Angeklagter hat Schuld eingeräumt

Mord an Hannah: Gericht spricht beide Angeklagten schuldig

Im Mord-Prozess an der 16-Jährigen Hannah sind beide Täter schuldig gesprochen worden.

Im Mord-Prozess an der 16-Jährigen Hannah sind beide Täter schuldig gesprochen worden.

Bild: Matthias Becker

Im Mord-Prozess an der 16-Jährigen Hannah sind beide Täter schuldig gesprochen worden.

Bild: Matthias Becker

Mordfall Hannah: Die 16-Jährige wurde im November 2021 am Flughafen Memmingen getötet. Am Donnerstag fiel das Urteil vor dem Landgericht Memmingen.
25.11.2022 | Stand: 08:52 Uhr

Es ging um Wut, Rache und eine gescheiterte Freundschaft. Deshalb wurde die 16-Jährige Hannah im November 2021 getötet. Eine damals 15-Jährige und ein damals 25-Jähriger haben sie auf einem Gelände neben dem Flughafen Memmingen getötet. Das sieht die Jugendkammer am Memminger Landgericht als erwiesen an. Deshalb lautete das Urteil am Donnerstag auch auf gemeinschaftlichen, heimtückischen Mord.

Lebenslang ins Gefängnis

Der mittlerweile 26-Jährige muss lebenslang ins Gefängnis, wegen seines Drogenkonsums außerdem in eine Entziehungsklinik und 50.000 Euro Schmerzensgeld an die Eltern des Opfers zahlen. Die heute 16-Jährige muss neun Jahre und sechs Monate in Haft bleiben. Das ist fast die höchste Strafe, die das Gericht vergeben konnte. Möglich wären für einen minderjährigen Menschen im Jugendstrafrecht zehn Jahre gewesen.

Das Urteil war am Donnerstagvormittag hinter verschlossenen Türen verkündet worden. Beinahe der komplette Prozess hatte schon nicht-öffentlich stattgefunden.

Besondere Schwere der Schuld?

Eine besondere Schwere der Schuld stellte das Gericht bei dem 26-Jährigen nicht fest. Deshalb ist es möglich, dass nach 15 Jahren geprüft wird, ob er unter Bewährungsauflagen entlassen werden kann. Anderenfalls hätte er diese Chance nicht bekommen.

Nord an Hannah gemeinsam geplant und umgesetzt

Das Gericht kam nach der mehrwöchigen Beweisaufnahme mit 23 Verhandlungstagen zu dem Schluss, dass der Tatvorwurf in allen wesentlichen Punkten zutreffend ist, sagte direkt nach der Urteilsverkündung Landgerichts-Vizepräsident Jürgen Brinkmann. „Das heißt, dass die beiden gemeinsam die Tötung von Hannah geplant und dann auch gemeinsam umgesetzt haben.“ Das ergebe sich aus den Aussagen von Zeugen und aus Chatverläufen. Die seien während der Verhandlung wichtige Beweismittel gewesen, sagte Brinkmann. Zudem hätten sich die beiden Angeklagten während des Prozesses geäußert. „Der Angeklagte hat die Tötung eingeräumt.“ Allerdings habe er sie als Kurzschlussreaktion bezeichnet und nicht als geplant.

Auch die angeklagte Jugendliche habe sich vor Gericht geäußert, die Schuld aber von sich gewiesen. Sie sei zwar dabei gewesen, doch mit dem Mord selbst habe nur der Angeklagte etwas zu tun. „Die Kammer ist aber zu dem Ergebnis gekommen, dass beide die Tat wollten, dass beide sie geplant haben.“ Der Ausgangsplan aber stamme von der 16-Jährigen.

Aus Wut und Rache

Über die Hintergründe durfte Jürgen Brinkmann nicht viel sagen, da die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt wurde. Aber doch zumindest so viel: Die Angeklagte habe hauptsächlich aus Wut und Rache gehandelt, die aus der Beziehung zu Hannah entstanden seien. Es sei um eine gescheiterte Freundschaft zwischen den beiden Jugendlichen gegangen. Die beiden kannten sich schon lange. Und der Angeklagte? „Die Kammer glaubt, dass der Angeklagte im Wesentlichen davon angetrieben war, der Angeklagten, also seiner Freundin, zu helfen, sie zu unterstützen, und dass er sich dadurch auch eine Verbesserung seiner allgemeinen Lebenssituation erwartet hat.“ Er habe gehofft, dass sie ihm helfen könne, seinen Drogenkonsum unter Kontrolle zu bekommen.

Erst Drogen, dann sechs Messerstiche

Und so nahm die Tat dann ihren Lauf. Die damals 15-Jährige und der damals 25-Jährige trafen sich mit der 16-jährigen Hannah in Memmingerberg (Unterallgäu) an einem Shelter neben dem Flughafen. Die 15-jährige gab Hannah Gelatine-Kapseln mit einer Mischung aus Schmerzmitteln und der Droge MDMA. Die 16-jährige Hannah schluckte die Kapseln. Nach 20 bis 30 Minuten hatte sie „ganz erhebliche Ausfälle, Bewusstseinsausfälle, die Bewegungskoordination war gestört. Das war auch laut Aussage der Kammer ein Ziel der Angeklagten, deswegen sind ihr die Drogen verabreicht worden“, sagte Brinkmann. Die Angeklagte habe ihr dann noch einmal Tabletten gegeben, diesmal mit dem Hinweis, es handele sich um Vitaminpillen, die würden ihr helfen. Die Menge der Drogen hätte durchaus eine tödliche Wirkung haben können, sagte Brinkmann. Davon sei das Gericht ausgegangen. Doch soweit kam es nicht. Denn der 25-Jährige stach dann sechs Mal auf Hannah ein, die an diesen schweren Verletzungen starb.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Staatsanwaltschaft und Verteidiger können innerhalb einer Woche Revision einlegen. Dann müsste der Bundesgerichtshof prüfen und entscheiden, ob das Recht richtig angewendet wurde. In den Gefängnissen, in denen die beiden derzeit in Untersuchungshaft sitzen, werden sie nicht bleiben. Sie sollen in andere Einrichtungen verlegt werden. Die 16-Jährige wird in eine Jugendstrafanstalt kommen.

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Angeklagte verletzte sich bereits selbst

Am zweiten Verhandlungstag, der zunächst öffentlich begann, beantragten die Verteidiger der minderjährigen Angeklagten, das Verfahren unter Ausschluss von Medien und Zuschauern fortzuführen. Das Gericht stimmte dem wenig später zu. Und zwar im Interesse der Erziehung der Jugendlichen und aufgrund ihrer psychischen Verfassung. Minderjährigen sollten spätere Nachteile, die aus einer öffentlichen Verhandlung entstehen, erspart werden. Zudem bestehe die Gefahr, dass die Jugendliche durch die Berichterstattung bloß gestellt werde. Auch wenn anonymisiert berichtet werde, bestehe laut Gericht die Gefahr, dass die Jugendliche von einigen Menschen erkannt werde.

Zudem bestehe die Gefahr, dass die psychische Verfassung der heute 16-Jährigen durch ein öffentliches Verfahren weiter verschlechtert werde. Aufgrund der Vorwürfe, die sie sich wegen ihrer Tat mache, habe sie sich bereits selbst verletzt. Sie habe mit den Händen gegen die Zellenwand geschlagen und sich am Unterarm verletzt. Sie nehme mittlerweile Antidepressiva.