Eine Geschichte über Zusammenhalt

Was macht die Liebe aus? Allgäuer Paar berichtet von 60 Jahren Ehe

„Du warst immer für mich da. – Danke.“ Karin und Erwin Herb sind seit 60 Jahren verheiratet. Ihre Enkelin will wissen: Was bleibt nach so langer Zeit von der Liebe? 	
Am 2. Juli 1960 heirateten die beiden. Im nächsten Frühjahr wollen sie sich vor ihren Familien und Freunden nochmals das Ja-Wort geben.

„Du warst immer für mich da. – Danke.“ Karin und Erwin Herb sind seit 60 Jahren verheiratet. Ihre Enkelin will wissen: Was bleibt nach so langer Zeit von der Liebe? Am 2. Juli 1960 heirateten die beiden. Im nächsten Frühjahr wollen sie sich vor ihren Familien und Freunden nochmals das Ja-Wort geben.

Bild: Sarah Bioly

„Du warst immer für mich da. – Danke.“ Karin und Erwin Herb sind seit 60 Jahren verheiratet. Ihre Enkelin will wissen: Was bleibt nach so langer Zeit von der Liebe? Am 2. Juli 1960 heirateten die beiden. Im nächsten Frühjahr wollen sie sich vor ihren Familien und Freunden nochmals das Ja-Wort geben.

Bild: Sarah Bioly

Karin und Erwin Herb aus Kaufbeuren sind seit 60 Jahren verheiratet. Ihre Enkelin will von ihnen wissen: Was macht die große Liebe und das Eheleben aus?
Von Sarah Bioly
20.09.2020 | Stand: 08:43 Uhr

„Ich liebe Dich, liebe Karin, von ganzen Herzen.“
Schrieb mein Opa in einem Brief am 2. Dezember 1959.

„Du bist mein ganzes Glück, ich wüßte nicht, was ich anfinge, wenn ich Dich verlieren sollte.“
Schrieb meine Oma am 9.  Dezember 1959.

Über 60 Jahre später sitzen meine Großeltern an einem Esstisch. Oma blickt auf ihre faltigen Hände, Opa durch die Glasfront des Wintergartens. „War die Post schon da?“, fragt Oma. Seit 60 Jahren sind sie verheiratet. Ich kann mich an keinen Kuss, keine zärtliche Berührung, kein „Ich liebe dich“ erinnern. Frage ich meinen Opa, was aus ihrer Liebe wurde, sagt er: „Man braucht sich halt“. (Lesen Sie auch: Paartherapeutin: "Allgäuer zeigen ihre Zuneigung anders als Italiener")

Meine längste Beziehung ging rund vier Jahre, nach zweien war die Luft raus. Jetzt habe ich wieder einen Freund, ich genieße die Zeit mit ihm, aber ich sorge mich, dass es irgendwann wieder so ist, wie in meiner ersten Beziehung. Ich will wissen, ob es auch anders geht. Am Tag vor der Diamanthochzeit meiner Großeltern sitze ich deshalb an ihrem Esstisch. Ich will wissen, was nach 60 Jahren Ehe bleibt.

Liebesbriefe - und Ablehnung

Rechts von mir mein Opa: weiße Haare, kurzärmliges Hemd, Ehering. Links meine Oma: graue Haare, Ehering, T-Shirt mit der Aufschrift „Love & Stars“. In ihren Händen halten sie vergilbte Seiten, die mit säuberlichen Buchstaben gefüllt sind. Es sind ihre Liebesbriefe. Sie stammen aus den Jahren 1959 und 1960, in denen mein Opa seine Wehrpflicht erfüllte.

Die Worte, die sie oft nicht fanden, wenn sie beisammen waren, schrieben sie sich in diesen Briefen. Meine Oma versicherte meinem Opa, wie sehr sie ihn liebte, und erzählte, wie allein sie sich gefühlt hat, bevor sie ihn traf. An ihren gemeinsamen Tagen konnte sie ihm das oft nicht zeigen, wollte er sie küssen, drehte sie den Kopf weg. Warum, kann sie heute selbst nicht mehr sagen.

Doch sie beide glaubten fest an eine gemeinsame Zukunft. In jedem Brief schrieben sie, wie sehr sie sich danach sehnten, endlich für immer zusammen zu sein. Mit 21 Jahren heirateten sie. Am 2. Juli 1960. Sie erschufen sich ihre Welt nach ihren Vorstellungen: „61 wurde Wolfgang geboren, 62 hat Opa die Meisterprüfung gemacht, 63 haben wir das Haus gebaut, 64 sind wir eingezogen.“

Meine Oma rasselt die Jahreszahlen runter. „77 habe ich die Firma Alnufa mit aus der Taufe gehoben, 79 sind wir zum Scania-Händler aufgestiegen, 85 in die neuen Gebäude in Marktoberdorf eingezogen“, stimmt mein Opa mit ein. Es sind die Jahre, in denen sie sich ihre Träume erfüllten. Kinder, Haus, Bürgerlichkeit.

