Kommentar

Tempo 30 in Lindenberg: "Kuddelmuddel" ist Politik von gestern

Die wechselnde Beschilderung in der Innenstadt löst bei vielen Bürgern Kopfschütteln aus.

Die wechselnde Beschilderung in der Innenstadt löst bei vielen Bürgern Kopfschütteln aus.

Bild: Benjamin Schwärzler

Die wechselnde Beschilderung in der Innenstadt löst bei vielen Bürgern Kopfschütteln aus.

Bild: Benjamin Schwärzler

Das Tempo 30 in Lindenberg ist nötig. Warum die jetzige Lösung trotzdem keinen zufriedenstellen kann.
03.10.2020 | Stand: 07:00 Uhr

Die Diskussionen um Tempo 30 in Lindenberg kommen nicht unerwartet. Bei dem Thema gehen die Emotionen schnell mal hoch. Viele Autofahrer lassen sich ungern bremsen – auch innerorts nicht. Lindenberg macht da keine Ausnahme.

Lärm überschreitet Werte, ab denen Gesundheit gefährdet ist

Dabei gibt es gute Gründe für Tempo 30 entlang von Pfänder- und Hauptstraße. Seit vielen Jahren steigt dort die Verkehrsbelastung. Sie hat die Grenze des Zumutbaren längst überschritten. Die lärmgeplagten Anwohner haben nicht nur einen moralischen Anspruch auf Entlastung, sie haben schlicht ein Recht darauf. Denn die Lärmwerte überschreiten Werte, ab denen die Gesundheit gefährdet ist. Das sollten Bürger im Kopf haben, die in ruhigen Wohnvierteln der Stadt leben. Tempo 30 kostet bei der Fahrt durch die Stadt kaum Zeit und es wirkt. Das belegen zahlreiche Studien. Und das bestätigen auch viele Anwohner, die nach den ersten Wochen von einer spürbaren Entlastung berichten.

Siebenmal Tempowechsel in Lindenberg

Trotzdem kann das, was in Lindenberg ausgeschildert ist, kaum jemanden befriedigen – Oberbürokraten einmal ausgenommen. Auf der Hauptverkehrsachse wechselt auf zwei Kilometern Länge siebenmal die Geschwindigkeit. Die Tempo-30-Regelungen vor Kindergarten und AWO-Heim machen es nicht übersichtlicher: Sie gelten zu unterschiedlichen Zeiträumen des Tages. Wer direkt durchs Zentrum fährt, kann es auf die Spitze treiben: 50 km/h, 20 km/h, 30 km/h, 50 km/h, 30 km/h, 50 km/h, 30 km/h, 50 km/h. Und das auf einer Länge von wenig mehr als einem Kilometer.

Die vielen Schilder lassen sich mit gesetzlichen Bestimmungen erklären. Mit klarem Menschenverstand haben sie allerdings nichts zu tun.

Wie es besser geht, zeigen viele Städte und Gemeinden in Württemberg. Dort gibt es auch entlang von Hauptverkehrsstraßen durchgängig Tempo 30, oft ganztags, zumindest aber spätabends und in der Nacht. Geplant war so eine Beschränkung anfangs auch in Lindenberg – Verwaltung und Räte standen geschlossen dahinter. Dass es jetzt ein Kuddelmuddel gibt, liegt an der Blockade der zuständigen Behörden – Regierung und Landratsamt. Im Autoland Bayern ist Tempo 30 auf Staats- und Bundesstraßen immer noch unerwünscht. Das entspricht einer Verkehrs- und Siedlungspolitik von gestern und vorgestern.

Lindenberg noch weit entfernt von gleichberechtigtem Verkehr

Städte werden heute zunehmend als Lebensraum verstanden. Straßen haben da eine „dienende“ Funktion. Dem entsprechen Verkehrskonzepte, die nicht vorrangig aufs Auto setzen, sondern ein gleichberechtigtes Miteinander von Auto-, Radfahrern und Fußgängern. Davon ist auch die Stadt Lindenberg noch weit entfernt.

So viel zu dem Mittelzentrum. Schwer verständliche Verkehrsregelungen gibt es im Westallgäu allerdings auch außerorts. Beispiel Scheidegg: Zwischen der Ortseinfahrt am Kurhaus und dem Ortsteil Forst – das ist ein Kilometer – wechseln die Geschwindigkeitsvorgaben viermal. Erlaubt sind mal 50, mal 60, mal 80 dann wieder 100 km/h. Auch dort haben das die Verkehrsbehörden so entschieden – gegen die Vorstellungen der Gemeinde, die sich eine durchgängige Begrenzung gewünscht hatte. Auch an dieser Stelle gilt offenbar das Motto: Hauptsache, den Bestimmungen ist Genüge getan.