Auf allen vieren kriecht er durch den feuchten, unterirdischen Felsgang. Sehen kann er nur, was seine Stirnlampe der Dunkelheit entlockt: Auf diese Weise ist Reiner Augsten ständig unterwegs. Nämlich dann, wenn er wieder auf der Jagd ist. Auf der Jagd nach besonderen Steinen. 3.000 Exemplare seiner Mineralien-Sammlung zeigt er in seiner neuen Ausstellung im Oy-Mittelberger Bahnhof. Am Sonntag (8. Juli) ist Eröffnung.
Noch ist viel zu tun im Oyer Bahnhof. Doch spricht man Augsten auf seine Expeditionen an, gerät er schnell ins Schwärmen. Diesen Bergkristall mit Zinkblende zum Beispiel - er nimmt den Stein aus einer der fertigen Vitrinen - den hat er in Bulgarien gefunden. Jedes Stück birgt eine Geschichte, alle Steine hat er selbst ausgegraben.
Da erlebt man was, das ist manchmal höllisch. Aber genau das macht den Reiz aus.Reiner Augsten
So auch das Exemplar aus Bulgarien. Von einem befreundeten Sammler weiß Augsten, dass solche Steine in alten Bergwerksstollen in dem Grenzgebiet zu Griechenland zu finden sind. Also zieht Augsten los. Vor Ort geht er in eine Bar und fragt: „Ich will in die Bergwerke - wer kann mich führen?“ Am nächsten Morgen um 8 Uhr geht es los. Zuerst vier Stockwerke mit Leitern in den Berg hinab. Dann zwei Stunden durch kniehohes Wasser entlang enger, dunkler Stollen. All das mitsamt 20 Kilogramm Werkzeug im Gepäck. „Überall läuft das Wasser hinunter, es ist totenstill, man hört nur das Tropfen.“
Nach einer inoffiziellen Feier am Samstag ist die „Steinerlebniswelt" ab kommendem Sonntag für Besucher geöffnet. Bisher war die Ausstellung in kleineren Räumen in Pfronten untergebracht.
● Eröffnung am Sonntag, 8. Juli, mit einem Tag der offenen Tür bei freiem Eintritt.
● Eintrittspreise für Erwachsene 3,50 Euro, Familien 8 Euro. Kinder bis zehn Jahre zahlen keinen Eintritt.
● Öffnungszeiten sind bis Ende Oktober täglich von 12.30 bis 18 Uhr, im Winter in den Ferien und auf
Ansage. Die Sommersaison beginnt wieder zwischen Ostern und Pfingsten.
● Adresse Bahnhofstraße 15 in Oy-Mittelberg: Das ist das ehemalige Bahnhofsgebäude.
Das Gestein in der Region ist vulkanischen Ursprungs, einzelne Risse sind mit Erzen gefüllt. Auf solche Spalten hat er es abgesehen. Auf dem Weg kommt er an Stollen vorbei, die bereits eingestürzt sind. „Ein komisches Gefühl.“ Plötzlich tut sich der enge Gang auf: eine riesige Halle. „Darauf habe ich gewartet.“ Dort, wo der Fels glitzert, beginnt Augsten zu graben. Mit Hammer und Meißel. Wo es besonders hart ist, kommt eine Bohrmaschine samt Stromaggregat zum Einsatz. Irgendwann löst sich dann das Stück, das Augsten nun in Oy in der Hand hält. Versunken in Erinnerungen sagt er: „Da erlebt man was, das ist manchmal höllisch. Aber genau das macht den Reiz aus.“
Etwa 3.000 der Steine, die Augsten von seinen Reisen mitgebracht hat, zeigt er nun in 82 Vitrinenfächern im Oyer Bahnhof. Jeder der drei Ausstellungsräume ist einer Region gewidmet, die Böden mit passenden Steinen gefliest. Hinzu kommen Räume mit Informationen und Filmen sowie zwei Verkaufszimmer und eine kleine Gastroeinheit.
Spektakulär werde die Suche dann, wenn sie zum Abenteuer wird. So etwa während einer Fahrt nach Spanien. Gerade erst seilte Augsten mit einem Freund in einen Stollen ab. Auch dort kriechen sie wieder durch einen engen Gang. Plötzlich tut es einen Knall, Augsten wird durch die Erschütterung durchgerüttelt. Draußen im Steinbruch wird gesprengt. Für Augsten und seinen Begleiter im unterirdischen Stollen bedeutete das: Lebensgefahr.
Also nichts wie zurück, am Seil hochgeklettert - und am Ausgang abrupt abgebremst. Dort fliegen den beiden die Steine entgegen, gerade so können sie sich zur Seite ducken.
Ein andermal fällt mitten im Stollen die Batterie der Stirnlampe aus. In ihrem verbleibendem Schimmer erkennt Augsten gerade noch eine dunkle Fläche nur Zentimeter vor sich. Ein Abgrund? Er nimmt einen Stein, streckt ihn nach vorne und lässt ihn fallen. Das Ergebnis? Platsch. Der dunkle Fleck ist eine Pfütze.