Flutkatastrophe

Ehepaar aus Ahrweiler macht Urlaub im Westallgäu: „Das Wasser stand 1,50 Meter hoch im Wohnzimmer“

Karrer

Das Ehepaar Appel aus Ahrweiler (links) hat bei Katharina Karrer und ihrem Mann Ernst Urlaub gemacht – und zwar kostenlos. Bürgermeister Tobias Paintner (rechts) und Gästeamtsleiter Sebastian Koch (Zweiter von rechts) hießen die Gäste mit Blumen und einem Essensgutschein in der Gemeinde willkommen. Organisiert hat die Aktion der Verein Gastgeber mit Herz.

Bild: Anna Feßler

Das Ehepaar Appel aus Ahrweiler (links) hat bei Katharina Karrer und ihrem Mann Ernst Urlaub gemacht – und zwar kostenlos. Bürgermeister Tobias Paintner (rechts) und Gästeamtsleiter Sebastian Koch (Zweiter von rechts) hießen die Gäste mit Blumen und einem Essensgutschein in der Gemeinde willkommen. Organisiert hat die Aktion der Verein Gastgeber mit Herz.

Bild: Anna Feßler

Ehepaar Appel aus Ahrweiler macht kostenlos Urlaub bei Familie Karrer in Weiler im Westallgäu und kann sich hier etwas von der Flutkatastrophe erholen.
03.11.2021 | Stand: 07:07 Uhr

„So ungern bin ich noch nie nach Hause gefahren“, sagt Brigitte Appel und ihr Mann Hans Leo nickt. Denn ihr Zuhause befindet sich im Moment im Rohbau – und in der Nachbarschaft sieht es ganz ähnlich aus. Ihr Haus, in dem das Ehepaar seit rund 40 Jahren lebt, ist kaum wiederzuerkennen. Es steht in der Stadt Ahrweiler, die im Sommer bei einer Flutkatastrophe stark zerstört worden ist.

Gastgeber mit Herz bieten kostenlose Übernachtungen

Der Allgäuer Verein Gastgeber mit Herz, bei dem auch Westallgäuer Vermieter Mitglied sind, hat für Menschen, die bei der Flutkatastrophe alles verloren haben, kostenlose Übernachtungen im Allgäu organisiert. Die Idee stammt von der Vorsitzenden Marget Hohberger aus Bolsterlang. „Ich hatte Gäste aus Erftstadt, die erzählt haben, was bei ihnen los ist. Da musste ich etwas tun“, sagt Hohberger. Daraufhin hat sie die 140 Mitglieder des Vereins angeschrieben und gefragt, wer seine Zimmer oder Ferienwohnungen für Opfer der Flutkatastrophe zur Verfügung stellen würde. „Am nächsten Tag hatte ich 120 Zusagen“, sagt Hohberger. Auch Katharina und Ernst Karrer aus Weiler haben sich spontan gemeldet. „Wir haben doch alles, die Opfer der Flutkatastrophe haben nichts“, sagt Katharina Karrer. „Wir wollten helfen, und so wissen wir, dass unsere kleine bescheidene Hilfe auch ankommt. Das finde ich besser als anonyme Geldspenden“, ergänzt ihr Mann Ernst. Seit über 40 Jahren vermietet das Ehepaar zwei Appartements und zwei Doppelzimmer in der Marktgemeinde. Bei über 40 weiteren Vermietern im Allgäu konnten sich Menschen aus dem Hochwasser-Gebiet erholen. (Lesen Sie auch: Scheidegger Feuerwehrler wollen Flutopfern im Ahrtal helfen)

In der Rheinzeitung hat das Ehepaar Appel von der Aktion der „Gastgeber mit Herz“ gelesen und sich beworben. „Der Urlaub hier hat sehr gut getan“, sagt Brigitte Appel. Vermutlich noch ein knappes Jahr wird es dauern, bis sie wieder zurück in ihr Haus ziehen können. Derzeit wohnen sie in einer kleinen Dachgeschosswohnung in der Nachbarschaft.

Nach der Flutkatastrophe: Kein Strom, kein Wasser, keine Heizung

„Es ist schwer auszuhalten, unser schönes Tal so zu sehen“, sagt Brigitte Appel. Die Bilder und Erzählungen des Paars sind kaum vorstellbar: „Wir mussten vom Obergeschoss aus zusehen, wie die Autos davongetrieben sind“, berichtet Hans Leo Appel. Um halb 12 Uhr nachts ging das Licht aus. „Es ging alles ganz schnell: In einer halben Stunde stand das Wasser 1,50 Meter hoch in Wohnzimmer“, erzählt Appel. Zwei Wochen lang hatten sie weder Strom noch Wasser. Und noch immer funktioniert die Heizung nicht. „Wir haben uns die ersten Tage mit Wasser aus Sprudelflaschen gewaschen“, sagt Hans Leo Appel.

130 Menschen snd an der Ahr ums Leben gekommen

Über 130 Menschen sind an der Ahr ums Leben gekommen. Auch in der direkten Nachbarschaft des Ehepaars Appel starben drei Menschen. „Sie sind im Keller oder Erdgeschoss von der Flut überrascht worden“, sagt Hans Leo Appel.

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Doch manche ihrer Erzählungen machen auch Hoffnung: So berichtet das Ehepaar von vielen Helfern, die mit angepackt haben. „Am Morgen nach der Flutkatastrophe stand plötzlich ein Firmenlaster aus Zelle in unserer Straße und ein Mann hat gefragt, ob er helfen kann“, erzählt Hans Leo Appel.

Dass auch noch mehr Vermieter ihre Zimmer und Ferienwohnungen zur Verfügung stellen, hofft Katharina Karrer. Auch beim Verein Gastgeber mit Herz vermittelt Hohberger weiterhin Gäste aus dem Flutgebiet. Unter den Vermietern sind nicht nur Mitglieder ihres Vereins. „Als die Aktion bekannt wurde, haben sich auch noch andere gemeldet, dabei sind auch große Hotels“, sagt Hohberger.

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