Corona-Pandemie

Ex-Minister zieht Corona-Bilanz: Wer verzeiht Jens Spahn?

Jens Spahn bei der Vorstellung seines Buches.

Jens Spahn bei der Vorstellung seines Buches.

Bild: Paul Zinken, dpa

Jens Spahn bei der Vorstellung seines Buches.

Bild: Paul Zinken, dpa

Jens Spahn war einmal der oberste Corona-Bekämpfer und der beliebteste Politiker Deutschlands. In einem Buch schildert er nun seine Sicht der Dinge.
25.09.2022 | Stand: 09:50 Uhr

Der Platz von Jens Spahn ist jetzt die zweite Reihe. Wenn er im Deutschen Bundestag Richtung Regierungsbank oder Rednerpult schaut, ist Friedrich Merz (in der ersten Reihe) im Weg. Wenn er politisch noch einmal etwas werden will, auch.

Spahn, der konservative Ex-Hoffnungsträger, Ex-Minister und Ex-Parteivorsitzkandidat ist jetzt einer von vielen. Wenn es schlecht läuft, liegen seine besten Jahre in Berlin schon hinter ihm. Dabei ist er erst 42 und war einmal der beliebteste Politiker der Republik. Um nach vorne schauen zu können, schaut der CDU-Mann erst einmal zurück. In einem Buch.

Eine Abrechnung ist das Buch von Jens Spahn nicht

Eine Abrechnung ist das, was Spahn da auf rund 300 Seiten zu Papier gebracht hat, nicht. Jedenfalls muss die Geschichte der Pandemie, deren politische Symbolfigur er als Bundesgesundheitsminister geworden war, nicht neu geschrieben werden. Spahn hat früh gespürt, dass Corona zu seinem Schicksal werden würde – so oder so.

Schon zu Beginn des monatelangen Ausnahmezustandes sagte er einen Satz, der nachhallte – und mit dem er nun auch sein Buch überschrieben hat: „Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Geht es ihm darum? Dass die Menschen ihm verzeihen?

Spahn gibt Fehler zu, lenkt den Blick aber auch auf andere

Spahn weiß, dass es der eigenen Glaubwürdigkeit gut tut, wenn man Fehler zugibt. Dass Schulen und Kindergärten pauschal dicht gemacht wurden, sei einer dieser Fehler gewesen, räumt er ein. „Die Lockdowns hatten nicht nur eine wirtschaftliche Dimension, sondern immer auch eine zutiefst menschliche und soziale“, schreibt er im Rückblick und fügt hinzu, es seien die politisch Verantwortlichen, die dafür um Verzeihung bitten müssen. Und doch wirkt dieses Eingeständnis ein bisschen zu kalkuliert.

Weil er im nächsten Atemzug in die Vorwärtsverteidigung geht („Freiheitseinschränkungen waren eine bittere Medizin, aber eben auch eine wirksame“). Aber auch, weil er anklingen lässt, er selbst habe diese radikale Politik ja gar nicht gewollt. Vielmehr habe Bayerns Ministerpräsident Markus Söder mit seinem Alleingang eine bundesweite Kettenreaktion in Gang gesetzt. So ganz allein will er dann eben doch nicht als Buhmann dastehen. Denn selbstverständlich hat sein Buch, dass in Wahrheit nur bedingt Blicke hinter die Fassade zulässt, in erster Linie den Zweck, das Bild zu korrigieren, das die Deutschen im Kopf haben, wenn sie seinen Namen hören.

In der CDU sind Jens Spahn die Herzen nie zugeflogen

Spahn war in den ersten Corona-Monaten zum Superstar und zur gar nicht so stillen Kanzler-Reserve der Union geworden. Doch es folgte ein irrwitziger Absturz. Am Ende wurde er angefeindet, wo er auftrat. Und in der eigenen Partei waren ihm die Herzen ohnehin nie zugeflogen. Dort galt er plötzlich als Hochstapler, der ja irgendwann einmal auffliegen musste.

Das alles lag nicht nur an Fehlern in der Corona-Politik, sondern auch daran, dass ihn immer wieder der politische Instinkt verlassen hat.

Zum Beispiel, als er sich mitten in der Krise, in der viele Menschen um ihre Existenz bangten, mit seinem Mann eine Villa für mehr als vier Millionen Euro kaufte– und partout nicht sagen wollte, wie er sich das leisten konnte. Spahn räumt ein, dass dies ein „wirklich schlechter Zeitpunkt“ gewesen sei.

Das gilt auch für ein Spenden-Dinner mit einer Menge Leute, das er besuchte, während er den Bürgerinnen und Bürgern einbläute, jeglichen sozialen Kontakt zu vermeiden. „Als Gesundheitsminister in so einer Lage hat man eine Vorbildfunktion. Die habe ich an diesem Abend nicht erfüllt. Und das hat mich zu Recht eingeholt“, schreibt Spahn.

Bei aller zur Schau gestellten Einsicht drängt sich aber doch das Gefühl auf, dass da einer Altlasten abräumen will, um neu anfangen zu können. Dass einer Entscheidungen als falsch bezeichnet, von denen ohnehin schon jeder weiß, dass sie falsch waren. Mehr Seiten und Zeilen nimmt sich der Ex-Minister jedenfalls, um die zweifellos immense Arbeitsbelastung und den Druck zu beschreiben, unter dem er als oberster Krisenbekämpfer der Republik gestanden hatte.