Urteil zum Fischertag Memmingen

Richterin hat entschieden: Auch Frauen dürfen beim Memminger Fischertag mitfischen

Das Ausfischen beim Fischertag in Memmingen war über Jahrzehnte hinweg den Männern vorbehalten. Dagegen klagte eine Frau wegen Diskriminierung - mit Erfolg.

Das Ausfischen beim Fischertag in Memmingen war über Jahrzehnte hinweg den Männern vorbehalten. Dagegen klagte eine Frau wegen Diskriminierung - mit Erfolg.

Bild: Peter Hausner, Archiv

Das Ausfischen beim Fischertag in Memmingen war über Jahrzehnte hinweg den Männern vorbehalten. Dagegen klagte eine Frau wegen Diskriminierung - mit Erfolg.

Bild: Peter Hausner, Archiv

Auch Frauen dürfen künftig am Ausfischen beim Memminger Fischertag teilnehmen. Das hat am Montag das Amtsgericht Memmingen entschieden.
01.09.2020 | Stand: 10:33 Uhr

Das Vereinsrecht steht nicht über dem Gleichheitsgrundsatz im Grundgesetz. Mit dieser Begründung hat das Amtsgericht Memmingen am Montag entschieden, dass künftig auch Frauen am traditionellen Ausfischen beim Memminger Fischertag teilnehmen dürfen. Das bisherige Teilnahmeverbot verstoße gegen Artikel 3 im Grundgesetz, nach dem Männer und Frauen gleichberechtigt sind, so Richterin Katharina Erdt.

Vereinsmitglied Christiane Renz hatte gegen den Fischertagsverein als Veranstalter des Spektakels geklagt. Renz will schon seit Jahren beim Ausfischen mitmachen, war bisher aber mit entsprechenden Anträgen auf eine Satzungsänderung an der Mehrheit des Vereins gescheitert.

Frauen beim Memminger Fischertag: Urteil ist noch nicht rechtskräftig

Dass Renz mit weiteren Frauen schon im nächsten Jahr die Forellen mit rund 1.200 anderen (männlichen) Stadtbachfischern an Land zieht, ist aber noch nicht sicher. Denn der Fischertagsverein überlegt bereits, vor die nächst höhere juristische Instanz zu ziehen. Vorstand Michael Ruppert will nun mit den Vereinsgremien entscheiden, ob Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt werden. Was Ruppert in einer ersten Reaktion zu der Entscheidung sagt und wie seine nächsten Schritte aussehen, lesen Sie hier.

Der Verein wolle nun das schriftliche Urteil abwarten und dann im etwa 60-köpfigen Vereinsausschuss - ihm gehören neben dem Vorstand unter anderem alle Leiter der über 30 Vereinsgruppen an - entscheiden, ob Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt werde. Dazu hat der Verein vier Wochen Zeit nach der Zustellung des Urteils und weitere vier Wochen für die Begründung des Einspruchs.. Er selbst schließe nicht aus, in die nächste Instanz zu gehen, so Ruppert. Das müssten aber die Vereinsgremien entscheiden. Immerhin sei Klägerin Christiane Renz bei zwei Delegiertenversammlungen – dem höchsten Entscheidungsgremium des Vereins – mit ihren Anträgen auf Satzungsänderung gescheitert. Eine Mehrheit von jeweils über 90 Prozent hatte es abgelehnt, dass auch Frauen den Stadtbach ausfischen dürfen.

Klägerin Christiane Renz (links) mit Scherpe
Klägerin Christiane Renz (links) mit Scherpe "Fischerkönigin" und ihrer Anwältin Susann Bräcklein vorm Amtsgericht.
Bild: Thomas Schwarz

"Die Klägerin darf nicht ausgeschlossen werden": So bringt es Richterin Erdt zum Beginn der mündlichen Urteilsverkündung auf den Punkt. Der Fischertagsverein müsse nun auch Frauen und Mädchen in die Gruppe der Stadtbachfischer aufnehmen. Laut Vereinssatzung sind dort bisher nur Männer und Buben erlaubt. Da kollidieren jedoch das Vereinsrecht und das Grundgesetz, das in Artikel 2 und 3 klar die Gleichstellung von Frauen und Männern regelt, sagt die Richterin. Zwar hätte auch der Fischertagsverein durchaus viele Rechte, aber er dürfe seine "soziale Monopolstellung" nicht ausnutzen, die er aus Erdts Sicht beim jährlich im Juli stattfindenden Fischertag hat. "Der Fischertag ist einmalig und hat für Memmingen eine besondere Bedeutung!"

