Ausstellung in Oberstdorf

Peter Zeilers tiefer Blick in die Seele

Keramiken dieser Art von Peter Zeiler sind in der Villa Jauss zu sehen.

Keramiken dieser Art von Peter Zeiler sind in der Villa Jauss zu sehen.

Bild: Günter Jansen

Keramiken dieser Art von Peter Zeiler sind in der Villa Jauss zu sehen.

Bild: Günter Jansen

Die Oberstdorfer Villa Jauss zeigt Peter Zeilers Sicht auf den Menschen – und wie sie sich gegenüber Grafiken berühmter Meister des 20. Jahrhunderts wie Chagall und Dalí behauptet
19.07.2020 | Stand: 15:05 Uhr

Der Mann hält den Sack mit den Münzen fest in den Händen. Der Mensch beugt sich über ihn wie ein Raubtier über seine Beute. Sein Körper gleicht bereits dem einer haarigen, krallenbewerten Bestie. Und hinter dem Kopf des Mannes kommt ein zweiter Schädel hervor, wie die wahre Identität: der Schädel eines Wolfes, der seine Zähne fletscht und dessen Zunge nach der Beute lechzt. So eindringlich zeichnet Peter Zeiler die „Gier nach Geld“.

Der Künstler aus Irsee steht im Mittelpunkt einer Ausstellung im Oberstdorfer Kunsthaus Villa Jauss. Anlässlich seines 90. Geburtstages zeigt er dort eine Auswahl seiner ausdrucksstarken Arbeiten: vorwiegend Radierungen, Zeichnungen, Keramiken. Unter dem Motto „Mit Blick auf den Menschen“ spannen sie ein breites Panorama des Lebens auf und behaupten sich mit ihrer kantigen Handschrift und ihrem durchdringenden Röntgenblick in seelische Regungen gegen Grafiken von berühmten Meistern des 20.Jahrhunderts – von Käthe Kollwitz bis Joseph Beuys.

Ein Leitfaden durch die Kunstgeschichte

Letztere Blätter stammen aus der umfangreichen Sammlung, die der Oberstdorfer Hugo J. Tauscher der Initiative Villa Jauss, dem Trägerverein des Kunsthauses, gestiftet hat und die gleichsam einen kleinen Leitfaden durch die Kunstgeschichte des vergangenen Jahrhunderts bildet. Wilhelm Geierstanger hat aus der Vielfalt der Arbeiten repräsentative Beispiele ausgewählt.

Von Raum zu Raum vertiefen sie immer mehr das Thema des menschlichen Daseins: Schwachen Männern folgen starke, extravagant auftretenden Frauen, folgen solche, die vom Leben gezeichnet sind; der Feier der weiblichen Schönheit folgen die Freuden und Fehlerquellen der Paarbeziehung. Gerahmt werden diese komplexen Beziehungsgeflechte durch die Auseinandersetzung mit dem Künstlersein: Im Dachboden der Villa beschließen Peter Zeilers Bilder und Skulpturen von Musikern die Ausstellung. Sie machen jene Emotionen intensiv erlebbar, die Kompositionen und Interpreten im Moment der Aufführung vermitteln.

Aus dem Mund von Günter Grass schlängelt sich ein Aal

Im Erdgeschoss eröffnen Selbstbildnisse den Rundgang durch diese Ausstellung. Dort hängt dann eine ironische kleine Zeichnung von Joseph Beuys, die unter dem markanten Hut nicht den Künstler, sondern ein Rentier zeigt, einer Zeichnung von Peter Zeiler gegenüber, in der Teile des Kopfes mehrfach übermalt sind, als sei der Zeichner auf der Suche nach dem richtigen Ausdruck. Neben Selbstportraits von Günter Grass mit Schneckenhaus auf dem Auge oder mit einem Aal, der sich aus dem Mund schlängelt, findet sich Zeilers Kaltnadelradierung „In sich hören“, die den Ansatz des Künstlers verdeutlicht, tief in die Psyche des Menschen einzutauchen, Gefühle unter die Hautgehend darzustellen, mitunter schmerzhaft Bild werden zu lassen: etwa in dem Blatt „Depression/Verzweiflung“, das einen nackten, schutzlosen, gebeugten, verkrümmten, in die Grenzen des Blattes eingezwängten Mann zeigt. Daneben erhebt sich in Salvador Dalís „Hommage à la medicine“ eine Figur, die durch Krücken gestützt wird und die anstelle des Bauches ein großes Loch aufweist, durch das der Betrachter hindurchsieht.

Die bösen Karikaturen von A. Paul Weber

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Wo sich die starken Männer in Szene setzen, ist der Teufel nicht weit. Er beherrscht grinsend den Raum in einem Blatt des Amerikaners Alexander Calder (1898 - 1976). Er leiht sogar einem dunkel gehaltenen Liebesakt in einem Blatt von Zeiler seinen Namen. Ein in sich versunkenes Paar, sich begehrend, sich berührend, sich erregend, bildet unter dem Titel „Erotik“ das lichte Gegenstück dazu. Fantasievolle Illustrationen von Marc Chagall zu Homers „Odyssee“, etwa die verführerischen Sirenen, die das Schiff des Helden umschweben, erweitern den Themenkreis ebenso, wie A. Paul Webers böse Karikatur „Die Schönheit“, die eine aufgetakelte Kuh in langer Robe mit Lorgnon und Pompadour präsentiert. Beziehungsreich führt der Rundgang weiter zu Blättern von Pablo Picasso und René Magritte, zu Oskar Kokoschka und Henry Moore. Zwischen ihnen vertiefen Peter Zeilers Arbeiten das Thema, ziehen in ihrer kompositorischen Dichte, eindringlichen Ausdruckskraft und kompromisslosen Darstellung sogar des Öfteren den Blick des Betrachters von den Werken der berühmten Meister ab.