Beim Dreh 1943 im Allgäu

Heinz Rühmanns eigenartige Rolle

AZ

Der Beitrag im Allgäuer Geschichtsfreund, Nr. 116, zeigt eine Szene der "Quax"-Dreharbeiten am Bahnhof Oy-Mittelberg.

Bild: Ralf Lienert

Der Beitrag im Allgäuer Geschichtsfreund, Nr. 116, zeigt eine Szene der "Quax"-Dreharbeiten am Bahnhof Oy-Mittelberg.

Bild: Ralf Lienert

1943 dreht der berühmte Schauspieler eine Komödie um den Piloten „Quax“ im Allgäu. Wegen des Zweiten Weltkriegs gerät die Produktion des Fliegerfilms ganz schön in Turbulenzen. Ein Historiker hat sich nun mit der Entstehung, Produktion und Aufführung des propagandistisch angehauchten Films in der NS-Zeit beschäftigt.
20.12.2016 | Stand: 18:32 Uhr

Noch heute sind die Filmkomödien, in denen Schauspieler Heinz Rühmann als Otto Groschenbügel alias „Quax“ vor der Kamera stand, vielen Allgäuern bekannt. Die Premiere von „Quax, der Bruchpilot“ fand am Dezember 1941 in Hamburg statt. Schnell wurde der Ruf nach einer Fortsetzung laut. Aus dem Drehbuch „Quax auf Abwegen“ wurde „Quax in Fahrt“. Rühmann, der nicht nur Hauptdarsteller sondern auch Produzent war, drehte den Film mit seinem Team von Juli 1943 bis Januar 1944 in Durach und Oy-Mittelberg sowie in Brandenburg. Die Uraufführung fand aber erst acht Jahre nach Kriegsende am 22. Mai 1953 statt – unter dem Titel „Quax in Afrika“.

In der neuen Ausgabe des „Allgäuer Geschichtsfreunds“ schreibt der aus Kempten stammende und in München lebende Historiker Dr. Gerhard Hölzle ausführlich über die Entstehung, Produktion und Aufführung des propagandistisch angehauchten Films in der Zeit der Nationalsozialisten.

Dabei berichtet er auch über die Verzögerungstaktik von Rühmann und seinem Team im Kriegsjahr 1943: „Es war ein Bilderbuchsommer. Normalerweise hätte die Arbeit schnell vorangehen müssen.“ Aber Kameramann Ewald Daub verstand es, die Dreharbeiten zu verlängern: „Nirgends ein Wölkchen zu sehen. Tut mir sehr leid, aber so drehe ich nicht. Das gibt ja kein künstlerisches Bild. Ich brauche Wolken.“ Das Team erkannte schnell den Sinn dieser Kunstbeflissenheit. Der wahre Grund wurde aber nie ausgesprochen. „Aber ein großes Zwinkern des Einverständnisses gab es unter allen“, schrieb Schauspielerin Bruni Löbel später.

Historische Aufnahme: Heinz Rühmann und seine Frau Herta Feiler hier beim Dreh auf dem Flugplatz Kempten-Durach.
Historische Aufnahme: Heinz Rühmann und seine Frau Herta Feiler hier beim Dreh auf dem Flugplatz Kempten-Durach.
Bild: Ralf Lienert

Das Damoklesschwert des Kriegsdienstes

Zum Team gehörten immerhin 60 Frauen und Männer. Abkommandierungen an die Front waren ein großes Thema für die Quax-II-Produktion. So war beispielsweise Standfotograf Hans Schaller als Kriegsberichterstatter bei der Luftwaffe in Münster. So wie Schaller waren viele Schauspieler für die Zeit der Dreharbeiten freigestellt, danach mussten sie zurück auf die Schlachtfelder. Damit schwebte über den Dreharbeiten das Damoklesschwert des Kriegsdienstes.

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Im Herbst 1943 holte der Krieg den sommerlichen Filmspaß ein, wie sich Löbel erinnert: „Die Einberufungen waren nicht mehr aufzuhalten. Als wir vom ersten Gefallenen unserer Flugschüler-Clique hörten, war mir, als hätte ich einen kleinen Bruder verloren.“

Der Fliegerfilm wurde zum Teil auf dem Flugplatz in Durach gedreht, weil das Allgäu damals als relativ sicher galt. Der Bahnhof Oy-Mittelberg diente als Kulisse für den Bahnhof „Bergried“, und in der Schlussszene des Films steigen die drei Hochzeitspaare in drei Flugzeuge, die auf dem Marktplatz vor dem geschmückten Rathaus in Wangen warten, um dem Eheglück entgegenzufliegen. Hölzle untersucht in seinem Beitrag auch die Rolle des populären Heinz Rühmann an der Entstehung der Quax-Filme und kommt zu dem Schluss: „Auf dem Hintergrund des Kriegs – der Kriegswichtigkeit ist alles unterworfen – lässt sich Rühmanns Handeln, opportunistisch nennen.“ Gleichzeitig entlastet Hölzle Rühmann auch: Dieser habe Quax am Ende wieder zum Zivilisten zurückkehren lassen. „Eine mutige Wende vor den Augen der Mächtigen.“

Erst nach dem Krieg im Kino

Die NS-Zensur gibt den 95-minütigen Spielfilm am 1. Februar 1945 frei. Uraufgeführt wird er freilich nicht mehr. Die Komödie wird zum „Überläufer“; das sind Filme, die unter Nazi-Bedingungen gedreht wurden und erst nach dem Krieg ins Kino kamen. Das war in diesem Fall acht Jahre später unter dem neuen Titel „Quax in Afrika“ und nur unwesentlich gekürzt. Werbung für den Film machte eine Broschüre, die Heinz Rühmann und Hertha Feiler in Fliegermontur zeigt.

Für die deutsche Filmindustrie diente die Uraufführung des Überläufers der Finanzierung neuer Filme. „Dabei nahm man offensichtlich ohne große Überlegung die erneute Reproduktion tradierter Wahrnehmungshaltungen des NS-Films in Kauf“, schreibt Hölzle. Die ursprüngliche Absicht der Besatzungsmächte, keine eigenständige deutsche Filmproduktion zuzulassen, wich der Einsicht, dass die Deutschen deutsche Filme sehen wollten – nur nicht solche, die sich mit der NS-Geschichte befassten. Denn, so Hölzle: „Der Wiederaufbau sollte schnell, unbelastet und vor allem ohne Erinnerung vonstatten gehen.“