Der Zweite Weltkrieg im Allgäu

Zwangsarbeit im Landkreis Lindau: Mitleid war nicht erlaubt

Dieses Foto zeigt Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die in den Jahren 1943 und 1944 in Hergatz eingesetzt waren.

Dieses Foto zeigt Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die in den Jahren 1943 und 1944 in Hergatz eingesetzt waren.

Bild: Sammlung Karl Schweizer (Repro)

Dieses Foto zeigt Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die in den Jahren 1943 und 1944 in Hergatz eingesetzt waren.

Bild: Sammlung Karl Schweizer (Repro)

Während des Zweiten Weltkriegs schufteten 1285 Frauen, Männer und Jugendliche, die aus Kriegsgebieten verschleppt worden waren. Wer davon profitierte.
27.01.2021 | Stand: 12:05 Uhr

Vor 25 Jahren hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum jährlichen deutschen Gedenktag für die Opfer des NS-Regimes erklärt. Das Datum wählte er, weil an diesem Tag im Jahr 1945 die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreit hat. Über Zwangsarbeiter im Landkreis Lindau hat der Lindauer Historiker Karl Schweizer geforscht. In einem Text lässt er auch eine Zeitzeugin zu Wort kommen, die in einem Lager im Westallgäu lebte.

Die Zwangsarbeiter waren in der Landwirtschaft, in Betrieben und bei der Bahn eingesetzt

Laut Karl Schweizer mussten im Landkreis insgesamt 1285 Männer, Frauen und Jugendliche als Zivilisten oder Kriegsgefangene Zwangsarbeit leisten. Sie waren in der Landwirtschaft, in Betrieben und bei der Bahn eingesetzt. Im Westallgäu listet Karl Schweizer folgende Orte mit Zwangsarbeiterlagern auf: Ebratshofen (75 Menschen), Scheidegg (70), Wohmbrechts (65), Hergatz Bahnhof (55), Hergensweiler (55). „Drei männliche Zwangsarbeiter arbeiteten im Bereich des Bahnhofes Röthenbach“, schreibt Karl Schweizer. „Für Krafts Velveta-Schmelzkäsefabrik in Lindenberg mussten zuerst italienische und dann auch US-amerikanische Kriegsgefangene arbeiten.“

Anna Terres aus der Sowjetunion arbeitete bei der Deutschen Reichsbahn in und um Hergatz im Jahr 1943. Sie erzählte Jahre später, wie sie an einem Sonntag mit einer Freundin unerlaubt zu Fuß nach Wangen lief, um von dort per Zug zu einem Gottesdienst im griechisch-orthodoxen Ritus nach Leutkirch zu fahren. Zur Strafe mussten beide Frauen einen ganzen Monatslohn, je 40 Reichsmark, abgeben.

Schlechtes Essen führt zu einem Streik

Das von Schlachters her gelieferte, schlechte Essen führte zu einem Streik. In Anna Terres’ Schilderungen heißt es: „Weil es im Herbst 1943 so warm war und unser Essen nicht gekühlt wurde, begann das Essen in den Kübeln zu gären. Das hat so stark gegärt, dass man es nicht mehr essen konnte. Daraufhin streikten wir in Hergatz. Wir sagten, dass wir dieses verdorbene Essen nicht essen. Weil wir streikten, bekamen wir auch kein Brot…“.

Lager waren mit Stacheldraht umzäunt und bewacht

In Lindau nennt Schweizer mehrere, meist mit Stacheldraht umzäunte und bewachte Lager, in denen während des Kriegs insgesamt 770 Menschen lebten. Die Stadt unterhielt ein solches Lager gemeinsam mit der Deutschen Arbeitsfront östlich der Kamelbuckelbrücke, ein Dornierlager war an der Leiblach im Bereich der heutigen Autobahnbrücke errichtet worden, ein zweites südlich der Firma in Rickenbach.

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Als Herkunftsländer der in der Mehrzahl gegen ihren Willen verschleppten Menschen gibt Karl Schweizer an: Sowjetunion, Polen, Jugoslawien und Frankreich. Nach dem Sturz des Mussolini-Faschismus’ in Italien im Herbst 1943 und der folgenden Besetzung eines Großteils des Landes durch deutsche Truppen seien italienische Militärinternierte hinzugekommen, vor allem im Lager an der Leiblach.

