Debatte in der Corona-Pandemie

Unser Autor fragt: Was passiert hier eigentlich gerade?

Hunderte haben in Kempten gegen die Corona-Regeln demonstriert.
Bild: Ralf Lienert
Wir befinden uns in einem „emotionalen Schnellkochtopf“, angeheizt von einem Virus. Diese Wut auf alle, die anderer Meinung sind, hat womöglich Folgen.

Was passiert hier eigentlich gerade? Diese Frage musste man sich am vergangenen Samstag in Kempten stellen, als Hunderte Polizisten versuchten, so genannte „Querdenker“ und andere Menschen daran zu hindern, eine verbotene Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen zu veranstalten. Diese Stunden voll aufgeheizter Grundstimmung in der Stadt waren Teil einer Entwicklung, die gesellschaftliche Folgen weit über die medizinischen und wirtschaftlichen Aspekte dieser Pandemie hinaus ausbilden kann.

Die Schauspielerin Nora Tschirner hat vor einigen Tagen in einem Interview gesagt, wir befänden uns in einem „emotionalen Schnellkochtopf“. Das ist ein treffendes Bild. Es gibt eine Reihe von Menschen, die sich durch die Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens in unangemessener Weise beeinträchtigt fühlen.

Das zu sagen und dagegen auch zu klagen, ist das gute Recht in einer Demokratie. Was wir auf der Straße und in den sogenannten sozialen Medien erleben, ist aber mehr als ein Protest gegen die aktuelle Politik und die mediale Berichterstattung darüber: Es ist die gemeinsame Wut auf jene, die anderer Meinung sind. Es ist leider auch eine fortschreitende Radikalisierung in der Gedankenwelt sowie die zunehmende Ablehnung dieses Staates und seiner Repräsentanten.

Suche nach Ursachen für die Radikalisierung der Gedankenwelt

Das hat seine Ursachen womöglich in einer Politik, die auf eine neue Bedrohung seit einem Jahr teilweise irrend und widersprüchlich reagiert. Das ist auch in einer Politik begründet, deren Worte schärfer waren als manche Maßnahmen wirksam und nachvollziehbar – Einschränkungen dieses Ausmaßes funktionieren jedoch nur dann, wenn die Menschen sie verstehen und freiwillig befolgen. Und das hat sicherlich auch damit zu tun, dass Kritiker, die begründete Sorgen geäußert haben, zum Teil ausgegrenzt wurden.

Das reicht aber nicht, um zu erklären, warum Menschen das Feld des Diskurses verlassen, sich dem Staat, den Medien und dem größeren Teil der Menschen überlegen fühlen, sich in einer „Diktatur“ wähnen und Fakten durch Meinung ersetzen.

Womöglich war der Druck von Veränderungen, beispielsweise die Digitalisierung, die zunehmende Komplexität vieler Lebensbereiche, die wirtschaftliche Unsicherheit, die Loslösung von tradierten Gewissheiten, schon vor der alles überlagernden Pandemie so groß geworden, dass Menschen ein Ventil brauchen, um wie ein Schnellkochtopf Dampf abzulassen. So gesehen ist die augenscheinliche Wut vielleicht ein Ausdruck von Angst vor einer tatsächlichen oder gefühlten Bedrohung.

Menschen brauchen ein Ventil: Trotzdem das "Ich" nicht vor das "Wir" stellen

Das entbindet aber weder Quer- noch Geradeausdenker von der Pflicht, Frust zu ertragen und Konflikte mit Argumenten auszutragen. Dazu gehört es, den anderen anzuhören. Dazu gehört es auch, das „Ich“ nicht vor das „Wir“ zu stellen. Und es gehört die Einsicht dazu, dass es nicht „untertänig“ ist, sich an geltendes Recht zu halten.

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