Die neue Bundesliga-Saison ist erst zwei Spieltage alt, aber alles riecht, klingt und schaut bei Ex-Meister Bayer Leverkusen bereits nach ernsten Problemen aus. Da war die fassungslose Miene des Clubbosses Fernando Carro nach dem denkwürdigen 3:3 (2:1) bei Werder Bremen. Da ist die kaum noch verhüllte Kritik an dem neuen Trainer Erik ten Hag. Und da sind die deutlichen Worte des neuen Kapitäns Robert Andrich am Samstagabend im Bauch des Weserstadions.
«So kannst du gegen keinen Gegner der Welt gewinnen», schimpfte der deutsche Nationalspieler. «Wir haben zu viele Leute, die sich nur mit anderen Sachen beschäftigen. Wir haben zu viele, die sich nur mit sich beschäftigen. So sah das Spiel auch aus: Jeder hat für sich gespielt. Jeder ist auf dem Platz herumgelaufen für sich allein.»
Die Leverkusener haben in Bremen ein «Kunststück» fertiggebracht, das eines Champions-League-Teilnehmers selbst in völlig neu formierter Besetzung unwürdig ist. 3:1 führte man gegen Werder bereits mit einem Mann mehr. Am Ende schenkte man den Sieg gegen einen stark ersatzgeschwächten und schwer angeschlagenen Gegner in Unterzahl noch her.
Trainer ten Hag bereits in der Kritik
«Das darf nie passieren im Profifußball», sagte ten Hag. Aber dieser Totalausfall aller Systeme zwischen dem Platzverweis für Werders Niklas Stark (63./Gelb-Rot) und dem späten Ausgleich durch den erst 18-jährigen Karim Coulibaly (90.+4) steht nicht für sich allein. Er folgte auf die überraschende Auftaktniederlage gegen 1899 Hoffenheim (1:2) und auf einen langen Artikel im Fachmagazin «Kicker», der die Spielvorbereitung und die Ansprachen des Niederländers kritisch beschrieb («An ten Hag kommen erste Zweifel auf»).
Als Andrich in Bremen die Gelegenheit bekam, wenigstens das Trainerthema vom Tisch zu wischen, ließ er sie verstreichen. Auf die Frage, ob die Spieler die Anweisungen ten Hags nur falsch umsetzen würden oder ob sie nicht wüssten, was sie tun haben, sagte der Kapitän: «Es ist eine Mischung aus beidem.» Und er fügte noch selbstkritisch hinzu: «Ich bin Kapitän, ich bin Mittelfeld, ich muss den Laden zusammenhalten. Deshalb muss ich mich als allererstes hinterfragen.»
Ten Hag tut das offenbar auch. Mit der frühen Kritik an seiner Arbeit konfrontiert, sagte der 55-Jährige: «Alles ist in meinem Bereich.» Ansonsten fiel schon auf, wie sehr sich Kapitän und Coach bei der Bewertung zentraler Leverkusener Probleme widersprachen.
Hincapie zu Arsenal
Beispiel Neuaufbau des Teams, das große Thema dieses Sommers: Weit mehr als 20 Zu- und Abgänge hat Bayer 04 bereits abgewickelt, aber mit dem Kommen und Gehen ist bis zum Ende der Transferfrist am Montagabend noch nicht Schluss. Innenverteidiger Piero Hincapie wechselt zum FC Arsenal. Die Mittelfeldspieler Ezequiel Fernandez (Al-Qadsisiya) und Eliesse Ben Seghir (AS Monaco) stehen vor der Vertragsunterschrift.
Ten Hag verwies auf den «großen Umbruch» und sagte: «In der Führung, in der Hierarchie der Mannschaft hat sich vieles geändert.» Dieses Argument ließ Andrich aber zumindest für das Werder-Spiel nicht gelten. «Das hat nichts mit irgendwelchen Unruhen oder Spielerwechseln oder Prozessen zu tun», sagte er. «Das geht los mit: zusammen den gleichen Plan mit Ball haben und zusammen den gleichen Plan gegen den Ball haben. Da müssen wir hinkommen.» Und das liegt im Verantwortungsbereich des Trainers.
Disput vor Elfmeter sinnbildlich für die Stimmung?
Ein anderes Beispiel: Eine Szene vor dem Tor zum 3:1, als sich die Bayer-Profis Patrik Schick und Exequiel Palacios um die Ausführung eines Elfmeters stritten. Andrich erzählte hinterher, erst auf dem Platz als Kapitän durchgesetzt zu haben, dass Schick schießt. Ten Hag meinte dagegen: «Es war vorher angesagt, wer den Ball nimmt und wer auf dem Zettel steht.» Das Verhalten seiner Spieler sei «inakzeptabel.»
Auch das zeigt: Vieles stimmt nicht in Leverkusen. Das gegenseitige Vertrauen ist nicht da. Eine sportliche Strategie, eine Spielidee noch nicht erkennbar. Ten Hags Hoffnung ist nun, dass nach der Länderspielpause wenigstens sein Kader endlich steht. «Am Dienstag ist alles zu Ende», sagte er. «Dann wissen wir, welche Spieler wir haben.» Die Frage ist nur, wie viel Zeit er noch bekommt, um mit ihnen zu arbeiten.


Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
Registrieren sie sichSie haben ein Konto? Hier anmelden