Bregenzer Festspiele

Mit dem Furor eines Sprachverliebten

Karl Markovics erweckt den Satiriker Karl Kraus zum Leben. Er poltert mit ausgestrecktem Zeigefinger über Begriffe im österreichischen Dialekt.

Karl Markovics erweckt den Satiriker Karl Kraus zum Leben. Er poltert mit ausgestrecktem Zeigefinger über Begriffe im österreichischen Dialekt.

Bild: Anja Köhler/Bregenzer Festspiele

Karl Markovics erweckt den Satiriker Karl Kraus zum Leben. Er poltert mit ausgestrecktem Zeigefinger über Begriffe im österreichischen Dialekt.

Bild: Anja Köhler/Bregenzer Festspiele

Karl Markovics zelebriert bei den Festtagen in Bregenz witzige und wütende Texte von Karl Kraus. Auch die Concert Schrammeln feiern ironisch Wiener Eigenheiten.

19.08.2020 | Stand: 11:45 Uhr

Ein leidenschaftlicher Liebhaber und Verteidiger der Sprache war Karl Kraus. Weil er sie als Indikator für den Zustand von Zeit und Gesellschaft verstand, konnte er wütend werden über Unstimmigkeiten im Ausdruck, und Menschen machten ihn rasend, die Worte zu eigenen Zwecken verfälschten, bogen und missbrauchten. Den sprachgewaltigen Schriftsteller, geboren 1874 in Böhmen, gestorben 1936 in Wien, hat der Schauspieler Karl Markovics bei den Festtagen im Festspielhaus Bregenz zum Leben erweckt; die passende akustische Kulisse stellten die Neuen Wiener Concert Schrammeln auf die Bühne.

Wenn Karl Marcovics mit dem Zeigefinger fuchtelt

Ein köstliches Szenario tut sich im Saal auf, als die vier Musiker in Altwiener Gehröcken hinter ihren Notenpulten Platz nehmen und Karl Markovics zu einem fünften Notenständer tritt, um seine Texte abzulegen. Dann strafft er den Körper, legt die hohe Stirn in Falten, streicht sich mit der linken Hand erst über den grauen Bart und steckt sie anschließend in die Hosentasche. Den rechten Arm reckt er – samt ausgestrecktem Zeigefinger – in die Höhe und fängt zu poltern an. Und zwar über Begriffe in österreichischen Dialekten, die er, also Karl Kraus, schlicht abscheulich findet. Mit Widerwillen und doch genüsslich dehnt Marcovics den Namen der böhmischen Süßspeise „Powidldatscherl“, kaum fassen kann er eine frivole Bezeichnung für weibliche Brüste als Objekt der männlichen Begierde. Dreimal nimmt er Anlauf, ehe es ihm gelingt, das verhasste Wort auszuspucken: „Gspaßlaberln!“ Solch unsensible Formulierung drückt in seinen Augen „die Beziehung des Hausmeisters zum Eros“ aus.

Aberwitzige Betrachtungen entwickelt Karl Kraus aus scheinbar unwesentlichen Beobachtungen. „Ich habe den Schlusspunkt der Burgtheaterherrlichkeit entdeckt!“, behauptet er und sucht in ausladenden Erklärungssträngen den Sinn eines Punkts, den er am Ende des steinernen Namenszugs am prominenten Gebäude ausgemacht hat. Die Verkehrssicherheit, so mutmaßt er, könnte der Hintergrund des eigentlich überflüssigen Punktes sein. Denn er verhindere, dass die Menschen hinter dem Titel „K.u.K. Hofburgtheater“ immer weiter lesen und immer weiter - und dabei nahende Gefahren übersähen. Kraus’ komplizierte, kaum enden wollende Satzkonstruktionen erzeugen Spannung noch beim banalsten Thema – vor allem, wenn Karl Marcovics es mit stechendem Blick, sich fast überschlagender Stimme und einer wütenden Vehemenz erörtert, als hätte er eine Klasse begriffsstutziger Viertklässler vor sich.

Eine Satire wächst zur Wirklichkeit heran

Die Eigenheiten der Österreicher, speziell der Wiener, rückt Kraus besonders gerne in den Fokus. Er geizt nicht mit Spott und Verachtung, wenn er sich geschwätzige Leute im Kaffeehaus oder Wichtigtuer in der Ämterhierarchie vornimmt. Seine Waffe ist neben der Sprachkunst eine messerscharfe Beobachtungsgabe. Humor hilft ihm, unselige Entwicklungen zu benennen und zu ertragen: „Ich freu’ mich immer, wenn eine Satire, die ich schon kannte, wie sie noch so klein war...“, hier senkt Karl Markovics die Hand etwa zur Höhe seines Knies, „....zur Wirklichkeit heranwächst“.

Die Neuen Wiener Concert Schrammeln lassen sich inspirieren von Ironie und Witz des Karl Kraus. Sie geben sich als Freigeister, wenn sie sich mit zwei Geigen, einer Knopfharmonika und einer Kontragitarre Kompositionen verschiedenster Stile zurechtbiegen, sodass sie am Ende immer irgendwie in ein Kaffeehaus, ein Praterbeisl oder ein Heurigenlokal passen. Mit Kreativität, Virtuosität und Spielfreude gelingt ihnen dies von der Tannhäuser-Ouvertüre bis hin zum Jazzstandard „All Blues“ von Miles Davis.