wenn alles läuft.“