Neben Bauernhöfen, wo während des Kriegs oft die Männer fehlten, profitierten laut Schweizer folgende Lindauer Firmen von der Arbeitskraft dieser Frauen und Männer: Dornier, Wankel, Escher Wyss, Egger, Volta und Elektra sowie die Gleisbauabteilung der Reichsbahn, außerdem in Schlachters die Obstverwertung Geiger.

Freundschaften oder Mitleid wurden bestraft

Mitleid mit den Zwangsarbeitern duldeten die Machthaber nicht. Historiker Schweizer verweist auf Anzeigen in den damaligen Ausgaben des „Tagblatt“ sowie des „Anzeige-Blatt für das westliche Allgäu“, in denen Partei- und Staatsstellen der Bevölkerung „rassistische und hetzerische Anweisungen“ gab. So stand in einer Ausgabe vom 19. Mai 1943: „Die Kriegsverhältnisse bringen es mit sich, dass auch im Kreis Lindau gegenwärtig zahlreiche Fremdarbeiter in der Wirtschaft beschäftigt werden. Diese Fremdarbeiter sind nicht unseres Blutes und unserer Art … Mit den Ostarbeitern haben wir nichts gemeinsam, und Gefühlsduselei würde als Unsicherheit und Schwäche ausgelegt (…) Das schwerste Vergehen aber, was es als Sünde wider das Blut geben kann, ist der Verkehr zwischen Deutschen und Ostarbeitern (…) Wer das deutsche Blut besudelt, schaltet sich selbst aus der Volksgemeinschaft aus.“ Am Lindauer Klosterweiher im Bereich des heutigen Golfplatzes Schönbühl wurde 1944 der junge polnische Zwangsarbeiter Iwan Baczic von den Lindauer NS-Schergen erhängt, weil er sich in die Tochter eines Motzacher Bauern verliebt hatte.

Die Drohungen der Nazis konnten nicht jeden persönlichen Kontakt der einheimischen Bevölkerung mit den Zwangsarbeitern vermeiden. Vereinzelt entstanden sogar Freundschaften, die weit über die Kriegsjahre hinaus hielten. Entsprechende Erzählungen gibt es etwa von Westallgäuer Bauernfamilien, bei denen Zwangsarbeiter untergebracht oder eingesetzt waren.

„Nach der Befreiung und Besetzung Lindaus am 30. April 1945 kamen die letzten dieser gepeinigten Menschen wieder frei“, erklärt Schweizer. Im Kamelbuckellager hielt die französische Besatzungsmacht nun bisherige NS-Größen und einen Teil ihrer Helfershelfer aus dem ganzen Kreisgebiet fest. Der fliehende bisherige NSDAP-Kreisleiter Johann Vogel ist laut Schweizer am 1. Mai 1945 bei Einöd westlich Hergensweiler von frei gekommenen und inzwischen bewaffneten bisherigen Zwangsarbeitern erschossen worden. Vogel habe mit einer Pistole gedroht.

Auf dem Friedrichshafener Friedhof gibt es ein Ehrenfeld

Auf dem Friedrichshafener Friedhof wurde 1950 ein sowjetisches Ehrenfeld eingerichtet. Unter den 453 dort beerdigten ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sind auch zehn Frauen und Männer aus der Stadt Lindau sowie neun weitere aus dem Landkreis, welche das NS-Regime nicht überlebt hatten.

Informationen zum Thema

  • Eine Gedenksäule mit Informationen zu NS-Zwangsarbeitern in Lindau und Umgebung richtet die Stadt Lindau ein. Sie soll am 27. Januar offiziell eingeweiht werden, pandemiebedingt in kleinem Kreis.
  • Literatur: „Verfolgung, Flucht und Widerstand im Landkreis Lindau 1933 - 1945“ von Karl Schweizer, herausgegeben vom Landkreis Lindau. Erhältlich im örtlichen Buchhandel.

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