Ein Wendepunkt

Doch je älter sie wurden, desto stiller wurde es im Haus. Zuerst zog mein Onkel aus, dann meine Mutter. Und irgendwann waren auch die vier Enkel groß. Als mein Opa vor fünf Jahren in Rente ging, ertrug er diese Stille kaum. Auch für meine Oma war das ein Wendepunkt. Plötzlich war mein Opa den ganzen Tag da.

Meine Großeltern mussten einen neuen Weg finden, miteinander umzugehen. Zärtlichkeit, so wie früher, gab es nicht mehr. Sie war im Lärm, im Leben mit den Kindern und der Arbeit untergegangen. Es gab keine Sonntagsspaziergänge mehr, bei denen sie Händchen hielten und über ihre Zukunft sprachen. Es gab kein Sofa mehr, auf dem sie sich aneinander kuschelten. Schauten sie Fernsehen, hatte jeder seinen eigenen Sessel, dazwischen ein Beistelltisch mit Medikamenten.

Rund zwei Jahre, nachdem mein Opa in Rente gegangen war, wurde meine Oma immer schwächer, Diabetes. Das Laufen fiel ihr schwerer. Sie konnte nicht mehr stundenlang im Garten knien. Also half mein Opa ihr beim Pflanzen und Jäten. Im November vergangenen Jahres mussten die Ärzte ihr dann die rechten Zehen abnehmen, sie wurden nicht mehr durchblutet. Mein Opa übernahm die Pflege. Waschen, Föhnen, Verbände wechseln. Als es ihr besser ging, bekam sie eine Gehhilfe. Seitdem führt er sie, stützt sie. Sie ist jetzt seine Aufgabe. Frage ich die beiden, wie es ihnen geht, dann sagen sie: „Wir sind zufrieden.“ Meine Oma spricht nicht über schlechte Zeiten. Als Kind war sie für mich immer die Starke. Eine Frau, die immer weitermachte.

Ihre Hand sucht die seine

Mein Opa gibt zu, dass das halbe Jahr, in dem die Wunde heilte, nicht einfach war. Sie konnte nichts mehr machen, er musste alles machen. Durch die Krankheit kamen sich beide aber auch wieder näher. In den zwei Tagen bei meinen Großeltern sucht ihre Hand immer wieder die seine. Läuft er neben ihr, greift sie seinen Arm. Dann passt er sich ihrem Tempo an. Es ist das erste Mal, dass sie offensichtlich Hilfe annimmt – auch weil sie nicht anders kann. Und es ist das erste Mal, dass ich sehe, wie die beiden Händchen halten.

Meine Großeltern sitzen auf der Terrasse. Es ist der 2. Juli. „Um die Zeit waren wir vor 60 Jahren schon verheiratet“, sagt Oma mit Blick auf die Uhr. Immer wieder wandern ihre Gedanken in die Vergangenheit zu dem Tag ihrer Hochzeit. Damals stand ihnen die Welt offen, ihre Träume lagen vor ihnen. In ihren Briefen versicherten sie sich, wie glücklich sie werden würden.

Abends dann sitzen die Gäste aus dem Familienkreis um den Esstisch, meine Großeltern am Kopfende. Statt wie gewohnt gegenüber, haben sie dieses Mal nebeneinander Platz genommen. Heute sollen kein Tisch, keine Stille, keine ungesagten Worte die beiden trennen. Meine Oma erhebt sich, in der Hand hält sie ein weißes DIN-A4-Blatt.

„Wir haben Höhen und Tiefen, Freud und Leid erlebt“, beginnt sie, spricht gesundheitliche Probleme an und dass sie diese zu zweit überwunden haben. Dann plötzlich bricht ihr die Stimme weg. Es ist das erste Mal, dass ich meine Oma außer Fassung erlebe. Es ist nur ein Augenblick, dann findet sie den Faden wieder, klammert sich an die Buchstaben auf dem Papier und fährt mit stockender Stimme fort. „Du warst immer für mich da – Danke.“ Als sie mit ihrer Rede endet, läuft meinem Opa eine Träne über die Wange, er steht auf, umarmt sie. Sie drückt ihr Gesicht an seine Schulter.

„Du verstehst mich und liebst mich, so wie ich bin, wenn es auch manchmal nicht ganz leicht für Dich ist. Aber ich werde es dir danken, indem ich Dir immer treu bin, bis ans Ende, was auch kommen mag, ich werde zu Dir halten und Dich nie verlassen oder enttäuschen“.
Schrieb meine Oma am 16. Dezember 1959.

„Immer und immer wieder muß ich es Dir gestehen, daß ich Dich von ganzem Herzen liebe und Dich nie mehr frei geben werde, da kann kommen, was will.“
Schrieb mein Opa am 23. Februar 1960.

Eine größere Feier mussten sie wegen der Corona-Pandemie absagen. Im nächsten Frühjahr aber wollen sie sich vor einem Pfarrer, vor allen Freunden und der Familie, noch einmal das Jawort geben.