Groteske Satire am LTS

Kampf der Kulturen vor dem Kreißsaal

Derb, aber gar nicht peinlich geht es in der neuen LTS-Produktion "Vorhaut" zu: Das Stück wird im Juni noch fünfmal im Großen Haus in Memmingen aufgeführt.

Derb, aber gar nicht peinlich geht es in der neuen LTS-Produktion "Vorhaut" zu: Das Stück wird im Juni noch fünfmal im Großen Haus in Memmingen aufgeführt.

Bild: Landestheater Schwaben/Forster

Derb, aber gar nicht peinlich geht es in der neuen LTS-Produktion "Vorhaut" zu: Das Stück wird im Juni noch fünfmal im Großen Haus in Memmingen aufgeführt.

Bild: Landestheater Schwaben/Forster

Am Landestheater Schwaben in Memmingen herrscht unter der neuen Intendantin Kathrin Mädler ein frischer Wind. Bisweilen geht es jünger, schriller und provokanter zur Sache, wie die grell-groteske Beschneidungssatire "Vorhaut" beweist. Ein überzeichneter Kampf der Kulturen über alle Schamgrenzen hinweg, der trotzdem niemals peinlich wirkt. Vom Publikum gab's deshalb zurecht tosenden Applaus, wie unsere Autorin Brigitte Hefele-Beitlich findet.
06.06.2017 | Stand: 17:53 Uhr

Allein Sandro Sutalos grandiose Performance von John Lennons Friedenshymne "Imagine" wäre den Besuch dieses Abends im Landestheater Schwaben schon wert gewesen. Dieser Gänsehaut erzeugenden Vision einer Welt ohne Länder- und Religionsgrenzen, in der alle Menschen eins sind.

Doch noch sind wir weit entfernt davon. Wie irrwitzig der Zusammenprall von Sitten und Gebräuchen in einem multikulturellen Schmelztiegel wie Berlin-Neukölln sein kann, führt die grell-groteske Beschneidungssatire "Vorhaut" von Necati Öziri, Miraz Bezar und Tunçay Kulaoglu vor Augen, deren Premiere in Memmingen jetzt vom Publikum regelrecht gefeiert wurde. 

Regina Vogel (Marianna Schwenzer), Christian Bojidar Müller (Abraham Benjamin Schneider) und Claudia Frost (Ela Bülükoglu, v. l.)  liefern sich eine hitzig-wortreiche Debatte.
Regina Vogel (Marianna Schwenzer), Christian Bojidar Müller (Abraham Benjamin Schneider) und Claudia Frost (Ela Bülükoglu, v. l.) liefern sich eine hitzig-wortreiche Debatte.
Bild: Landestheater Schwaben/Forster

"Um Gottes Willen" steht in großen Lettern zwischen bunten Lämpchen wie in einem Revuetheater über der Bühne - und das ist nicht die einzige Doppeldeutigkeit in dieser boulevardesken Farce, die ohne Berührungsängste auch nicht vor dem derbsten Witz zurückschreckt. Sie spielt an einem Silvesterabend in einem Berliner Krankenhaus, wo Schwester Schwenzer (Regina Vogel) und Oberärztin Jasmin Tarak (Elisabeth Hütter) bereits die Sektkorken knallen lassen. Doch mit der ruhigen Nachtschicht ist es schnell vorbei, als die hochschwangere Ela Bülükoglu (Claudia Frost) mit ihrer Familie im Schlepptau zur Entbindung anrückt.

Diskriminierungen und Typisierungen als konzeptioneller Bestandteil

Das Publikum ist durch eine Durchsage aus dem Off schon vorgewarnt, dass "Diskriminierungen und Typisierungen konzeptioneller Bestandteil dieser Inszenierung" sind. Und lässt sich umso bereitwilliger ein auf diesen Heidenspaß in einem kahlen Warteraum, den Chefausstatter Ulrich Leitner genauso geschmacklos gestaltet hat, wie ihn wohl jeder schon einmal in einer Klinik erlebt hat.

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Herrlich bunt ist dagegen das Personal in diesem munteren Spiel mit Glaubens- und Geschlechterrollen samt diverser Coming-Outs, in dem jeder mit großer Lust an der Komödie aufdreht - ohne je zu überdrehen: Elas Macho-Bruder und Muckibuden-Fan Abraham B. Schneider (Christian Bojidar Müller), ein zum Judentum konvertierter heimlicher Hegel-Leser. Schwager und palästinensischer Immobilienmakler Mohammed Habibi Nassir (Sandro Sutalo), tagsüber braver Familienvater, nachts Transvestiten-Prinz Murrat, der vom ersten Christopher Street Day in Ramallah träumt.

Und Mutter Elif Bülükoglu, toughe Witwe und so etwas wie die Patin des Clans, die zwar kiloweise eingelegte Weinblätter anschleppt, aber sich mehr für Wlan und ein Dating-Portal interessiert, als die Wehen ihrer Tochter. Einig sind sich natürlich alle, dass der Stammhalter beschnitten werden soll.

Dialoge aus realer Debatte

Bis Kindsvater, Klinikclown und "Bio-Deutscher" Christian Eichelmann (Jens Schnarre) kundtut: "Mein Sohn wird nicht beschnitten!" Die hitzige Debatte, die sich nun um ein Hautzipfelchen des noch Ungeborenen entspinnt, ist übrigens auch gespeist von Dialogen, die geführt wurden, als 2012 in Deutschland das Verbot religiöser Beschneidungen von minderjährigen Jungen diskutiert wurde. Auch wenn die Autoren das Stück 2014 nach einem zufälligen Gespräch an einer Theater-Bar über ihre eigenen Beschneidungen geschrieben haben.

Wenn du deinen Sohn beschneiden lässt, verzeih ich dir den Holocaust.

Jedenfalls wird der Kampf der Kulturen vor dem Kreißsaal über alle Schamgrenzen hinweg ausgefochten, mit Wortwaffen von "Die Vorhaut meines Sohnes ist der letzte Schutzwall Europas" bis hin zum Erpressungsversuch "Wenn du deinen Sohn beschneiden lässt, verzeih ich dir den Holocaust." Jeder Blick, jede Geste sitzt in diesem temporeichen Schlagabtausch voller Gags und Anspielungen, die schließlich ins Leere laufen, als das Kind endlich da ist: es ist ein Hermaphrodit.

Lange und ausgelassen bejubelt das Publikum diese herrlich politisch unkorrekte Realsatire, die trotz ihrer derben Witze nie peinlich wurde, weil Oberspielleiter Peter Kesten den sehr klugen Humor des türkischstämmigen Autoren-Trios mit großartigen Schauspielern ebenso klug in Szene gesetzt hat.