Viele Firmen und Privathaushalte in Bayern müssen sich trotz geplanter Milliardenentlastungen der Bundesregierung auf anhaltend hohe Stromkosten einstellen. Nachdem die Koalition ihre versprochene Senkung der Stromsteuer kippte, werden viele Haushalte in Bayern außerhalb der großen Städte auch kaum von der nun geplanten Entlastung bei den sogenannten Netzentgelten profitieren. Diese Abgaben machen knapp ein Drittel des Preises auf der Stromrechnung aus.
Die Senkung der Netzentgelte könne für Verbraucher und Unternehmen regional unterschiedlich ausfallen, sagte Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger unserer Redaktion. „Weil in Regionen mit viel vor Ort erzeugtem erneuerbarem Strom weniger über das Übertragungsnetz herangeschafft werden muss, können sich dort die Entlastungen durch die Senkung der Übertragungsnetzentgelte auch geringer auswirken.“
Wolfgang Fritz, Consentec: Ländliche Gebiete mit viel eigener Stromerzeugung könnten profitieren weniger
In Bayern trifft dies laut Fachleuten vor allem auf ländliche Regionen mit vielen Solaranlagen zu. „Die Entlastung kommt in extrem unterschiedlicher Höhe in den Gebieten an“, erklärt Wolfgang Fritz, Chef des Aachener Beratungsunternehmens Consentec, das eine Studie zur Netzentgelt-Entlastung erstellt hat. „Tendenziell werden Netzbetreiber mit ländlichen Flächen und viel an ihr Netz angeschlossener Erzeugung weniger von der Entlastung profitieren als solche in städtischen Gebieten“, erklärt Experte Fritz. „Die Verteilung der Kosten hängt davon ab, wie viel Strom ein regionaler Netzbetreiber aus dem bundesweiten Übertragungsnetz bezieht – und wie viel regional durch Windkraft, Photovoltaik oder sonstige Kraftwerke wie zum Beispiel Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen selbst produziert wird.“

Zuschuss von 6,5 Milliarden Euro für die Übertragungsnetze kommt regional unterschiedlich an
Dies belegen auch Zahlen des Übertragungsnetzbetreibers Amprion: Demnach schwanken die Kosten, die Haushalte durchschnittlicher Größe für die Übertragungsnetze zahlen, bundesweit zwischen 40 und 280 Euro im Jahr. Die Bundesregierung plant laut ihrem Haushaltsentwurf für 2026 einen Zuschuss von insgesamt 6,5 Milliarden Euro für den Betrieb der Übertragungsnetze, um die Strompreise zu senken.
Dadurch könnte der Strompreis laut Berechnungen des Vergleichsportals Verivox im Bundesschnitt um rund 1,6 Cent pro Kilowattstunde sinken, was bei einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden rund 64 Euro Entlastung bedeuten würde. Allerdings betont auch Verivox deutliche regionale Unterschiede.
Hubert Aiwanger: „Der Bund muss endlich zu seinen Zusagen stehen!“
Laut dem Statistischen Bundesamt zahlen die deutschen Privathaushalte mit zuletzt gut 39 Cent die höchsten Strompreise innerhalb der EU – ein Drittel mehr als der europäische Durchschnitt. Wirtschaftsminister Aiwanger fordert eine Senkung der Stromsteuer für alle Verbraucher. „Der Bund muss endlich zu seinen Zusagen stehen!“, betont der Freie-Wähler-Chef. „Nur damit können zuverlässig alle kleineren Unternehmen, Handwerksbetriebe und private Verbraucher gleichmäßig nach ihrem jeweiligen Stromverbrauch entlastet werden.“ Zudem müsse die deutsche Wettbewerbsfähigkeit mit einem Industriestrompreis hergestellt werden.

Auch Consentec-Experte Fritz plädiert für eine gerechtere Entlastung: „Wenn der Bund einen so kostenintensiven Zuschuss vornimmt, sollte er darauf achten, dass dies ausgewogen bei den Verbrauchern ankommt.“ Eine Möglichkeit wäre eine Reduzierung der Offshore-Umlage, von der alle Verbraucher gleichermaßen profitieren würden.
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