Bergsteigen

Unglaublicher Rekord: Dieser Allgäuer stieg 416 Mal auf die Mädelegabel!

Johann Baptist Schraudolph (hier mit seiner Tochter und einer Angestellten) zählt zu den Allgäuer Bergpionieren. 416 Mal stieg er auf die Mädelegabel.

Johann Baptist Schraudolph (hier mit seiner Tochter und einer Angestellten) zählt zu den Allgäuer Bergpionieren. 416 Mal stieg er auf die Mädelegabel.

Bild: Schuhwerk, Familienalbum Ellmann, Montage: Ungar

Johann Baptist Schraudolph (hier mit seiner Tochter und einer Angestellten) zählt zu den Allgäuer Bergpionieren. 416 Mal stieg er auf die Mädelegabel.

Bild: Schuhwerk, Familienalbum Ellmann, Montage: Ungar

Er zählt zu den Allgäuer Berg-Legenden:  Johann Baptist Schraudolph (1826-1908) aus Oberstdorf stieg sage und schreibe 416 Mal auf die Mädelegabel.

20.07.2020 | Stand: 17:23 Uhr

Dieser Artikel stammt aus dem Archiv von allgaeu.life. Er erschien zuerst im Mai 2019. 

Dieses Porträt von "Babischt" Schraudoph hängt heute im Berggasthof Einödsbach.
Dieses Porträt von "Babischt" Schraudoph hängt heute im Berggasthof Einödsbach.
Bild: Familienalbum Ellmann

Für den Oberstdorfer Heimatforscher Eugen Thomma (88) besteht kein Zweifel: "Öfter als Baptist Schraudolph war bis heute kein Mensch auf der Mädelegabel!" Und das ist nicht irgendein Berg, sondern der vierthöchste Gipfel in den Allgäuer Alpen. 2.645 Meter hoch gelegen zählt er zu den berühmtesten Aussichtspunkten in unserer Region. 

Das alte Bauernhaus seiner Familie nannte "Babischt" Schraudolph "Clubhütte". Hier begannen viele seiner Touren. Das Foto stammt aus dem Jahr 1897.
Das alte Bauernhaus seiner Familie nannte "Babischt" Schraudolph "Clubhütte". Hier begannen viele seiner Touren. Das Foto stammt aus dem Jahr 1897.
Bild: Familienalbum Ellmann

Umrahmt von Trettachspitze (2.595 m) und Hochfrottspitze (2.649 m) gehört die Mädelegabel zudem zum viel fotografierten Dreigestirn oberhalb von Einödsbach. Genau in diesem abgeschiedenen Winkel, weit hinten im Stillachtal, wuchs Johann Baptist, der von allen "Babischt" genannt wurde, auf.

"Als uneheliches Kind war er ein armer Tropf. Da war die damalige Zeit knallhart", sagt Heimatforscher Eugen Thomma. Doch der "Babischt" lässt sich nicht unterkriegen. Im Gegenteil: Ihn zieht es hoch hinauf! Bereits mit zehn Jahren soll er erstmals auf die Mädelegabel geklettert sein. Eine Stange, die Landvermesser dort angebrachten, weckte seine Neugierde. 

Der von kleinauf zähe "Babischt" wird zu einem der Allgäuer Bergpioniere. Mit einem eigenwilligen Sinn für Humor: Als er 1855 seine Frau Genofeva heiratet, führt die "Hochzeitsreise" auf die Trettachspitze! Und damit auf jenen berüchtigten "Spitz", den Genofeva Brüder Urban, Alois und Mathias Jochum im selben Jahr als erste bestiegen.

Viele Alpinisten zieht es hinauf zur Mädelegabel.
Viele Alpinisten zieht es hinauf zur Mädelegabel.
Bild: Michael Munkler

Vorausschauend ist "Babischt" aber nicht nur am Fels, sondern auch in Sachen Finanzen. Als sein Onkel Vinzenz 1858 bei einem Arbeitsunfall tödlich verunglückt, übernimmt er dessen Bauernhaus (Einödsbach Nummer 1) und baut es im Laufe der Jahre zu "Schraudolphs Clubhütte" um. Immer mehr (wohlhabende) Sommerfrischler und Wissenschaftler strömen in dieser Zeit in Richtung Alpen und auch nach Einödsbach. Nur einen Steinwurf von Schraudophs Anwesen steht schließlich die Jagdhütte von Prinzregent Luitpold (1821-1912).

Der "Babischt" wird zu einem gefragten "Guide", wie man heute sagen würde. Ab 1876 ist er der erste autorisierte Bergführer in Oberstdorf und damit wohl auch im Allgäu. Der bekannte Bergsteiger Hermann von Barth beschreibt ihn als "eine untersetzte, sehnige Gestalt mit rotem Bart und hellen blauen Augen." Der "Babischt" raucht ganz gerne Pfeife und trinkt nicht immer nur Oberstdorfer Quellwasserwasser...

Dennoch besitzt er Zeit seines Lebens eine enorme Ausdauer und erhält regelmäßig Top-Bewertungen von seinen Gästen. Er führt unter anderem Touren auf die Trettach, die Hochfrottspitze, das Hohe Licht oder die Höfats.

Doch sein "Hausberg" in Sachen Führungen ist die Mädelegabel. Sie ist für seine Gäste im Vergleich zu Trettachspitze und Hochfrottspitze alpinistisch leichter zu meistern, wenngleich man einen langen Atem braucht. Zwischen neun und zehn Stunden dürfte die Tour ab Einödsbach gedauert haben. 

Ab 1876 sind 416 Touren im Bergführerbuch von "Babischt" Schraudolph dokumentiert. Vermutlich waren es sogar viele mehr. "Ich schätze, dass er im Laufe seines Lebens rund 500 Mal oben war", sagt Heimatforscher Eugen Thomma. Als der "Babischt" offizieller Bergführer wurde und anfing, sein Buch zu führen, war er immerhin schon 50 Jahre alt.

Gut möglich ist zudem, dass er "vergaß" die eine oder andere Tour zu notieren. Grund genug dafür hätte es gegeben: Denn pro Führung musste er Steuern zahlen... 

So oder so: Allein schon die 416 dokumentierten Touren sind eine enorme Leistung. Dass sie ihm nicht geschadet haben, beweist die Tatsache, dass er mit über 70 Jahren noch als Bergführer aktiv war und  ein für damalige Verhältnisse langes Leben führte. Im März 1908 starb er im Alter von 82 Jahren in Einödsbach.

Fotos von Johann Baptist Schraudoph hängen heute noch in der Stube des beliebten "Gasthof Einödsbach", den die Nachkommen des legendären Bergpioniers in der vierten Generation betreiben.

 

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