Sein Weg zum Erfolg

Segel-Weltmeister Philipp Buhl: So erfüllte sich der Allgäuer seinen Lebenstraum

Der Sonthofer Philipp Buhl wird in Melbourne erster deutscher Laser-Weltmeister der Geschichte.

Der Sonthofer Philipp Buhl wird in Melbourne erster deutscher Laser-Weltmeister der Geschichte.

Bild: Jon West

Der Sonthofer Philipp Buhl wird in Melbourne erster deutscher Laser-Weltmeister der Geschichte.

Bild: Jon West

Er schreibt seine Geschichte weiter. Mit dem ersten Weltmeister-Titel eines deutschen Laser-Seglers in der Historie hat sich Philipp Buhl einen Lebenstraum erfüllt.
17.02.2020 | Stand: 17:28 Uhr

Um den Erfolg des Sonthofers zu verstehen, muss man die Komponenten sehen, die ihn geformt haben: die Arbeit hinter dem Weltmeister-Titel, das Umfeld, das den Sonthofer prägt und den Menschen, der der 30-Jährige heute ist. Wie der Skifahrer vom SC Rettenberg, in der Schule gut in Physik, im Fußball untalentiert, sich zum Rekordsieger der Kieler Woche, zur Nummer eins der Weltrangliste und zum Weltmeister aufschwang.

  • Schmerz als Motivation:
    Dabei kann der herbste Schlag in seiner Karriere als Leitfaden dienen, den Weg zum besten Segler der Welt zu verfolgen. Erst heute wird deutlich, welchen Prozess der 14. Rang bei Olympia in Rio 2016 angekurbelt hat, welches Feuer er in Buhl entfacht hat. „Es fühlt sich an, wie eine Erlösung. Nach so vielen Jahren der Arbeit und dem Nachjagen dieses einen Ziels. Es war schwer, den Glauben nicht zu verlieren“, sagt Philipp Buhl. Nach dem Desaster in Rio hatte er noch gesagt: „Ich weiß, dass meine Chance wiederkommt.“

  • Die privaten Stützen:
    Da ist Schwester Angela, die mit dem Fahrrad eine Weltreise startete, um Philipp in Rio zu unterstützen. Da ist Freundin Caro, mit der Buhl seit zwei Jahren liiert ist, und die – beim Reiseaufwand von jährlich 310 Tagen – der Fels in der Brandung ist. Da ist Vater Friedl, der den Filius seit den ersten Segelversuchen mit neun Jahren fördert, unterstützt, kitzelt und kritisiert. Und da sind Freunde. „Philipp ist ein Muster an Loyalität. Wann immer er da ist, holt er das Maximum an der Freundschaft heraus“, sagt Sebastian Burger (31). Der Blaichacher kennt Buhl seit der sechsten Klasse.

  • Die Analyse:
    Angefangen von den Wind- und Wetterauswertungen von Vater Friedl, über das Engagement der britischen Segel-Legende David Howlett als Gast-Trainer, bis zu einem eigens entworfenen Analyse-Werkzeug, um alle Faktoren vor dem Rennen zu bewerten: Buhl versteht es, mit beinahe manischer Präzision jede Faser seines Körpers für das Leistungsmaximum zu optimieren. Beeindruckend ist, mit welcher Stringenz Buhl die Erkenntnisse umsetzt. Aber er weiß: „Wenn Du mental auf der Kippe stehst, versagst Du in großen Momenten.“

  • Das Mentale
    Das ist Buhl größtes Plus. Der sechsmalige Sieger der Kieler Woche hat gelernt, über sich hinauszuwachsen. Das ständig neue Fokussieren, permanent neue Kanäle zu suchen, die Motivation für den Sport zu finden, sollten Misserfolge oder ein Schlendrian sie aufzufressen drohen. Diese einzigartige Fähigkeit, nach kolossalen Patzern ebenso wie nach furiosen Manövern, messerscharf und sachlich zu analysieren. So erkannte Buhl, nachdem er 2015 erstmals Nummer eins der Welt geworden war: „Nur das bringt mich weiter – die Emotionen zu lösen und versuchen, alles klar zu sehen. Als das, was es ist“. Buhl hat gelernt die Leidenschaft zu dosieren, um seine Ziele zu erreichen.

  • Die Selbstkritik
    Auch hier – blicken wir zurück nach Rio: Als Weltranglisten-Erster, als Vize-Welt- und Vize-Europameister schied Buhl als 14. aus. „Ich habe die Zweifel nicht aus dem Kopf bekommen. Ich habe mich gefragt, ob ich auf dem Niveau in Schlüsselphasen am richtigen Ort bin“, hatte Buhl damals harte Worte gefunden. „Meine Unterstützer, meine Schwester: Sie alle haben für den Traum mitgefiebert und ich habe sie enttäuscht.“ Buhl haderte mit sich, ausschließlich. „Es ist zermürbend, dass ich in der wichtigsten Stunde nicht auf den Punkt da war. Aber der Moment hat mich für so viel Neues motiviert.“

  • Die Demut
    Dieser Charakterzug hat sich schon in Schulzeiten abgezeichnet, wie Freund Sebastian Burger erzählt: „Philipp ist unglaublich bodenständig. Er war mal drei Wochen weg, kam in die Schule und sprach kein Wort über die Zeit. Als ich nachgefragt habe, kam als Antwort: ,Pssst, ich bin Jugend-Europameister geworden’. Das sagt alles.“ Tatsächlich gewährt Buhl, wenn er sich öffnet, faszinierende Einblicke in sein Innenleben. „Ich weiß jetzt, dass ich ohne jeden Zweifel im Inneren zufrieden eines Tages meine Karriere beenden kann. Dieser Titel entschädigt für alle Fehltritte. Und für alle, die kommen werden“, sagt Buhl. Dabei hat man den Eindruck, dass Philipp Buhl nicht zwingend nach Perfektion strebt, sondern dass er die Harmonie zwischen sich und seiner Welt, seinem Potenzial und seinem Sport, seinen Träumen und seinen Zielen sucht. In der Philipp-Bucht hat er diese Harmonie einmal gefunden. Aber er wird weiter suchen.