Argumente des Fischertagsverein Memmingen greifen für Richterin nicht

Erdt verwarf die Argumentation des Fischertagsvereins. Der hatte auf eine jahrhundertalte Tradition verwiesen, nach der seit dem Mittelalter nur Männer den Stadtbach ausfischten, damit dieser dann vom Dreck gereinigt werden konnte. Zudem beschränke sich der Frauenausschluss bei dem Fest, zu dem jährlich zehntausende Besucher kommen, nicht nur auf die rund 20 Minuten des Ausfischens. "Das Ausfischen beginnt eigentlich schon am Vorabend des Fischertags und geht bis zum Krönungsfrühschoppen. Das eigentliche Ausfischen ist das Hauptereignis" Zudem könne nur Fischerkönig werden, wer Mitglied der Gruppe der Stadtbachfischer ist - also bisher eben nur Männer. Dazu seien Frauen durchaus auch körperlich in der Lage, so die Richterin. Zudem gebe es ja auch für die Männer beispielsweise keine Altersbeschränkung dafür.

Das Argument der Tradition greife auch nicht, weil der Fischertagsverein im Laufe der Jahrzehnte seit der ersten Satzung 1902 diese immer wieder selbst verändert und "aufgeweicht" habe. Zudem sehe die Satzung durchaus auch Ausnahmeregelungen vor. So kann auch jemand in den Stadtbach springen, der nicht mehr in Memmingen lebt - wenn der Vorstand das genehmigt. Richterin Erdt schlägt auch einen Bogen zum Historien-Spektakel "Wallenstein", das der Fischertagsverein alle vier Jahre in Memmingen veranstaltet. Dort dürfen Frauen verkleidet durchaus auch Männerrollen einnehmen. "Warum soll das also nicht auch beim Fischertag möglich sein?"

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Fischertag in Memmingen 2019

Die Richterin nahm auch Bezug zur Gemeinnützigkeit des Fischertagsverein. Weil er von Steuern und Mitgliedsbeiträgen profitiere, die ja nicht nur von Männern gezahlt würden, dürfe der Verein Frauen nicht ausschließen und müsse sie in allen Bereichen gleich behandeln.

Klägerin: "Einen Tick mehr Gleichberechtigung in Memmingen"

Nach dem Urteil reckt die Klägerin die Fäuste in die Höhe, umarmt ihre Anwältin Susann Bräcklein und jubelt "Endlich gibt es einen Tick mehr Gleichberechtigung in Memmingen". Bräcklein ergänzt, dass das Grundgesetz nun endlich auch auch für das Vereinsrecht gültig ist. Sie hofft, dass das Urteil "eine Strahlwirkung" habe, denn auch in vielen anderen deutschen Vereinen würden Frauen immer noch diskriminiert.

Renz kündigte an, beim nächsten Fischertag im Juli 2021 den Stadtbach mitausfischen zu wollen. "Hoffentlich machen noch viele andere Mädchen und Frauen aus dem Fischertagsverein mit!" Sie erwarte jedoch nicht hunderte von Frauen: "Sie müssen nicht mitmachen, aber sie dürfen!" Auch einen Kübeles-Träger - also einen Helfer am Bachrand - habe sie schon. Diese Aufgabe ist bisher den Frauen oder Freundinnen der Stadtbachfischer zugefallen.

Die Prozesskosten müssen sich Klägerin und Beklagte teilen - allerdings trägt der Fischertagsverein laut Urteil 80 Prozent, Christiane Renz 20 Prozent. Allein der Fischertagsverein hatte nach eigenen Angaben bisher eine fünfstellige Euro-Summe für den Prozess zu zahlen.

Der Fischertag hat in Memmingen seit rund 120 Jahren Tradition. Dabei werden auch einige tausend Forellen aus dem Stadtbach geholt, damit er einmal im Jahr gereinigt werden kann. Wer die schwerste Forelle rausholt, wird Fischerkönig. Das Ausfischen war bisher nur männlichen Mitgliedern des veranstaltenden Fischertagsvereins vorbehalten. Gegen diese bereits seit 1931 in der Vereinssatzung stehende Regel hatte Renz geklagt. Wie verhärtet die Fronten in dem ungewöhnlichen Streit sind, hatte sich auch schon bei der mündlichen Verhandlung vor einigen Wochen gezeigt. Obwohl Richterin Katharina Erdt eine gütliche Einigung anstrebte, gab es keinen Kompromiss.

 

Wieso feiern die Memminger den Fischertag?

Seinen Ursprung hat der Fischertag in Memmingen im Mittelalter. Damals diente die Ach als Be- und Entwässerungssystem der Stadt. Einmal pro Jahr musste das Wasser abgelassen werden, um das Bachbett von Dreck und Abfällen zu säubern. Zuvor durften die Gesellen der Handwerkszünfte den Bach leerfischen. Aus dieser Tradition entstand dann der Memminger Fischertag. Das Spektakel lockt jedes Jahr Zehntausende Menschen an.

Einen Überblick über weitere Männerbastionen lesen Sie hier.