Kunstpreis

Preisträgerin Carin Stoller:„Nur abmalen interessiert mich nicht“

Carin Stoller erhält in Kempten den Thomas-Dachser-Gedenkpreis für ein zweiteiliges Stillleben.

Carin Stoller erhält in Kempten den Thomas-Dachser-Gedenkpreis für ein zweiteiliges Stillleben.

Bild: Ralf Lienert

Carin Stoller erhält in Kempten den Thomas-Dachser-Gedenkpreis für ein zweiteiliges Stillleben.

Bild: Ralf Lienert

Seit drei Jahrzehnten befasst sich die Lindenbergerin mit Stillleben, jetzt bekommt sie einen wichtigen Preis. Wie die Malerin Farben zum Leuchten bringt.
08.08.2020 | Stand: 11:45 Uhr

Im vergangenen Jahr wurden ihre für die Festwochenausstellung in Kempten eingereichten Werke abgelehnt, nun gehört sie zu den Preisträgerinnen der „Kunst aus dem Allgäu 2020“ genannten Schau: Carin Stoller erhielt für ein zweiteiliges Stillleben den mit 4000 Euro dotierten Dachser-Gedenkpreis. Die gebürtige Lindenbergerin, die Kunsterziehung und Freie Malerei studiert hat, widmet sich dem Thema seit Jahrzehnten. Sie lebt in München und Lindenberg und hat in beiden Städten ein Atelier. Im Interview erzählt die 70-Jährige, wie sie eigentlich reglosen Gegenständen beim Malen Leben einhaucht und wie sie ihre Motive findet.

Frau Stoller, Sie haben in Kempten den Dachser-Gedenkpreis erhalten. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Carin Stoller: Das bedeutet mir viel – weil ich noch nie für meine Kunst so einen Preis bekommen habe. Ich male natürlich bei jedem Bild so gut ich kann, und es ist eine wunderbare Bestätigung von außen, wenn das jemand erkennt.

Seit fast 30 Jahren malen Sie Stillleben. Was fasziniert Sie an diesem Thema?

Stoller: Ich beschäftige mich gerne mit Raum und Farben in meiner Malerei. Stillleben ist ein perfekter Anlass, das zu vertiefen. Bei Gläsern zum Beispiel bricht sich das Licht, und es gibt noch mehr Raum. Das finde ich spannend.

Situation erst auf Foto festgehalten

Arrangieren Sie Ihre Bildmotive oder wählen Sie vorgefundene Situationen als Gegenstand für Ihre Kunst?

Stoller: Teils, teils. Manchmal arrangiere ich etwas daheim in der Werkstatt. Ich richte mir Gegenstände so hin, dass es für eine Bildkomposition passt. Manchmal sehe ich etwas, finde es spannend und mache eine Detailaufnahme. In der Regel mache ich ein Foto. Weil es ja oft soziale Situationen sind, zum Beispiel im Café.

Wikipedia definiert Stillleben als „Darstellung toter beziehungsweise regloser Gegenstände“. Ihre Bilder sehen aber alles andere als leblos aus. Wie gelingt Ihnen das?

Stoller: Das kommt von meiner Methode. Die eine Seite ist das Foto, der Anlass. Vollkommen unabhängig davon habe ich meine Untergründe. Ich untermale total abstrakt und starkfarbig. Zwei Lagen Acryl, zwei Lagen Öl. Erst danach entscheide ich, welcher Anlass auf welche Komposition drauf kommt.

Wie wichtig ist Ihnen die exakte Abbildung des Gegenstands?

Stoller: Nur abmalen interessiert mich nicht. Im Lauf des Malprozesses ergibt sich eine Kommunikation: Was will ich von dem Stillleben erhalten und was soll von der Untermalung bleiben? Die Preisträgerbilder entstanden in einem besonderen Lokal: Gläser auf einem schön arrangierten Tisch, eine Bar im Hintergrund, auch darauf Flaschen und Gläser, die die Farbe ganz exquisit gebrochen haben. Neonleuchten und eine glänzende Schale, in der sich das Ganze gespiegelt hat. Da muss ich mich entscheiden: Wie viel nehme ich vom konkreten Vorbild? Manchmal funktioniert diese Kommunikation prima. Und manchmal mache ich etwas, was dem Bild nicht gut tut.

Ihre Bilder zeichnen sich neben dem kräftigen Pinselstrich vor allem durch starke Farben aus. Wie bringen Sie die Farben zum Leuchten?

Stoller: Das hat mit meinen Untergründen zu tun. Ich hasse es, auf eine vorgrundierte weiße Leinwand zu malen. Stattdessen untermale ich starkfarbig. Dadurch wirken die Farben, die ich drauf setze, ganz anders. Gerade arbeite ich an einem Bild, das ich zum Teil dunkelblau, zum Teil orange grundiere. Wenn ich da einen hellblauen Himmel darüber setze, wirkt das jeweils ganz unterschiedlich. Ich liebe Komplementärkontraste, brauche immer ein Rot und ein Grün oder ein Orange und ein Blau. Aber es braucht auch Unfarben wie ein dreckiges Grau, daneben leuchten andere Farben noch viel mehr. Und manchmal braucht es das im Hintergrund, um das Ganze zu beruhigen. Auch das bedeutet Kommunikationsprozess: zu erahnen, was ein Bild braucht.

Was haben Sie in den drei Jahrzehnten erforscht und erlernt, in denen Sie sich mit Stillleben befassen?

Stoller: Am Anfang habe ich viel ungenauer gemalt, undeutlicher. Und vor etwa zehn Jahren hatte ich das Bedürfnis nach geometrischen Formen, die das Bild beruhigen. Das kann eine Tischkante sein, die sich durch das Bild zieht und eher als Streifen wahrgenommen wird.

Kunst prägt den Blick aufs Alltägliche

Im Alltäglichen finden Sie die Impulse für die Kunst. Prägt das Ihren Blick?

Stoller: Ja, man hat als Künstlerin immer den Motivblick. Zum Beispiel diese witzige Teekanne, die ich mal geschenkt bekommen habe. Gerade sehe ich sie auf dem Fensterbrett in einem interessanten Licht. Und ich denke: Die könnte ich mal malen.

Die Jury, die Ihnen den Dachser-Gedenkpreis zugesprochen hat, erklärt in der Begründung, Ihre Ölgemälde seien perfekt ausbalancierte Kompositionen, die „unser Bewusstsein für die Schönheit des Alltäglichen schärfen“. Ist diese Wirkung Zufall oder von Ihnen beabsichtigt?

Stoller: Das ist im gesamten Sujet Stillleben drin. Ich liebe die niederländischen Stillleben aus dem 17. Jahrhundert. Weil man da hinschaut und das Gefühl hat, man kann die Teetasse in die Hand nehmen – und gleichzeitig ist es Malerei.

 

  • Information: Die Ausstellung "Kunst aus dem Allgäu 2020" ist bis 2. Oktober im Alpin-Museum in Kempten zu sehen. Öffnungszeiten bis 16. August täglich von 10 bis 18 Uhr, von 18. August bis 2. Oktober dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr. Eintritt frei.